08.08.2008 · Die Mitteilung war noch keine zwei Stunden alt, da hat bei Lars Fischer schon der erste Journalist aus Peking angerufen und um Hilfe gegen die Internetzensur gebeten. Fischer weiß Rat: Die chinesische Internet-Mauer "ist löchriger als ihr reales Pendant“.
Von Rainer HeinDie Mitteilung der Technischen Universität Darmstadt war noch keine zwei Stunden alt, da hat bei Lars Fischer schon der erste Journalist aus Peking angerufen und um Hilfe gebeten. Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Sicherheit in der Informationstechnik und betreut den studentischen Chaos Computer Club.
Eines der studentischen Objekte, das in diesen Tagen sehr populär zu werden verspricht, ist die chinesische Mauer. Nicht die berühmte Grenzanlage, sondern die moderne informationstechnische Mauer, die für alle Bürger und während der Olympischen Spiele auch für die Journalisten aus aller Welt gelten soll. Die aber, so der Chaos Club, „ist löchriger als ihr reales Pendant“. Mit wenigen Handgriffen und ein wenig Hilfe könne sich jeder sein eigenes Loch graben.
„Die sicherste Methode ist ein Tunnel“
Wie man die Mauer schleifen kann, erklärt der Chaos Club Journalisten gerne. Wer mit Fischer spricht, bekommt den Eindruck, sehr alte Kriegstechniken kämen wieder zum Einsatz: „Die sicherste Methode ist ein Tunnel durchs Internet.“ Virtuelles Privates Netzwerk nenne sich ein solcher Gang vom eigenen Computer zum „Endpunkt“, durch den alle Datenpakete verschlüsselt verschickt werden könnten. Solche Netzwerke sind laut Fischer keine Geheimwaffen des Chaos Clubs, sondern in vielen Firmen bekannt und auch im Einsatz – selbst in China.
Die anderen beiden Prinzipien, mit denen man laut Fischer chinesischen Internetzöllnern ein Schnippchen schlagen kann, sind der „Proxy“ und der Anonymisierungsdienst. Beim Proxy handele es sich um einen Computer, der Daten im Internet einfach nur weiterleite. Dabei soll die Verbindung vom Webbrowser zum „Vermittler“ mit dem gleichen Verfahren verschlüsselt werden, das auch für Online-Banking benutzt werde. Der Zensor sehe nur, das verschlüsselte Daten ausgetauscht würden. Den Code zu knacken hält Fischer für unmöglich, und dass die Chinesen einen solchen Datentransfer generell unterbinden für unwahrscheinlich.
https://chinesewall.ccc.de
Während Proxy verschlüsselt, verwirrt der Anonymisierungsdienst. Er leitet jede Internet-Kommunikation durch eine Reihe von Computern im Internet, so dass der Ursprung der Anfragen nicht mehr ohne weiteres feststellbar ist. Wem das alles zu kompliziert ist, der kann auf Vorschlag des Chaos Clubs auf einen USB-Stick zurückgreifen, auf dem die 23 Clubmitglieder die Software Tor des Tor-Projekts installiert haben. Mit dem „Freedom-Stick“ sei es vergleichsweise einfach, die „Grenze“ zu passieren. Die mehr als 6000 Kilometer lange Befestigung aus Stein hat die Chinesen über Jahrhunderte vor Angriffen geschützt. Ob ihre Internetmauer dem Druck der Weltöffentlichkeit und den technischen Tricks der Hackerszene standhält, wird sich wohl in den nächsten Wochen erweisen.
Fischer ist sich ziemlich sicher, dass es den Internetzöllner der Gegenwart bei den Spielen nicht viel anders ergehen wird wie ihren Kollegen im Mittelalter: Es gebe Dinge, die einfach zu gut versteckt und andere, die sehr gut getarnt würden, und es gebe schließlich die Anfragen in der Warteschlange, die immer drängelten, je länger die Abfertigung dauere. Der Chaos Club hat jedenfalls eine Internetseite mit praktischen Tipps für „Schmugler“ eingerichtet unter https://chinesewall.ccc.de.