Home
http://www.faz.net/-gdn-x1fz
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 18. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nach dem Erdbeben Selbst die Generäle beantworten Fragen

19.05.2008 ·  Es sterben Menschen, es kämpfen Rettungskräfte, es weinen Angehörige - und überall sind die Kameras dabei. Die Offenheit der Erdbeben-Berichterstattung ist in China etwas ganz Neues.

Von Petra Kolonko, Chengdu
Artikel Bilder (4) Video Lesermeinungen (0)

So etwas hat China noch nicht erlebt. Es ereignet sich eine schreckliche Katastrophe, und die Öffentlichkeit wird ausführlich informiert. Es sterben Menschen, es kämpfen Rettungskräfte, es weinen Angehörige. Überall sind die Kameras dabei, zeigen Bilder vom menschlichem Leid und von verwüsteten Gebieten. Es ist der erste Katastropheneinsatz in ihrem Land, den die Chinesen am Fernsehen mitverfolgen können. Ein Volk ist bewegt und aufgerüttelt.

Hunderte von Journalisten sind mit den Rettungskräften unterwegs, marschieren mit Kameras über zerstörte Straßen, kampieren vor zerstörten Ortschaften, sprechen mit Überlebenden, finden zerstörte Schulen und Krankenhäuser. Das chinesische Staatsfernsehen CCTV berichtet seit dem Erdbeben den ganzen Tag über live mit Berichten und Experteninterviews. Die sonst so steifen Moderatoren des offiziellen Senders geben mit brechender Stimme Kommentare zu herzerweichenden Bildern und kommentieren mit tränenerstickter Stimme die neuesten Nachrichten aus dem Katastrophengebiet von Sichuan.

„Heldenhafte Einsätze“ der Volksbefreiungsarmee

Ganz besonders tun sich die Fernsehsender der Provinz Sichuan hervor. Sie berichten 24 Stunden aus den verwüsteten Gebieten, präsentieren Hunderte von Einzelschicksalen. Ihre Journalisten geben persönliche Erfahrungsberichte und schrecken auch vor einschätzenden Bemerkungen nicht zurück. Das sind alles keine Selbstverständlichkeiten im chinesischen Fernsehen.

Naturkatastrophen sind in China nicht selten. Doch diese Art der Informationspolitik hat es noch nicht gegeben. Noch bei der Schneekatastrophe des vergangenen Winters war die Berichterstattung überaus mager gewesen. Das staatliche Fernsehen zeigte eigentlich nur die „heldenhaften Einsätze“ der Volksbefreiungsarmee, hingegen kaum etwas von den tatsächlichen Zuständen und dem Leid der Bevölkerung. Auch bei den großen Flutkatastrophen der vergangenen Jahre, bei denen ebenfalls die Armee zum Einsatz kam, gab es nur ausgewählte Bilder militärisch organisierter Rettungsarbeiten. Als vor fünf Jahren die ansteckende Lungenkrankheit Sars grassierte, wurde noch nach Kräften versucht, die Gefahr der Ausbreitung der Seuche zu vertuschen und möglichst keine Informationen nach außen dringen zu lassen.

Wen Jiabao ergriff früh die Initiative

Ausländische Journalisten können dank der aus Anlass der Olympischen Spiele erlassenen neuen Regelungen bisher weitgehend unbehindert im Katastrophengebiet recherchieren. Am Sonntag stellten sich, auch das ein Novum, vier hohe Generäle einer internationalen Pressekonferenz. Das Militär pflegt üblicherweise die Geheimhaltung bis ins Extrem und spricht sonst allenfalls mit chinesischen Journalisten. Zwar hatten die Herren in Uniform nicht allzu viel Neues zu berichten, doch ist allein ihr Auftritt schon eine willkommene Wende, sind doch die Rettungsarbeiten vor allem eine Angelegenheit der Streitkräfte.

