26.07.2008 · Alle reden von chinesischer Kunst. Sie erzielt auf Auktionen Rekordpreise. Alle Galerien wollen Filialen in Peking haben. Aber was sieht man, wenn man dort nach Kunst sucht? Niklas Maak hat sich im Reich der Mitte umgeschaut.
Chinesische Kunst? Man kennt Ai Weiwei, der bei der Documenta im vergangenen Jahr tausend Landsleute einflog und aus alten Türen einen Turm aufstapelte, der dann beim ersten Sturm zusammenbrach. Man weiß vielleicht, dass - laut Branchendienst „Artprice“ - unter den hundert teuersten zeitgenössischen Künstlern gut ein Drittel Chinesen sind.
Man weiß aber leider auch, wie diese Kunst aussieht, die da zu Höchstpreisen verkauft wird: rote Köpfe in Öl. Kalkbleich gemalte Maoisten in Acryl. Breit grinsende Figuren, die sich darüber totzulachen scheinen, zu welchen Preisen sie gerade verkauft werden. Und es sind vor allem die Bilder des Malers Yue Minjun, die knallrosafarbenen, grienenden Lachchinesen, die daran schuld sind, dass man beim Stichwort „chinesische Gegenwartskunst“ sofort Kopfschmerzen bekommt.
Natürlich kann das nicht alles sein; natürlich muss es irgendwo in China auch interessante, gute, spannende Kunst geben. Aber wo?
Auf der Suche
Wer in Peking auf die Suche geht, macht vor allem die Erfahrung, dass immer schon jemand da ist, der einem sagt, hier sei nun leider der völlig falsche Ort, man müsse ganz woanders hin. Im National Art Museum of China, dem „Namoc“, sahen wir die üblichen blassen Ölgemälde von irgendwie halb ironisch gemeinten rotköpfigen Porzellanmaoisten. Auf der Kunstmesse CIGE sahen wir die gleichen Köpfe, dazu kopulierende Skelette in Öl.
Man sagte uns, wir sollten in den Kunstbezirk 798 fahren, wo sich das vielgefeierte Ullens Center for Contemporary Art befindet und die New Yorker Galerie Pace Wildenstein pünktlich zum Beginn der Olympischen Spiele in einer alten Munitionsfabrik eine millionenteure Filiale eröffnet. Im Quartier 798 trafen wir die junge Künstlerin Wang Yun, die uns sagte, hier hänge leider größtenteils nur kommerzielle und offizielle Kunst; das wirkliche Kunstpeking finde im Cao Chang Di Village statt.
Also nahmen wir eines der porösen Hyundai-Taxis und fuhren dorthin. Das Taxi rumpelte über die Wu-Yuan-Brücke und unter der fünften Ringstraße hindurch in ein Viertel aus flachen, grauen Backsteinbauten, das ein wenig nach Los Angeles aussah.
Orangensaft und schrille Mode
Es war ein warmer, trockener Abend, wir fuhren an Ai Weiweis Atelier vorbei und hielten in einer Toreinfahrt, vor der ein paar schwarze Range Rover parkten und überhaupt alles sehr danach aussah, als sei der internationale Kunstmarkt auch schon da.
In der Galerie Boers-Li fand gerade eine Eröffnung statt. Der Galerist stand mit einer schmalen, eleganten Lederkrawatte an der Außenbar, drinnen in der alten Backsteinhalle waren die Ruinen eines lebensgroßen Wohnzimmers zu sehen, das der Künstler Zhang Peili für einen Film kunstvoll in die Luft gejagt hatte.
Wir tranken einen Orangensaft und schauten uns das Pekinger Vernissagepublikum an. Es waren zur Hälfte Chinesen, die, wie es in Peking gerade Mode ist, schrille, neonfarbene Leggins und andere, latent hysterische Achtziger-Jahre-Postpunk-Glamour-Dinge anhatten, eine Mode, wie sie auch in den Bezirken hinter Tokios Omotesando Hills kultiviert wird.
