29.05.2008 · Beiläufig wurde Peter Norman berühmt: Der Australier, Zweiter im olympischen 200-Meter-Lauf 1968, solidarisierte sich mit Tommie Smith und John Carlos, die mit gesenktem Kopf und gereckter Faust gegen Rassismus protestierten. Regisseur Matt Norman hat über die Geschichte seines Onkels Peter einen Film gedreht.
Beiläufig wurde der Läufer Peter Norman berühmt. Der australische Silbermedaillengewinner im 200-Meter-Lauf der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko ist auf einem der berühmtesten Fotos der Sportgeschichte zu sehen: Er steht vor Tommie Smith und John Carlos, die mit gesenktem Kopf und gereckter Faust gegen Rassismus protestieren. Norman war auf diesem Foto keine Staffage: Mit einem Button der amerikanischen Protestbewegung, dem „Olympic Project for Human Rights“, den er sich vor der Siegerehrung ansteckte, solidarisierte er sich mit Smith und Carlos. Im Sommer startet der Film „Salute“. Regisseur Matt Norman erzählt die kaum bekannte Geschichte des vor anderthalb Jahren verstorbenen dritten Manns von Mexiko, seines Onkels Peter Norman. Stoff zum Nachdenken auch für die deutschen Sportler, die im August an den Spielen in Peking teilnehmen werden. Der Deutsche Olympische Sportbund wird an diesem Donnerstag in seiner ersten Nominierungsrunde etwa 80 Starter benennen.
Warum hat sich Ihr Onkel, Peter Norman, 1968 mit der Black-Power-Bewegung solidarisiert?
In Australien gab es die "White-Australia-Policy", eine Form von legalem Rassismus. Mein Onkel war sehr gegen die Unterdrückung, die er auch in der australischen Armee gesehen hatte. Und er war der festen Überzeugung, dass es besser ist, wenn nicht die schwarzen Athleten alleine für ihre Rechte eintreten. Er glaubte ganz tief an den Sport und die Rechte der Sportler.
War er der einzige weiße Sportler, der so dachte und danach handelte?
Der einzige Australier. Aber es gab auch weiße Amerikaner. Zum Beispiel Paul Hoffman und Cleve Livingston, sie waren Ruderer im US-Achter.
Hatte Ihr Onkel seine Aktion geplant?
Nein, das war sehr spontan. Als sich John Carlos, Tommie Smith und er versammelten, um zur Siegerehrung aufs Podium zu gehen, unterhielten sie sich darüber, was Smith und Carlos planten. Das fand Peter Norman richtig, und er wollte sie unterstützen.
Dann hat er sich von den beiden einen Button schenken lassen?
Nein, Carlos und Smith hatten keinen dabei. John Carlos sagte aber meinem Onkel, dass er noch Zeit habe und doch schnell rausgehen solle. Er fand Paul Hoffman, den Ruderer, der hatte noch einen Button, und den schenkte er ihm.
War Ihr Onkel ein politischer Mensch?
Er war in einem religiösen Sinn politisch. Dass Gott will, dass alle Menschen frei sind - das war ihm wichtig. Er war sehr religiös, aber ich würde nicht sagen, dass er politisch im Sinne eines Kämpfers für die Bürgerrechte war. Er war kein richtiger Kämpfer.
Welche Reaktionen erhielt er, als er nach Australien zurückkehrte?
Keine. Gar keine. Die Medien ignorierten ihn. Es gab keine Feiern, keine Ehrungen, nichts.
Aber sein Gesicht war doch bekannt: Ihr Onkel ist Teil des vielleicht berühmtesten Fotos der olympischen Geschichte.
Ja, aber nur als der namenlose weiße Kerl. Alle kennen ihn als Randfigur des berühmten Fotos. Kaum einer nimmt wahr, dass dieses Bild drei protestierende Sportler zeigt.
Wie bekannt war Normans Aktion denn überhaupt?
Ich glaube, dass beispielsweise in Deutschland bis heute nicht sehr viele Menschen davon wissen. Es brauchte auch in Amerika und in Australien einige Jahre, bis es mehr Leute erfuhren. Der Fokus der Wahrnehmung lag natürlich auf der großen symbolischen Aktion von Smith und Carlos, die ihre Fäuste zeigten. Von Peter wurde ein paar Jahre nach 1968 einmal im amerikanischen Fernsehen berichtet. So wurde er berühmt. In Australien waren dann viele Menschen schockiert über das, was Peter getan hatte.
Wurde Ihr Onkel dann bekannter in Australien?
Kaum. In Amerika kennen ihn viel mehr Leute als in Australien. Die meisten Australier wissen gar nicht, dass es ein Australier ist, der auf dem berühmten Foto zu sehen ist. Wie gesagt, die meisten halten ihn für irgendeinen weißen Kerl. Es war auch bei der Recherche für meinen Film sehr überraschend, wie beliebt mein Onkel gerade in der afroamerikanischen Community in den Vereinigten Staaten ist. Es war halt ein weißer Mann, der sich für die Rechte der Schwarzen eingesetzt hat.
Warum ist Ihr Onkel nicht 1972 bei den Spielen in München gestartet? Er war doch noch aktiv.
