04.04.2008 · Bevor Hu Jia zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hatte er ein Informationsnetz für all die installiert, über die in China sonst kaum jemand spricht: inhaftierte Bürgerrechtler, landlose Bauern, von Aids infizierte Kinder und Hungerstreikende.
Von Mark Siemons und Petra Kolonko, PekingIn China, sagte der Künstler Ai Wei Wei kürzlich im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, gebe es nicht die Tradition, sich für Schwache und Benachteiligte einzusetzen. (Siehe auch: Der chinesische Künstler Ai Wei Wei im Interview) Insofern ist der 34 Jahre alte Hu Jia, den das Mittlere Volksgericht in Peking am Donnerstag wegen „Aufrufs zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt hat, ein ganz und gar untraditioneller Mensch. In den vergangenen Jahren, in denen er in seiner Pekinger Wohnung überwiegend unter Hausarrest stand, hat er zusammen mit seiner Frau und einigen Freunden mit Hilfe von Internet, Webcam und Skype ein Informationsnetz für all die installiert, über die in China sonst kaum jemand spricht: inhaftierte Bürgerrechtler, landlose Bauern, von Aids infizierte Kinder, Hungerstreikende.
Insbesondere über jene, die in die Mühlen staatlicher Willkürjustiz geraten waren, hielt er sein Publikum mit oft mehreren Mails täglich auf dem Laufenden. „Tiananmen 2.0“ wurde diese neue Form des politischen Engagements schon genannt, die Hu Jia zu einer unglaublichen Wirksamkeit gebracht hat. Sogar über die Sicherheitsbeamten, die ihn vor seiner Wohnung bewachten, drehte er mit seiner Web-Kamera einen Dokumentarfilm, dem er den Titel „Gefangene in der Stadt der Freiheit“ gab. (Siehe auch: Hu Jias Video „Prisoners in Freedom City”) Er zeigt, wie die Bewacher seine Frau anpöbeln, wenn sie vor die Tür tritt, um zur Arbeit zu gehen, und wie sie versuchen, anderen Bewohnern Angst einzuflößen. Der Film ist eine leise Dokumentation einer Freiheitsberaubung ohne Gerichtsbeschluss oder Urteil. Hu Jia konnte seine kleine Wohnung monatelang nicht verlassen.
Immer wieder verhaftet
In den neunziger Jahren beschäftigte er sich noch vorwiegend mit Umweltschutzthemen, 2000 kamen Aids-Aufklärung und -Prävention hinzu. Je tiefer Hu die strukturellen politischen Hindernisse für die Lösung der Probleme erkannte, desto weiter wurde der Radius seiner Themen; insbesondere kümmerte er sich nun um politische Gefangene. Das war die Zeit, in der er vor Tagen wie dem 4. Juni, dem Jahrestag der Niederschlagung der Studentenbewegung, immer wieder verhaftet wurde.
Im November vergangenen Jahres nahm er über seine Web-Kamera an einer Anhörung des Europäischen Parlaments über die Menschenrechte in China teil. Im Dezember wurde er dann unter der jetzigen Anklage verhaftet. Seine Frau Zeng Jinyan, wie Hu eine praktizierende Buddhistin, setzt seine Bloggerarbeit fort.
Das Urteil jetzt holt das Reden über die „Menschenrechtslage“ aus seiner abstumpfenden Abstraktheit heraus: Es ist, auch wenn es nicht unerwartet kommt, ein Skandal, der künftigen Rechtsdialogen als Unterscheidungsmaßstab dienen kann. Es soll wohl abschreckend wirken, aber wahrscheinlich erreicht es langfristig bloß das Gegenteil.
Vor sieben Jahren fragte sich ein sonst wohlwollender Artikel in der Parteizeitung „China Youth Daily“ angesichts von Hu Jias Selbstlosigkeit noch, ob dieser Mann ganz richtig im Kopf sei. Inzwischen hat ihn seine Bekanntheit zum Vorbild vieler gemacht, über die die traditionellen Normalitätsvorstellungen keine Macht mehr haben.
Wir können etwas tun....
Matthias Rietz (oekonom_de)
- 04.04.2008, 00:16 Uhr
Wir sollten viel mehr tun
vera wisseler (paradelova)
- 04.04.2008, 03:00 Uhr
Mehr Aufmerksamkeit
Patricia Jung (jungpf)
- 04.04.2008, 09:30 Uhr