Nachholbedarf
Die meisten Leute in Europa sind ja froh, dass die achtziger Jahre mitsamt ihren giftigen Farben und Ventilatorfrisuren vorbei sind; in China, wo die Achtziger das traurige Jahrzehnt der Ein-Kind-Politik und des Tiananmen-Massakers waren, hat man da noch Nachholbedarf.
Wir trafen den Amerikaner Phil Tinari, der seit ein paar Jahren in China lebt, als einer der besten jungen Kuratoren von Peking gilt und in Berlin gerade die (noch bis zum 23. August laufende) kleine China-Ausstellung in der Galerie Esther Schipper kuratiert hat. Tinari erzählte uns von Zhao Zhao, einem Schüler von Ai Weiwei, der gerade ein paar Blocks weiter in einer Ausstellung zu sehen war. Der 1982 geborene Zhao Zhao, sagte Tinari, sei jemand, der eine ganz andere chinesische Kunst vertrete.
Der Freund auf dem Berg
Also schauten wir seine Ausstellung an. Wäre Zhao Zhao Europäer, würde man das, was er macht, Fluxus nennen. Er pappte, was ebenso eine Hommage an den Geist von 1968 wie an die Opfer des Tiananmen-Massakers war, einen kleinen Stein mit Flugzeugkomponentenkleber auf das Pflaster des Platzes des Himmlischen Friedens, der dort als Stolperstein für Unruhe sorgte und angeblich nur mit erstaunlichem Aufwand zu entfernen war.
Zhao Zhao trug die naturgroße Nachbildung eines verstorbenen Freundes auf einen Berg im Tianshan-Gebirge, wo er sie als Denkmal aufstellte. Zhao Zhao reiste durch Europa, klaute ein Stück Blei von Anselm Kiefers Installation „Volkszählung“ und klopfte es zu falschen Euromünzen zurecht, was eine sehr chinesische Art von „Appropriation“ war.
Unbedeutend und konservativ
Zhao Zhao ist andererseits niemand, der auf dem internationalen Kunstmarkt bedeutend wäre. Chinesen kaufen dort gern konservative Gemälde wie die nordchinesische Berglandschaft des Traditionalisten Wu Guanzhong, die bei Christie's 4,1 Millionen Dollar brachte, oder Werke des 1953 verstorbenen Xu Beihong, der als Vater der chinesischen Moderne gilt. Die Rekorde, die mit zeitgenössischer chinesischer Kunst eingefahren werden, verdanken sich aber zum großen Teil europäischen und amerikanischen Sammlern wie Howard Farber, die die Preise in sportliche Höhen treiben.
Vor genau zehn Jahren wurde etwa ein Diptychon von Zhang Xiaogang bei Christie's für fünftausend Pfund versteigert, im vergangenen Jahr war sein „Family Portrait“ schon über vier Millionen Pfund wert. So etwas lockt natürlich auch Spekulanten wie Michael Goedhuis an, die Sammlungen unter Kapitalsteigerungsgesichtspunkten zusammenstellen, marktfertig machen und dann mit Maximalgewinn verscherbeln.
Unter den prominenten Käufern chinesischer Gegenwartskunst befindet sich auch der französische Milliardär François Pinault. Sammler wie er, die gleichzeitig Unternehmer sind und die Eroberung des chinesischen Marktes als Abenteuer empfinden, mögen in der Regel Kunstwerke am liebsten, die China als bizarres, vorzivilisatorisches Abenteuerland zeigen, also: maoistisch, düster, wild, exzessiv, entfesselt, gewalttätig, dynamisch, unkontrolliert, sexuell außer Rand und Band.
„China Art Book“
Kein Wunder, dass Pinault gern Kunst von Zhang Huan kauft, der sich von einem interessanten Performance-Künstler zu einem langweiligen Bildhauer entwickelt hat und jetzt symbolistische Bronzekörper, an denen körperlose Hände herumfummeln, und Esel, die mit Hochhausmodellen kopulieren wollen, herstellt.
