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Sonntag, 19. Februar 2012
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Olympische Spiele Kryptische Vernebelung - Rogges Rückfall

11.04.2008 ·  Am Donnerstag hatte er dem konturlos gewordenen IOC im Dialog mit den chinesischen Olympia-Veranstaltern wieder eine Form gegeben. Über Nacht kehrte IOC-Präsident Jacques Rogge jedoch zur alten Strategie zurück: Stille Diplomatie.

Von Evi Simeoni, Peking
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Nein, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wollte auch am Freitagnachmittag zum Abschluss der Exekutiv-Sitzungen in Peking nicht sagen, was er zwei Tage zuvor mit dem chinesischen Premierminister Wen Jiabao besprochen hat. „Ich treffe regelmäßig Staatschefs“, erklärte Jacques Rogge vor etwa 200 Journalisten ausweichend. „Und ich berichte nichts davon. Das wäre ein Vertrauensbruch.“

Nach seinen klaren Worten vom Donnerstag, als er dem konturlos gewordenen IOC im Dialog mit den chinesischen Olympia-Veranstaltern wieder eine Form gegeben hatte, kehrte der 65 Jahre alte Belgier zur alten Strategie zurück: „Stille Diplomatie“. Es sei ein gutes Gespräch gewesen - immerhin. Ein offener Austausch. Ein gutes Vorbereitungstreffen für die im August in Peking beginnenden Olympischen Spiele.

„Das ist ein politisches Thema, das China entscheiden muss“

Es klang fast so, als wäre nie etwas gewesen. Die Zuhörer hörten verwundert die alten Floskeln. Hatte Rogge nicht einen Tag zuvor deutlich gemacht, dass er von der chinesischen Regierung die Erfüllung ihrer „moralischen Verpflichtung“ verlange, die Menschenrechtslage im Land zu verbessern? Diesmal zuckte er vor der Frage nach der Situation in Tibet zurück: „Diese Grenze will ich nicht überschreiten, das ist ein politisches Thema, das China entscheiden muss.“

Das IOC, so scheint es, hat im Zusammenwirken mit den chinesischen Olympia-Ausrichtern ein asiatisches Gesicht entwickelt. Es ist schwer, zu erkennen, was sich unter der freundlichen Miene verbirgt. Haben sich die Stürme der vergangenen Tage gelegt? Wie ist es in diesem Zusammenhang zu werten, dass eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums die IOC-Mitglieder noch am Donnerstag darauf hinwies, sie sollten sich gefälligst an ihr eigenes Regelwerk, die Olympische Charta, halten und ihre politische Neutralität wahren? Rogge wollte von dieser dreisten Umkehrung der Zuständigkeiten nichts wissen: „Ich kommentiere keine Äußerungen von Außenministerien“, sagte er mit unergründlichem Lächeln.

Wenn der Wind von vorne kommt, muss man kreuzen

Auch die Athleten, denen Rogge am Vortag noch zusagte, sie hätten während der Spiele alle Möglichkeiten, das Recht der freien Meinungsäußerung in Anspruch zu nehmen, dürften nun wieder Zweifel der unangenehmen Art beschleichen: Außerhalb der olympischen Stätten, erklärte Rogge, müssten sich natürlich alle an die Gesetze des Gastgeberlandes halten. „Es gibt Länder“, sagte er kryptisch, „in denen man ins Gefängnis muss, wenn man öffentlich die Nationalflagge verbrennt.“

Man habe aber die Versicherung der chinesischen Behörden, dass es keine Probleme geben werde, wenn die Gesetze befolgt würden. Was war über Nacht passiert mit Rogge, der am Donnerstag blass im Gesicht wirkte, aber deutliche Ansagen machte und sich am Freitag rosig hinter Allgemeinplätzen verschanzte? Möglich, dass er sich seiner alten Tugenden als Olympia-Segler noch einmal erinnerte: Wenn der Wind von vorne kommt, muss man kreuzen, also einen Zick-Zack-Kurs einschlagen.

„Wir wissen nicht, ob der Dialog eine gute Wirkung hat“

Vielleicht hilft bei der Rogge-Interpretation dieser Tage die Einschätzung des Norwegers Gerhard Heiberg weiter. „Die ganze Sache ist wirklich sehr schwierig. Der Druck von außen ist sehr groß. Die Chinesen denken anders als wir.“ Insofern seien die Schwierigkeiten, die es zur Zeit mit dem Fackellauf gebe, sogar lehrreich für die Olympia-Ausrichter - vorausgesetzt, es werde nicht schlimmer als bisher. „Sie haben nun selber gesehen, was geschehen ist.“ Am Freitagabend wurde die Fackel durch die argentinische Hauptstadt Buenos Aires getragen - ohne die angekündigten Protestaktionen. Stattdessen drohte der Lauf mehrmals an den Massen von Schaulustigen zu scheitern, die die Straßen der Innenstadt verstopften.

Das IOC sei heute mit dem Organisationskomitee näher an einer Partnerschaft als noch vor ein paar Monaten. „Wir haben einen guten Dialog, aber wir wissen nicht, ob er eine gute Wirkung hat.“ Heiberg sieht eine Chance darin, dass die Parteien aufeinander angewiesen sind. „Es sind unsere Spiele“, sagt er. „Die Chinesen sind von uns abhängig, und wir sind von den Chinesen abhängig.“ Die zwölf Top-Sponsoren des IOC scheinen sich an der brisanten Lage nicht zu stören. „Die Stimmung ist merkwürdig gut“, sagt Heiberg. Trotzdem müsse das IOC im Moment „viel Prügel“ einstecken. „Das sind wir sicher nicht gewöhnt, aber wir haben klar Stellung bezogen. Und wenn es um den Erfolg der Spiele geht, muss man Stellung nehmen.“ Wenigstens einen Tag lang.

Tröstliche Klarheit: Bachs deutliche Aussage

Sein Präsident jedenfalls fuhr in seiner Pressekonferenz fort, sich zu entziehen. Die Menschen, die auf den Etappen des Fackellaufs gegen die chinesische Unterdrückungspolitik protestierten, indem sie sogar versuchten, den Läufern die Flamme zu entreißen, meinten in Wirklichkeit gar nicht die olympische Fackel, erklärte er. „Sie wissen, dass Olympia ein großes Medieninteresse verursacht und dass sie auf diese Weise die ganze Welt hören wird.“ Und es gebe auch keine wichtigen Probleme, die in den 119 Tagen bis zur Eröffnungsfeier noch gelöst werden müssten. „Wir hatten ein sehr gutes Gespräch mit den Vertretern von Bocog“, sagte er. Die Vorbereitung sei exzellent.

Nun gut: Am Vortag hatte Rogge noch von einer Krise gesprochen. Wann diese beendet werde, könne er nicht sagen, erklärte er am Freitag vage. „Ich habe keine Kristallkugel. Aber ich bin optimistisch, dass die Spiele ein großer Erfolg werden.“ Und so blieb es an jenem auf geradezu olympia-historische Weise unklaren Nachmittag ausgerechnet dem stets vorsichtigen IOC-Vizepräsidenten Thomas Bach überlassen, die einzig deutliche Aussage zur olympischen Wochen-Bilanz zu machen. Auf die Frage, welche wichtigen Themen bis zur Eröffnungsfeier am 8. August noch anstehen, erklärte Bach: „Der wichtigste Punkt ist, dass es in der Tibet-Frage zu einer Dialog-Lösung kommt und Gewalt keine Rolle spielt.“ Im Vergleich zu Rogges kryptischen Vernebelungsmaßnahmen eine Wiederholung von geradezu tröstlicher Klarheit.

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