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Olympiaboykott von 1980 Als es reichlich Fleisch in Moskau gab

 ·  Als Protest gegen die sowjetische Militärintervention in Afghanistan boykottierten viele westliche Länder die Spiele 1980 in Moskau. Doch das „Polizeisportfest“ entwickelte eine überraschende Eigendynamik. Leo Wieland begleitete Olympia damals als F.A.Z.-Korrespondent und blickt zurück.

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Es war noch Kalter Krieg, und trotzdem wollten viele hin. Dann kam ein heißer Krieg dazwischen, und ein guter Teil der „Jugend der Welt“ blieb weg - oder musste wegbleiben. Man schrieb das Jahr 1980. Die Sowjetunion, wie das erste kommunistische Land hieß, das Olympische Spiele austragen durfte, wurde von einem kränkelnden Greis namens Leonid Breschnew regiert. Moskau, Acht-Millionen-Stadt und Schaufenster eines hochgerüsteten Raketenweltreichs, welches alle Mühe hatte, für seine Bürger eine Gabel mit vier geraden Zinken herzustellen, war schon dabei, sich für devisenbringende Gäste aus allen fünf Kontinenten herauszuputzen. Doch am zweiten Weihnachtstag 1979 marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein. In Washington forderte Präsident Jimmy Carter zur Strafe einen Olympiaboykott.

Nun war guter Rat teuer. Im Moskauer Winter quollen die sonst dürftig ausgestatteten Schaufenster schon von „Mischas“ über, den Olympiamaskottchen. Es versprach ein grenzüberschreitender Sympathieträger zu werden. Die ideologischen Wächter der moralischen Reinheit eines sklerotischen Systems warnten derweil vor „geistiger Unterwanderung“ und „vergifteten Kaugummis“. Und nun das: Olympiaboykott.

„Es kommt in unseren Regeln nicht vor“

Carter konfrontierte die Männer im Kreml mit einem Ultimatum. Truppenabzug aus Kabul bis zum 20. Februar - oder . . . Dem Vorsitzenden des Internationalen Olympischen Komitees, dem milden irischen Lord Killanin, wurde ganz anders. Das galt auch für den spanischen Botschafter in Moskau, Juan Antonio Samaranch, dem zum Sprung an die Spitze des IOC nur der Westdeutsche Willi Daume noch im Wege stand. In einem Gespräch mit dieser Zeitung sagte der Diplomat auf die Frage, ob es denn mit der Olympischen Charta vereinbar sei, in einem Land Spiele abzuhalten, das gerade in einen Krieg verwickelt sei: „Offiziell gibt es keinen Krieg, von dem ich Kenntnis hätte. Aber wie gesagt, offiziell. Und außerdem gibt es in der Charta an keiner Stelle das Wort Krieg. Es kommt in unseren Regeln nicht vor.“

Die Monate verstrichen mit Debatten über möglichen Schaden und Nutzen, Gewinner und Verlierer, sowie über eine Fülle abgestufter Boykottvarianten. Am 18. Juli war es schließlich so weit. Leonid Breschnew, 73 Jahre alt, angeschlagen, aber frisch von der Sonne der Krim gebräunt, eröffnete im Lenin-Stadion die XXII. Olympischen Spiele der Neuzeit. Besonders lebhaft klatschte er, als die Athleten aus Afghanistan einmarschierten. Dabei fehlte die Hälfte, weil die Ringer, Kicker und Hockeyspieler sich zuvor zu etwa gleichen Teilen nach Pakistan und in die Bundesrepublik Deutschland abgesetzt hatten.

Demonstrative Protestgesten

Im Kreis der akkreditierten westlichen Journalisten ging es im Stadion vor allem um Politik und den Vergleich mit den Berliner Spielen von 1936 nach der Machtergreifung Adolf Hitlers. Dazu kam die aktuelle Statistik. Von 146 geladenen Ländern hatten 81 zu- und der Rest abgesagt. Am meisten fiel das Fehlen der Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik und der kanadischen Gastgeber von Montreal 1976 auf. Unter den Europäern fehlten außer den Westdeutschen noch Albanien, Liechtenstein, Monaco und Norwegen, außerdem der Grenzfall Türkei.

Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande, San Marino und die Schweiz hatten beschlossen, dass ihre angereisten Sportler nicht an der Eröffnungszeremonie, wohl aber an den Wettbewerben teilnehmen würden. Großbritannien, Irland, Malta und Portugal ließen sich zum Auftakt von nur einem Athleten vertreten. Die Sportler der genannten Teilnehmer waren im Übrigen gehalten, sich bei eventuellen Siegerehrungen nicht mit den Fahnen ihrer Staaten, sondern nur vor der Olympiaflagge zu zeigen. Andorra, Dänemark und Spanien ließen ihre Mannschaften der IOC-Fahne folgen. Nur Österreich, Finnland, Griechenland und Schweden verzichteten auf demonstrative Protestgesten.

„Eurokommunisten“

Wer sich mit dem Fernglas im Lenin-Stadion umschaute, bemerkte sofort, dass sowohl der (ursprünglich einmal erwartete) Papst als auch die gekrönten Häupter und Staatschefs aus dem Westen fehlten. Es fehlten ferner die Botschafter der Boykottländer und einiger Länder, deren Regierungen bis zum Schluss in Sachen Protokoll unschlüssig waren. Dafür mischten sich unter die mit allerlei Leninorden und Rotbannerbändern geschmückten sowjetischen Politbürostars, Generäle, Astronauten und Volkskünstler vier Regierende aus den „Bruderländern“: Schiwkow aus Bulgarien, Husák aus Ungarn, Le Duan aus Vietnam und Zedenbal aus der Mongolei.