Vieles, was am Markt Erfolg hat, ist eine Kunst, die die Welt als gewalttätigen Kampfplatz zeigt. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei: das ist die Botschaft vieler chinesischer Kunstwerke und auch die Botschaft von Jiang Rongs kryptofaschistischem Roman „Wolf Totem“, der weit oben in den chinesischen Bestsellerlisten steht. Die Kunst mythologisiert, was politische Gründe hat - dass viele Leute in China so blass sind wie auf den neuen Gemälden, hat ja nichts mit ihrer Wolfsnatur, sondern eher etwas mit vergifteten Flüssen und gnadenlosen Arbeitsverhältnissen zu tun.
Trotzdem gibt es in der chinesischen Kunst mehr Wölfe als in einem mittelalterlichen Wald, und die Europäer liefern als Erklärung den passenden Existentialkitsch: Das „China Art Book“ des Dumont-Verlags verkauft die ausgestopften Wölfe, die der Künstler Cai Guo-Qiang an eine Galeriedecke hängte, als Sinnbilder einer „universellen menschlichen Tragödie“, die sich „durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht“, als „allgemeingültige Reflektionen“ von „Zerstörung, Ruhm und Heroismus“. Kleiner hatte man es nicht.
Ergebnisse der Interpretation
Und was nicht Ausdruck „unserer“ wölfischen Natur ist, muss als Gesellschaftskritik an den sinnsuchenden Sammler gebracht werden - zum Beispiel das Lachen von Yue Minjuns Grinseköpfen, das auf der Internetseite der deutschen Galerie als „Nein zur Aufforderung in dem Spiel, das sich Gesellschaft nennt, die zugewiesene Rolle einzunehmen“ verkauft wird. Man wird das Gefühl nicht los, dass das Schreiben über Kunst sich zum Kunstwerk immer öfter wie Zuckerguss zum Kuchen verhält - es fühlt sich klebrig an, und man sieht nicht genau, was drunter ist.
Dass die hyperventilierende Interpretationsmaschine des internationalen Kunstmarkts manchmal zu bizarren Ergebnissen kommt, zeigte sich vor ein paar Wochen auch in Italien, wo eine Ausstellung mit jungen, der Leipziger Schule zugerechneten Künstlern vorbereitet wurde. Die Kuratoren schrieben, dass die jungen Künstler in melancholischen Bildern ihre Jugend in einem zerfallenden Ostdeutschland reflektierten. Dumm nur, dass kaum einer der sogenannten „neuen Leipziger Schule“ im Osten aufwuchs - Tim Eitel kommt aus Stuttgart, Matthias Weischer aus Elte bei Münster, David Schnell aus Bergisch Gladbach.
Kunst in wenigen Sätzen
Was sollte man sich jetzt zum Labyrinth der chinesischen Gegenwartskunst merken? Für den Anfang reicht: Yue Minjun - rosa Köpfe, die immer grinsen. Zhang Xiaogang - graue Köpfe, die nie grinsen und stets so gucken, als hätten sie gerade im Knobeln gegen Yue Minjuns Leute verloren. Beides teuer. Zhao Zhao ist ein guter Fluxuskünstler. Und die 1978 geborene Cao Fei und der 38-jährige Zheng Guogu fotografieren das, was Wolfgang Tillmans einmal das „Rauschen des Lebens“ genannt hat, ihren Alltag, das Lebensgefühl und die Vorstellungen seiner Bewohner.
Wir erreichten den Tiananmen spät. Vor Maos Mausoleum stand eine Reisegruppe und starrte auf das Denkmal, das drei nach vorne stürmende Figuren darstellt. Es ist ein seltsames Denkmal, die Figur links ist eindeutig ein Mann mit einem Spaten, die rechts eine Frau mit einer Hacke, in der Mitte aber marschiert eine seltsame Mannfrau, ein heldenhafter Hermaphrodit. Wir suchten die Stelle, auf der Zhao Zhao angeblich seinen Stein aufgeklebt hatte. Es hätten, hatte man uns in der Galerie erzählt, mehrere Polizisten versucht, den Stein zu entfernen - aber ob das stimmt, weiß niemand. Kein Stein, keiner, der etwas sagen kann. Ein großer Teil des Werks ist schon jetzt Mythos, Erzählung, wie so vieles in der neuen chinesischen Kunst.