24.04.2008 · Im Ausland hat China die Meinungshoheit längst an die Exil-Tibeter verloren. Umso mehr ist sie jetzt bemüht, im Inland alle auf ihre Tibet-Politik einzuschwören. Mit einer - im Zeitalter von SMS und Internet - erstaunlichen Effektivität.
Von Petra Kolonko, PekingTrommeln klingeln, Mönche wiegen sich im Gebet, Pilger strömen in die Tempel. Dass in Lhasas Tempeln wieder religiöse Zeremonien stattfinden, ist Chinas Fernsehnachrichten, die sich sonst herzlich wenig für Religiöses interessieren (dürfen), ausführliche Berichte wert. Tibet kehre zur Normalität zurück, heißt die Botschaft, die vermittelt werden soll. Außerdem herrsche in Tibet Religionsfreiheit.
Der Bericht über die betenden Mönche ist Teil einer großangelegten Kampagne in den chinesischen Medien, die das „Denken vereinheitlichen“ soll, wie es in gutem Kommunisten-Jargon noch immer genannt wird. Dass sie die Meinungshoheit über Tibet im Ausland schon lange an die Exil-Tibeter abtreten musste, ist der chinesischen Regierung spätestens nach den Ereignissen im März deutlich geworden. Umso mehr ist sie jetzt bemüht, im Inland noch einmal alle auf ihre Tibet-Politik einzuschwören.
Es wird nur zitiert, was in die offizielle Darstellung passt
Dabei zeigt sich, wie effektiv die chinesische Regierung auch in Zeiten von Internet und SMS noch immer die öffentliche Meinung beeinflussen kann, vor allem dann, wenn es um Belange nationalen Interesses geht. Der Regierung kommt dabei zu Hilfe, dass die meisten Chinesen wenig oder gar nichts über Tibet wissen und die Zahl derer in China, die ausländische Berichte im weniger zensierten fremdsprachigen Internet lesen können, noch immer verschwindend gering ist. Die überwältigende Mehrheit der Chinesen ist auf Übersetzungen angewiesen. Die liefern die offiziellen Medien zwar häufiger, doch nur in Auszügen. Es wird nur zitiert, was in die offizielle Darstellung passt.
Während in Tibet und den tibetischen Regionen „patriotische Erziehungskampagnen“ laufen, hat das Propagandaministerium den Medien aufgegeben, Angriffe auf die „Dalai-Lama-Clique“ und die Forderung nach einer tibetischen Unabhängigkeit zu fahren. Gleichzeitig wird das alte Tibet vor der „Befreiung“ durch die Truppen der Volksbefreiungsarmee in den schwärzesten Farben gezeichnet. Im alten Tibet habe es keine Religionsfreiheit gegeben, heißt es. Für die Leibeigenen habe es unter der Herrschaft der Dalai Lamas keine Menschenrechte gegeben.
Altkanzler Schmidt dient der Beweisführung
Abrisse der Geschichte Tibets sollen beweisen, dass Tibet schon immer zu China gehörte. Chinesische Tibet-Forscher legen in ausführlichen Artikeln dar, dass es kein „Groß-Tibet“ gibt, das über die derzeitigen Grenzen hinausgeht, wie der Dalai Lama sagt. Der Dalai Lama zerstöre die Gebräuche des tibetischen Buddhismus, schreibt die „Volkszeitung“, die fast täglich eine ganze Seite den Tibet-Themen widmet.
Immer wieder wird herausgestellt, wie viel Geld die chinesische Regierung für die Renovierung von Tempeln und Klöstern ausgegeben hat. Nie erwähnt wird freilich, dass all diese Tempel und Klöster, die jetzt renoviert wurden, in der Kulturrevolution zerstört worden waren. Chinesische Investitionen in das Bildungssystem und in die Tibet-Eisenbahn werden aufgelistet.
Gern bemüht die chinesische Propaganda auch Ausländer, die sich positiv über die Zustände im heutigen China, kritisch über die Zeit der Herrschaft des Dalai Lama äußern oder Verständnis für chinesische Positionen zeigen. Dazu gehören westliche Kommunisten wie Sydney Shapiro, die schon lange in Peking leben, aber auch der deutsche Altbundeskanzler Schmidt, der ehemalige deutsche Botschafter Seitz oder die Grünen-Politikerin Vollmer.
Dank der Kommunistischen Partei
Die englischsprachige „China Daily“, hat die Aufgabe bekommen, die in China lebenden Ausländer über die „wirkliche Geschichte“ Tibets aufzuklären. Fast täglich erscheinen dort Erfahrungsberichte ehemaliger Leibeigener aus dem alten theokratischen System, die sich dankbar der Kommunistischen Partei gegenüber zeigen und versichern, dass sie unter dem Dalai Lama niemals ein so glückliches Leben hätten führen können.
Ehemalige Leibeigene berichten von ihrem Aufstieg zu Bildung und Posten unter der kommunistischen Herrschaft. Ausführlich wird eine tibetische Sängerin aus den fünfziger Jahren vorgestellt, die mit dem Lied „Befreite Leibeigene wollen singen“ in ganz China bekannt wurde.
Der Dalai Lama kommt nur in einzelnen Zitaten oder in kritischen Äußerungen vor. Einige seiner Äußerungen zu den Unruhen werden als „Lügen“ bezeichnet. Es stimme nicht, dass die geplünderten Geschäfte allesamt Bordelle waren. Es stimme nicht, dass sich die Polizei in Mönchsroben verkleidete, es stimme nicht, dass chinesische Banken angegriffen wurden, weil sie Geld der Zentralregierung für Tibet zurückhielten. Manchmal allerdings enthüllt die eifrige Propaganda damit auch Neues. So wurde den Chinesen erst jetzt bekannt, dass man mit den Abgesandten des Dalai Lama in den vergangenen Jahren verhandelt hat. Das war bislang verheimlicht worden, wohl um nicht den Eindruck von „Schwäche“ gegenüber einem Staatsfeind zu erwecken.