Die drei „Brüder“ aus dem Westen, die bei niemandem in Verdacht standen, von der Modekrankheit des „Demokratismus“ befallene „Eurokommunisten“ zu sein, hießen Marchais (Frankreich), Cunhal (Portugal) und Muri (Österreich). Dann war da noch mit seinem Kopftuch der Palästinenserführer Arafat. Leicht verlegen hatte ein sowjetischer Sprecher beteuert, dass der „Genosse Jassir“ mit dem Münchner Massaker von 1972 „ganz bestimmt gar nichts zu tun gehabt“ hätte.

„Verleumdung und Geschwätz statt Sport“

Die Berichterstattung über die Spiele stand während der ersten Tage noch ganz im Zeichen des politischen Konflikts und der tölpelhaften Zensurversuche der sowjetischen Apparatschiks. Auch schien keiner auf Lord Killanin zu hören, der den westlichen Reportern empfohlen hatte, nun mal „schön objektiv“ zu schreiben. Jedenfalls waren die Moskauer Medien höchst ungehalten über die Mischung aus „Verleumdung und Geschwätz statt Sport“.

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung geriet zusammen mit ARD und ZDF in den Tiradenwirbel des Propagandaapparats, der so manchen harmlosen Meister des Worts als „Spion“ ausmachte. Die Westdeutschen hatten an der Heimatfront des Boykotts zum ersten Mal seit dem Bau der Berliner Mauer das Glück, dass es die DDR und das Ostfernsehen gab. ARD und ZDF „importierten“ frische Olympiaware per Video von drüben, um den wachsenden Bedarf hüben zu decken. Politische Korrespondenten aus dem Westen berichteten aus Moskau indessen über „Prawda“-Artikel, die „erfolgreiche Kampfhandlungen zur Säuberung afghanischer Städte und Dörfer von Banditen und anti-afghanischen Elementen“ meldeten.

Die Religionsfreiheit war plötzlich ausgebrochen

Die sowjetischen Behörden hatten, was von den Hauptstädtern als wahrer Segen empfunden wurde, die täglichen zwei Millionen Besucher aus allen sowjetischen Republiken für die drei Sommerwochen aus „technischen Gründen“ schlicht ausgesperrt. Das hatte zur Folge, dass es in den Fleischerläden plötzlich reichlich vom Rind, Schwein und Hammel gab statt des üblichen traurigen Häufleins von Knochen, Fett und Sehnen aus vorolympischer Zeit. Die Schlangen waren kürzer, die Verkäuferinnen freundlicher und der Alltag in Maßen ein Fest.

Außerdem war plötzlich die Religionsfreiheit ausgebrochen. Die Kommunistische Partei verzichtete vorübergehend auf das ihr von der sowjetischen Verfassung garantierte Monopol auf „atheistische Propaganda“ und versorgte die Gotteshäuser der Hauptstadt sogar mit Blumen. Sieben Kirchen standen im Olympischen Dorf offen: für Buddhisten und Baptisten, Lutheraner und Katholiken, Juden und Muslime sowie natürlich für die russisch-orthodoxen Sportler, die sie nicht benutzten.

36 Welt- und 74 Olympiarekorde

Während noch die Devisenverluste für die Sowjetunion durch die wegen des Boykotts geschrumpften Touristenkontingente auf umgerechnet eine halbe Milliarde Mark hochgerechnet wurden, passierten seltsame Dinge in den Stadien: Weltrekorde, olympische Rekorde, Zuschauerrekorde. Was eingangs despektierlich ein internationales „Polizeisportfest“ genannt worden war, mauserte sich binnen einer Woche zu einem spannenden Wettbewerb mit Hochleistungen, die bald die Vorgaben von Montreal übertrafen.

Dann drehte sich auch der Wind bei den Siegerehrungen. Wenn, was häufig vorkam, auf den Treppchen nur Russen und Ostdeutsche standen, war die Sache mit Fahne und Hymne kein Problem. Als aber auch Briten, Spanier und Italiener Gold gewannen und immer nur die Olympiaflagge aufgezogen wurde, führte das bei den Sportlern zu gehöriger Frustration. Sie wollten, wie sie sagten, „zeigen, woher wir sind“. Das besorgten schließlich voller Erfindungsreichtum die Grüppchen der Landsleute der „Staatenlosen“ in den Rängen. Auf Hüten und Hemden erschienen plötzlich die Landesfarben, wurden an kleinen Fahnenstangen geschwenkt und kamen so mit Hilfe der Fernsehkameras um den Globus.

Als die Moskauer Spiele am 4. August 1980 zu Ende gingen, hatten die sowjetischen Olympiafunktionäre das Gefühl, doch noch irgendwie gewonnen zu haben. Politik und Protest waren von 36 Welt- und 74 Olympiarekorden überlagert worden. Die Organisation hatte mit kommunistischer Perfektion funktioniert, und die Doping-Kontrollen waren, wie es hieß, „allesamt negativ verlaufen“. Zu den Verlierern gehörte hingegen das sowjetisch okkupierte Estland, weil zahlreiche der besten Segler des Westens den Wettbewerben in Tallinn (Reval) ferngeblieben waren. Da wurde bestraft, wer es nicht verdient und auf einen größeren Hauch frischer Luft aus der freien Welt gehofft hatte.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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