13.04.2008 · Erst schwieg er, dann legte er devot seine Chirurgenhände in den Schoß. Nun hagelt es für Jacques Rogge Ohrfeigen: Der Präsident hat das IOC in eine missliche Lage gebracht - dessen Glaubwürdigkeit aber gerettet.
Von Evi Simeoni, PekingWo ist denn nur das Charisma hin? Diese Aura des Welt-Würdenträgers, der Glanz des eleganten Chevaliers? Wie ein Schuljunge saß Jacques Rogge am vergangenen Mittwoch auf seinem Sessel neben dem chinesischen Premierminister Wen Jiabao. Der mächtige Regierungschef des Riesenreiches wirkte entspannt und zufrieden - der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hielt sich hölzern aufrecht und legte devot seine feinen Chirurgenhände auf die Knie. Welch eine ungewohnte Lage beim Gespräch in der Großen Halle des Volkes in Peking: Normalerweise wird Rogge in aller Welt hofiert. Schließlich repräsentiert er eine Institution, mit der sich Staatsmänner gerne schmücken. Rogge hat schon vielen von ihnen lächelnd die Hand geschüttelt. "Ich treffe regelmäßig Staatschefs", sagt er.
Es ist noch kein Jahr her, dass der damalige russische Staatspräsident Putin dem IOC bis in die ungemütliche Hauptstadt Guatemalas hinterherreiste, um ihm seine Aufwartung zu machen. Er machte den Olympiern sogar das Geschenk, erstmals in der Öffentlichkeit französisch - die Sprache des Olympia-Stammvaters Pierre de Coubertin - zu sprechen. Putin flog mit dem Auftrag wieder nach Hause, die Olympischen Winterspiele 2014 in seinem Urlaubsort Sotschi am Schwarzen Meer zu veranstalten. Zurück ließ er den Duft der Macht, an dem sich die IOC-Mitglieder noch eine ganze Weile berauschen konnten. Welch ein Höhepunkt in Rogges bisher siebenjähriger Amtszeit!
Worte als Köder ohne viel Nährwert
Doch nun hat ihn China, der Gastgeber der im August beginnenden Sommerspiele, ernüchtert. Rogge steht vor der Frage, was er wirklich zu sagen hat im globalen Muskelspiel der Wirtschaftsgroßmächte. Die olympische Bewegung mag stark sein, China ist stärker. Zwar hat das chinesische Bewerbungskomitee im Jahr 2001 erklärt, wenn es die Spiele 2008 erhalte, werde das die gesellschaftlichen Verhältnisse im Land voranbringen - die Menschenrechtslage eingeschlossen. Doch diese Worte erweisen sich nun als Köder ohne viel Nährwert: Die Regierung der Volksrepublik hat sich bisher nur unzulänglich daran gehalten.
Die Menschenrechtsorganisationen jedenfalls stellen fest, dass sich - obwohl es punktuelle Verbesserungen gibt - seither die Situation verschlechtert hat. Mittlerweile wurden Regimegegner auch im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen zu Gefängnisstrafen verurteilt. Zwar bleibt unklar, ob die chinesischen Ordnungskräfte bei den Auseinandersetzungen Mitte März in Lhasa wirklich so brutal vorgegangen sind, wie tibetische Exil-Gruppen dies darstellen. Dass die Welt die ganze Wahrheit nicht erfahren kann, liegt aber an der restriktiven Informationspolitik der Chinesen - und das, obwohl die Regierung auf Drängen des IOC eine Lockerung des Pressegesetzes beschloss, die sie nun selbst nicht einhält. Sogar während der Sitzungen der Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees und der IOC-Exekutive in der vergangenen Woche wurden hin und wieder die Hotelbildschirme schwarz.
Welch Verkennung der Lage!
Ohrfeigen für das IOC, von denen Jacques Rogge wochenlang eine nach der anderen einsteckte, ohne zu reagieren. Wer wissen will, wo das Charisma des 65 Jahre alten Präsidenten geblieben ist, wird wohl in der Karibik auf die Suche gehen müssen. Dort flog er komfortabel im Privatflugzeug des mexikanischen Medien-Moguls Mario Vazquez Rana, dem selbstherrlichen Vorsitzenden der Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees, von Insel zu Insel, während vor allem in den Vereinigten Staaten und den europäischen Ländern schon über einen Olympia-Boykott diskutiert wurde. Seine Welt draußen geriet langsam in Brand, doch Rogge hoffte, den Konflikt bei verschiedenen Welcome-Dinners aussitzen zu können. Nach tagelangem Schweigen rang er sich schließlich dazu durch, auf die olympische Flamme zu verweisen, das Friedenssymbol, das man im Rahmen des Fackellaufs auch nach Tibet schicken werde. Welch Verkennung der Lage!
Längst hatte die Volksrepublik den Fackellauf zum globalen Schaulaufen in eigener Sache gemacht. Längst war er für China-Kritiker zu einer Provokation geworden. Längst wurden Pläne geschmiedet, wie man das Spektakel stören könnte - die Veranstaltungen in London, Paris und San Francisco wurden zu einem Desaster, am Freitag in Buenos Aires ging es zwar friedlicher zu, aber auch dort waren die Sicherheitsmaßnahmen groß. Und es ist noch nicht vorüber: Vor allem in Neu-Delhi und später in Tibet drohen weitere Attacken.
Jacques Rogges angeblich "stille Diplomatie" brachte das IOC schließlich in eine unerträgliche Lage. Es drohte, zum volkseigenen Betrieb der chinesischen Regierung zu werden. Die Fackel, eines der stärksten Symbole der olympischen Bewegung, wurde zu einem chinesischen Wahrzeichen - und damit zum gejagten Hass-Objekt.