Er war nicht nur noch aktiv, sondern er gehörte auch über 200 und über 100 Meter zu den besten Läufern der damaligen Zeit. Ich bin sicher, er hätte eine Goldmedaille über 200 Meter gewinnen können. Die australische Qualifikationszeit über 200 Meter hatte er 15 Mal unterboten, die über 100 Meter zehn Mal. Aber sie wollten ihn nicht.
Wer ist "sie"?
Das Australische Olympische Komitee. Damals wurde zum ersten Mal in der australischen Sportgeschichte kein Sprinter zu den Spielen geschickt. Sie wollten lieber niemanden dorthin schicken als so einen. Man hatte Angst, dass mein Onkel wieder einen politischen Protest initiieren würde. Es gab ja 1972 Proteste in München: Die Amerikaner Vince Matthews und Wayne Collett zeigten bei der Siegerehrung des 400-Meter-Laufs demonstrative Verachtung der Zeremonie.
Hatte Ihr Onkel zu Matthews und anderen Kontakt?
Nein, er war nur mit John Carlos und Tommie Smith in Kontakt. Da war eine richtige Freundschaft entstanden, die ich in meinem Film auch zeige. Carlos und Smith durften aber nicht bei den Spielen in München dabei sein, die hatte das IOC verbannt.
Hat Ihr Onkel die Aktion von Collett und Matthews Ihnen gegenüber einmal kommentiert?
Er sprach nie darüber, aber er hatte eine allgemeine Einstellung, die lautete: Wenn du gewinnst, dann ist es dein Tag. Dann musst du das tun, was dir wichtig ist. Wenn du etwas zu sagen hast, sage es an diesem Tag, denn heute hast du es dir verdient.
Im Jahr 2000 fanden die Spiele in Sydney statt. Sie wurden ja in Australien auch genutzt, um die Geschichte des Landes aufzuarbeiten, die Unterdrückung der australischen Eingeborenen, der Aborigines. War da auch Platz für Ihren Onkel?
Er wurde vom Australischen Olympischen Komitee nicht eingeladen. Alle anderen Medaillengewinner wurden meines Wissens eingeladen, Peter nicht. Es waren die Amerikaner, die sich um ihn kümmerten, genauer: die schwarzen Athleten des US-Teams. Sie luden ihn ein, finanzierten seine Reise von Melbourne nach Sydney, besorgten ihm Tickets, und er wohnte während der Spiele auch in einem Hotel, das vom US-Team genutzt wurde.
Die Olympischen Spiele in Peking stehen an. Hatten Sie mit Ihrem Onkel vor seinem Tod im Oktober 2006 über das Thema China und Menschenrechte gesprochen?
Er hat überhaupt nicht verstanden, dass die Spiele an Länder vergeben werden, in denen die Menschenrechte so missachtet werden. Er hat es aus tiefem Herzen abgelehnt, dass die Olympischen Spiele in Peking stattfinden. Vierzig Jahre ist es her, dass die Spiele in Mexiko waren, und nun passiert das alles exakt noch einmal: Wie damals in Mexiko werden protestierende Studenten niedergeknüppelt und erschossen, und eine Diktatur will sich mit den Spielen rausputzen. Das hat Peter nicht verstanden. Tommie Smith, der mit meinem Onkel befreundet war, will nun zu den Spielen nach Peking reisen, um sie sich anzuschauen. Das ist mir sehr fremd, und ich glaube, meinem Onkel wäre es auch fremd gewesen: dass Tommie, der 1968 so viel bewirkt hat, jetzt diese Spiele nicht boykottiert!
1968 gab es auch eine Boykottdiskussion, aber dass Smith hinfuhr und dort siegte, war doch die Voraussetzung für seinen so wirkungsvollen Protest.
Die Umstände waren aber andere. Er und die anderen schwarzen Sportler wollten für Amerika dort Medaillen gewinnen und dann so auf die Missstände in Amerika hinweisen.
Und heute?
Es ist eine Schande, dass die heutigen Sportler zu leise sind. In Deutschland gibt es einige Athleten, die zwar an den Spielen teilnehmen, aber die Eröffnungszeremonie boykottieren wollen. Wow, das ist ein Statement. Ich kann diesen Athleten nur gratulieren. Es ist eben immer Politik im Sport, und es gibt Situationen, da muss man als Athlet aufstehen.
Gibt es solche Diskussion in Australien nicht?
Doch, natürlich. John Coates, der Präsident des Australischen Olympischen Komitees, hat gesagt, die Athleten könnten ruhig protestieren, aber sie sollten darauf achten, dass sie das australische Team nicht beschämen. Später hat er dann gesagt, dass er keinerlei Proteste tolerieren würde.
Wird Ihr Film etwas bewirken?
Ich glaube schon. Der Film ist in Australien jetzt schon eine große Sache. Und auch international erreichen uns viele Anfragen - ich merke, da gibt es ein großes Interesse. In Europa wird er auf DVD in den Handel kommen, vielleicht auch im Fernsehen laufen. Und was den australischen Sport angeht: Es ist nicht nur so, dass der Film ab 24. Juli in den Kinos läuft, also noch vor den Olympischen Spielen. Wir haben auch mit der Fluggesellschaft, die die australischen Sportler zu den Olympischen Spielen fliegt, einen Deal geschlossen: Im Videoprogramm des Flugzeugs mit unseren Sportlern auf dem Weg nach Peking wird unser Film zu sehen sein.