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Sonntag, 12. Februar 2012
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Massaker auf Tiananmen „Wir sind zu spät gekommen“

02.06.2008 ·  Chinas Parteichef Zhao ahnte schon Schlimmes, als er Anfang Juni 1989 die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens besuchte. Zu der Zeit bereiteten die anderen kommunistischen Führer längst die „militärische Lösung“ vor. Werner Adam hat die Rebellion miterlebt.

Von Werner Adam
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Es ist eine schier endlose Menschenschlange, die sich seit dem frühen Morgen des 16. Mai 1989 auf der Pekinger Changan-Allee zum Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) bewegt. Als dort um die Mittagszeit Chinas greiser Führer Deng Xiaoping und der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow in der Großen Halle des Volkes die „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen den beiden größten kommunistischen Staaten nach dreißig Jahren ständigen Haderns besiegeln, heulen draußen vor den Fenstern die Sirenen der Krankenwagen.

Immer mehr Hungerstreikende, die seit Tagen zu Füßen des Denkmals der Helden des Volkes nach mehr Freiheit verlangen, bedürfen ärztlicher Hilfe. Der verstörte Besucher aus Moskau und sein um Gesichtsverlust besorgter Gastgeber haben sich durch eine Seitentür in die Halle hineinstehlen müssen. Die vorgesehene Kranzniederlegung an dem von Studenten dicht besetzten Ehrenmal ist ebenso aus dem Programm für Gorbatschow gestrichen worden wie tags zuvor die offizielle Begrüßung auf dem Tiananmen, aus dem unerwartet ein Platz des irdischen Unfriedens mit dem Regime geworden ist.

Der Gast aus Moskau würdigt das Aufbegehren unverblümt

Was dem sowjetischen Reformpolitiker unter diesen Umständen nachgerade peinlich sein muss: Er wird von der inzwischen stark gewachsenen Demokratiebewegung rühmend mit dem ehemaligen chinesischen Parteichef Hu Yaobang verglichen, der von seinem einstigen politischen Ziehvater Deng Xiaoping zwei Jahre zuvor entmachtet worden war. Sein „Vergehen“: Hu Yaobang hatte sich auf „liberale Abwege“ begeben. Unter anderem hatte er sich für mehr Autonomie in Tibet eingesetzt. Am Ende war es die parteiamtliche Verweigerung der Würdigung seiner Verdienste, aus der nach seinem Ableben am 15. April 1989 mit ungeahnter Vehemenz diese Demokratiebewegung hervorgehen sollte.

Als vier Wochen später Gorbatschow in Peking eintrifft, haben sich dieser studentischen Formation längst auch zahlreiche Intellektuelle, scharenweise Fabrikarbeiter, gar Redaktionskollektive von Parteizeitungen angeschlossen. Von Deng Xiaoping zu Volksfeinden erklärt, wertet der von ebendiesen Demonstranten in eine Heldenrolle gedrängte Gast aus Moskau das Aufbegehren unverblümt als Zeichen für eine „tiefgreifende Wende im Weltsozialismus“. Parteichef Zhao Zijang pflichtet ihm nicht nur bei, sondern bescheinigt den Anhängern der Bewegung sogar „Vaterlandsliebe“ und „patriotischen Geist“.

Ein Parteichef kommt unter Hausarrest

Doch als Zhao nach der Abreise Gorbatschows zusammen mit dem versteinert wirkenden Ministerpräsidenten Li Peng in aller Herrgottsfrühe auf dem Platz des Himmlischen Friedens die von einem menschlichen Bollwerk abgeschirmten Hungerstreikenden aufsucht und sich bohrenden, zum Teil aggressiven Fragen ausgesetzt sieht, folgert Zhao bedeutungsschwer: „Wir sind zu spät gekommen.“

Tatsächlich haben die Hauptsprecher der Demokratiebewegung zu diesem Zeitpunkt die Kontrolle schon weitgehend verloren. Ihr Ruf nach einem Ende des Hungerstreiks, der inzwischen Züge eines menschlichen Dramas angenommen hat, findet kein Gehör. Statt dessen hat sich die „Rebellion“ inzwischen auf fast dreißig Provinzen und Regionen ausgedehnt.

Nach Peking ist vor allem Schanghai zu einem weiteren Schwerpunkt der Proteste geworden, die sich nun immer stärker gegen Deng Xiaoping persönlich richten. Dieser ist es denn auch, der seinen mehr als willfährigen Handlanger Li Peng schließlich über Teile der Hauptstadt das Kriegsrecht verhängen und Parteichef Zhao Zijang unter Hausarrest stellen lässt.

Das ganze Machtgefüge in Gefahr

Der 84 Jahre alte Deng Xiaoping muss es als Gipfel der Undankbarkeit empfinden, dass die Auflehnung gegen ihn zum Teil jenen Studenten zuzuschreiben ist, die er mit dem Ziel einer raschen Verwirklichung seiner wirtschaftlichen Reformpläne zu Zehntausenden zur Ausbildung ins westliche Ausland geschickt hatte. Er, der sich an der Farbe von Katzen nicht stören wollte, solange sie nur die gewünschten Mäuse fingen, sieht rot, als seine Zöglinge nun auch politische Reformen verlangen. Im vierzigsten Jahr des Bestehens der kommunistischen Volksrepublik sieht Deng nicht von ungefähr das ganze Machtgefüge in Gefahr.

Kriegsrecht? Kaum jemand hält sich daran. Chinesen werden niemals auf Chinesen schießen, ist vielerorts zu hören. In fatalem Überschwang stellen Studenten am 30. Mai nur wenige Schritte von Maos Porträt entfernt, das zuvor einige ketzerische Kratzer abbekommen hat, eine fast zehn Meter hohe Nachbildung der amerikanischen Freiheitsstatue auf und umtanzen sie als „Göttin der Demokratie“.

Es soll der vorerst letzte Akt einer Bewegung sein, die fünf Tage später, in den frühen Morgenstunden des 4. Juni, auf dem Platz des Himmlischen Friedens von Panzern niedergewalzt wird. Und dennoch: Tiananmen wirkt trotz anhaltender Tabuisierung durch die kommunistischen Machthaber als Ausdruck eines sehr wohl auch chinesischen Drangs nach Freiheit fort.

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