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Olympische Spiele In den Brunnen gefallen

30.03.2008 ·  Für die Olympischen Spiele schlägt zurzeit die Stunde der Wahrheit. Nun rächen sich all die Sünden der vergangenen Jahrzehnte: die ausufernde Kommerzialisierung etwa und die Hingabe der Olympier an politische Machthaber.

Von Evi Simeoni
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Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat es noch nicht gemerkt, doch für seinen größten Besitz, die Olympischen Spiele, schlägt zurzeit die Stunde der Wahrheit. All die Sünden der vergangenen Jahrzehnte rächen sich nun: die ausufernde Kommerzialisierung etwa und die Hingabe der Olympier an politische Machthaber. Die moralische Überfrachtung der Wettbewerbe und der pseudoreligiöse Kitsch der offiziellen Zeremonien werden durch die chinesische Staatsführung in diesen Tagen sogar der Lächerlichkeit preisgegeben.

Der Lack, der die Schadstellen des weltweit beliebten Fernsehunterhaltungsprogramms „Olympia“ bisher so zuverlässig überdeckt hat, bröckelt ab. Der chinesische Blick lässt die Spiele zu dem zusammenschrumpfen, was sie, entkleidet vom sportlichen Drama, in ihrem Kern sind: eine Kommerz-Veranstaltung mit gigantischem Propaganda-Potential.

Die Repression im ganzen Land wird schärfer

Wenn das Führungspersonal der Welt am 8. August in Peking zur Eröffnungsfeier erscheint, so wird dies auch eine Verbeugung vor dem kommunistischen Regime und seiner Instrumentalisierung westlicher Symbolik sein. Man wird Frieden und Harmonie beschwören, weiße Tauben in den Himmel fliegen lassen und einer surrealen Vorstellung von ethisch anspruchsvollem Sportsgeist huldigen. Und das Politbüro der chinesischen KP wird alles erreicht haben, was es sich vorgenommen hat. Es kann sich mittels perfekt organisierter Spiele als globale Führungsnation präsentieren. Es hat aber auch der freien Welt bewiesen, dass es sich um deren Forderungen nach Demokratie und der Einhaltung der Menschenrechte nicht zu scheren braucht.

Bei der Vergabe der Olympischen Spiele 2008 vor sieben Jahren hatte sich die selbsternannte internationale Elite der IOC-Mitglieder noch eingebildet, sie fördere damit die Öffnung einer isolierten Gesellschaft, was unter anderem zur Verbesserung der Menschenrechtslage dort führen werde. Doch rund vier Monate vor den Spielen beweist China, dass es nicht daran denkt, irgendwelche angedeuteten Zusagen in dieser Richtung einzuhalten. Der tibetische Aufstand in Lhasa wurde ohne Furcht vor internationaler Kritik und ohne Rücksicht darauf niedergeschlagen. Die Repression im ganzen Land wird schärfer, der Dalai Lama, immerhin Träger des Friedensnobelpreises, verunglimpft, und das ohne praktische Konsequenzen. Stattdessen hat der deutsche Sport bereits versichert, ein Olympia-Boykott komme für ihn nicht in Frage.

Eine doppelte Bedeutung

Ausgerechnet an jenem Tag, dem Ostermontag, an dem unter Anfällen von pathetischem Friedenskitsch im antiken Olympia das olympische Feuer entzündet wurde, verurteilte ein chinesisches Gericht ungeniert einen Bürgerrechtler, der „Menschenrechte statt Olympischer Spiele“ gefordert hatte, zu fünf Jahren Haft. IOC-Präsident Rogge geht lediglich in hochtrabenden Allgemeinplätzen auf solche Widersprüche ein, die er eigentlich als Ohrfeigen für sein ganzes Selbsterklärungssystem werten müsste.

Der übliche Weg des IOC, sich aus Zwangslagen zu befreien, ist die Rückbesinnung auf seine Sportler: auf die jungen, gutaussehenden Menschen, die bisher immer noch genügend Faszination ausstrahlten, um die Schwächen der Funktionäre vergessen zu machen. Mit Hilfe einer Stärkung der Athletenvertreter überstand man 1999 sogar den internen Korruptionsskandal. Allerdings standen die Olympischen Spiele bereits vor dem Aufbrechen des Tibet-Konflikts aus anderen Gründen vor einer Sinnfrage: Die Glaubwürdigkeit der Sportstars ist angesichts der jüngsten Doping-Skandale erheblich beschädigt.

Dass sie sich dagegen wehren, von Politikern zu Aktionen gegen die Unterdrückung der Tibeter aufgefordert zu werden, weil sie nicht als moralische Instanz missbraucht werden wollen, hat darum sogar eine doppelte Bedeutung. Die in feierlichen Eiden beschworenen Fair-Play-Formeln Olympias klingen sowieso nur noch hohl angesichts des massenhaften Missbrauchs von Blutverdickern und Designer-Steroiden und der immer konkreter werdenden Gefahr der Genmanipulation im Sport.

Ein Boykott durch die aufgeklärten Nationen käme zu spät

Die „Jugend der Welt“ ist erwachsen geworden und alles andere als naiv. Die westlichen Spitzensportler wollen als Berufsathleten und Unternehmer in eigener Sache gesehen werden, die genauso wenig durch einen Boykott gegen Peking auf ihre Erwerbsgrundlage verzichten können wie der Rest der Wirtschaft. Schlimm genug für sie, dass Asien ihnen in diesem Jahr sowieso die Schau stehlen wird. China will schließlich seine eigenen - inzwischen erstaunlich individualistischen und doch in der Diktatur hochgezüchteten - Stars häufiger als alle anderen Nationen auf den Siegertreppchen plazieren: zur Feier des Systems.

Vielleicht werden einige Athleten die Courage und die Selbstachtung aufbringen, sich von der chinesischen Politik verbal oder in solchen Aktionen zu distanzieren, die sich mit dem Reglement vertragen. Ein Boykott der Spiele durch die aufgeklärten Nationen aber käme zu spät. Es wäre so, als würde man einem Kind, das bereits in den Brunnen gefallen ist, ein zweites hinterherwerfen.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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