Diese offene Berichterstattung ist ein großer Fortschritt in einem Land, in dem bislang das Geheimhalten und Vertuschen negativer Nachrichten noch als wichtigste Maxime galt. Dass die Regierung offensichtlich mehr Offenheit zu üben bereit ist, hat viel mit dem Ausmaß der Katastrophe zu tun. Ministerpräsident Wen Jiabao ergriff früh die Initiative, als er bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben nach Sichuan fuhr, um an Ort und Stelle Anweisungen geben zu können: das war ein Zeichen, dass diesmal anders als zuvor üblich vorgegangen wird.

„Das Ausland zeigt großes Mitleid mit den Chinesen“

Der Ministerpräsident hat wohl auch schnell die politischen Chancen, die in einem offenen Umgang mit der Katastrophe liegen, erkannt. Kurz vor den Olympischen Spielen in Peking kann es sich die chinesische Regierung nicht leisten, bei der Vertuschung oder dem Herunterspielen von Katastrophen ertappt zu werden. Das Image der chinesischen Regierung war durch die Ereignisse in Tibet schon genügend beschädigt, so dass eine weitere Welle ausländischer Kritik nicht nur Chinas Ansehen weitgehend ruiniert, sondern sich auch auf die Olympischen Spiele ausgewirkt hätte.

Stattdessen gewinnt China nun mit seiner offenen Herangehensweise und mit seinen schnellen und umfassenden Hilfseinsätzen einiges von dem Ansehen zurück, das es in der Tibet-Krise verloren hat. „Das Ausland zeigt großes Mitleid mit den Chinesen“, freut sich zum Beispiel die chinesische Zeitung „Global Times“. Seit Beginn des Konflikts in Tibet und den Störungen des olympischen Fackellaufes fühlten sich viele Chinesen vom Ausland missverstanden und von den internationalen Medien beschimpft. Jetzt allerdings sind die Menschen dankbar dafür, dass ausländische Medien ausführlich über das Erdbeben berichten.

Zehntausende Freiwillige im Einsatz

Zudem dürfte die chinesische Regierung auch endlich gelernt haben, dass sich in Zeiten der schnellen Datenübertragung und der Mobiltelefone Geheimhaltung nicht mehr garantieren lässt. Wenn sich Nachrichten, Videos und Fotos über E-Mail, SMS und Blogs in rasender Geschwindigkeit verbreiten, sieht es nicht gut aus, wenn die Medien und die Regierungsverlautbarungen nur diesen Nachrichten hinterherlaufen oder gar Gegenteiliges verbreiten.

Auch im Inland gibt es positive Auswirkungen der offenen Berichterstattung. Die ungewohnte Offenheit hat zu einer noch nie dagewesenen Hilfsbereitschaft und Solidarität geführt. Zehntausende von Freiwilligen sind im Einsatz, aus allen Provinzen werden Rettungstrupps nach Sichuan geschickt, Privatleute fahren in die Gebiete, um zu helfen, Geldspenden und Sachspenden erreichen Rekordhöhe. Chinesische Kommentatoren loben die neue Welle des Engagements und des Gemeinsinns.

Freilich heißt offene Berichterstattung in China noch immer nicht, dass auch kritische Berichterstattung gefragt ist. In den Berichten überwiegt die Darstellung von positiven Ereignissen und Rettungen und das Lob für die offiziellen Bemühungen. Im chinesischen Fernsehen beklagt sich zum Beispiel niemand darüber, dass Hilfe zu spät oder gar nicht kommt, dass Einsätze falsch oder schlecht organisiert werden. Über heikle Themen wie die Sicherheit der Staudämme oder die der Nukleareinrichtungen in Sichuan gibt es keine Untersuchungen. Darüber verbreitet das Fernsehen nur offizielle Stellungnahmen, wonach alles sicher sei. Doch immerhin wird die Frage, warum denn so viele Schulen eingestürzt seien, offen erörtert. Wenn die erste Zeit des Schreckens und der Angst vorbei ist, wird sich zeigen, wie lange die neue Offenheit anhalten wird. Und man wird auch erst dann sehen, wie viele Fragen Chinas Journalisten stellen dürfen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen