08.08.2008 · Die Olympischen Spiele beginnen im Zeichen einer Glückszahl, und zwar am 8.8. um 8 Minuten nach 8. Doch auch für Hochzeiten und Geburten ist heute in China ein guter Tag. Allein in Peking heiraten 16.400 Paare.
Von Petra Kolonko, PekingChinas großer Tag soll auch privat ein großer Tag werden. Als die Pekinger Stadtverwaltung die Anmeldelisten für eine Eheschließung am 8. 8. 2008 eröffneten, gab es einen Ansturm auf die Standesämter. Einige Paare standen schon nachts vor den Ämtern an, um den begehrten Hochzeitstermin zu erhalten. Fast 16.400 Paare aus Peking planen eine Eheschließung für heute. Und ganz nebenbei werden auch noch die Olympischen Spiele eröffnet.
Doch nicht der olympische Glanz allein lockt die Paare ins Standesamt. Der 8. 8. 2008 ist für China ein magisches Datum. Dreimal die 8, das ist ein Datum, das viele Chinesen nutzen wollen. Die 8 ist eine Glückszahl im chinesischen Kulturkreis. Für persönliche Festtage und Großereignisse suchen viele Chinesen deshalb gern ein Datum mit einer 8 aus. Auch die kommunistische Stadtverwaltung hatte die Aussicht auf Reichtum im Sinn, als sie die Eröffnung der Spiele auf den 8. 8. 2008 um 20.08 Uhr legte.
Mobilnummern und Autokennzeichen sind heiß begehrt
Dabei ist Aberglaube der Kommunistischen Partei Chinas offiziell ein Greuel. Die Funktionäre haben sich der Wissenschaft und dem Atheismus verschrieben und verurteilen zumindest nach außen viele Überlieferungen der alten chinesischen Kultur. Doch wenn es um die Olympischen Spiele geht, sind alle Mittel recht, um zu Erfolg zu kommen. Die Partei schämt sich also nicht, sich mit dem Datum und der Uhrzeit zum Aberglauben zu bekennen.
Die 8 als Glückszahl: „ba“ im Chinesischen klingt so ähnlich wie „fa“, und das bedeutet so viel wie „reich werden“ oder „zu Wohlstand kommen“. Im pseudokapitalistischen China, wo alle das schnelle Geld anstreben, ist die 8 überall begehrt. In Hongkong werden schon lange Autokennzeichen mit vielen Achten für Millionen Hongkong-Dollar versteigert. Auch auf dem chinesischen Festland sind die Achter-Autonummern begehrt und werden von reichen Interessenten gekauft. Mobilnummern, die auf eine 8 enden, werden zu Höchstpreisen vertrieben. Gern sucht man sich für Telefonnummern, Geheimnummern und andere Zahlen Kombinationen, so dass die Zahlenreihen in der Aussprache einen Glückwunsch ergeben. So ist zum Beispiel die Nummer 5-1-8 oder 1-8 beliebt, die in der Aussprache ähnlich klingt wie „ich will reich werden“. Die Nummer 888 bedeutet einfach nur „reich, reich, reich“. Kalendertage mit der 8 gelten für private Feste und Geschäftseröffnungen als günstig.
Ansturm auf Standesämter führte schon zu Engpässen
Kein Wunder also, dass an diesem 8. August in ganz China viel los ist. Viele Paare wollen das Glücksdatum, das gleichzeitig das Datum der Eröffnung der Spiele ist, auf ihrer Heiratsurkunde haben. In Peking gibt es diesmal viermal so viele Paare wie im vergangenen Jahr, die sich den 8. August als Hochzeitsdatum ausgesucht haben. Standesämter haben ihre Amtszeiten ausgeweitet und bieten besondere Dienste an, um der Nachfrage gerecht zu werden.
Der Ansturm auf die Standesämter führte schon zu Engpässen. In Schanghai heirateten schon in den ersten Monaten dieses Jahres viel mehr Paare als sonst. Seit Monaten sind in der Millionenstadt fast alle Hotels, die Hochzeitsfeiern organisieren, ausgebucht. Die geschäftstüchtigen Schanghaier bedienen den Markt. Im Internet bieten Agenten gegen eine Vermittlungsgebühr Termine für Hochzeitsfeiern in den Hotels an. Sie hatten vorausschauend schon im vergangenen Jahr Hotels für Bankette gebucht und verkaufen die Buchungen jetzt für einen Aufpreis von mindestens 1000 Yuan (etwa 100 Euro), berichtet „China Daily“.
Der Glaube an die Macht der Zahlen
Da eine durchschnittliche Hochzeit in Schanghai mittlerweile schon stattliche 187.000 Yuan kostet, sind die meisten Paare gern bereit, diesen kleinen Aufpreis zu zahlen, um in den Schutz des Glücks zu kommen. In der traditionellen chinesischen Kultur spielte die Zahlenmystik eine wichtige Rolle. Der Glaube an die Macht der Zahlen hat sich bis heute gehalten und ist in der Volksrepublik sogar lebendiger denn je. Allerdings kennen nur die wenigsten die komplizierten Zahlenbedeutungen des alten China. Neben der 8 gelten als glückbringende auch die Zahl 6: „liu“ heißt so viel wie „günstig“ und „vorteilhaft“; die 7: „qi“ steht für Aufbruch; die 9: „jiu“ steht für Vollendung und Dauer. Zu vermeiden ist dagegen die Zahl 4: „si“ klingt ähnlich wie das Wort Tod. In vielen chinesischen Hochhäusern und Hotels gibt es daher kein viertes, vierzehntes oder vierundzwanzigstes Stockwerk.
Ernsthafte Anhänger der Zahlenmagie verlassen sich nicht nur auf die einfache Deutung der Zahlen nach ihrem Bedeutungsanklang. Wer es genau wissen will, lässt sich bei einem Feng-shui-Meister ein glückbringendes Datum für alle Vorhaben und auch die persönliche Telefonnummer berechnen. Auch den glückbringenden Tag für die Geburt eines Kindes wird berechnet. Die Geburt wird dann am entsprechenden Datum sichergestellt: Auch so ist die Zunahme der Kaiserschnitt-Geburten in China zu erklären.
China wollte den 15.8. als Eröffnungsdatum für Olympia
In diesem Jahr aber scheint sich nach Ansicht vieler Chinesen die Zahl 8 in eine Unglückszahl verwandelt zu haben. Dazu haben sie die Quersummen entsprechender Daten bemüht. Die Schneestürme begannen in diesem Jahr am 25. 1. (2+5+1=8), die Unruhen in Lhasa nahmen am 14. 3. ihren Lauf (1+4+3=8), und am 12. 5. (1+2+5=8) bebte in der Provinz Sichuan die Erde und brachte fast 100.000 Menschen den Tod. Wenn nun auch noch 88 Tage nach dem Erdbeben die Olympischen Spiele beginnen, fragen sich viele, ob der 8. 8. vielleicht kein gutes Omen für die Großveranstaltung sein wird.
Die chinesische Regierung ist in beiden Fällen aus dem Schneider. Geht alles gut, hat die Zahl 8 gewirkt, geht etwas schief, so kann sie die Schuld auf das Internationale Olympische Komitee (IOC) schieben. China strebte nämlich als Eröffnungsdatum den 15. 8. an, weil es Mitte August weniger regnet und die Temperaturen zu sinken beginnen. Doch das IOC bestand auf einem früheren Datum. Also einigte man sich auf den 8. August. Und außerdem verlässt man sich heute in China bei Glücksversprechen auch aufs Private. Und da wird das Jahr 2008 nicht nur einen Hochzeits-, sondern auch einen Babyboom hervorbringen.
Krankenhäuser könnten überlastet sein
Im renommierten Pekinger Xiehe-Krankenhaus ist die Zahl der Geburten in diesem Jahr um 50 Prozent gestiegen. Besonders in diesem Monat herrscht großer Andrang. Die „Shanghai Evening News“ berichtete, dass einige Paare den Weg der künstlichen Befruchtung gewählt haben, um den 8. August als Geburtstag zu treffen. Verbreitet ist es, das Glück mit einem Kaiserschnitt zu erzwingen. Viele Eltern bemühten sich daher, für heute einen Termin zum Kaiserschnitt zu bekommen.
Offiziell dürfen die Ärzte solchen Ersuchen nicht nachgeben. Doch tatsächlich werden in China viele Kinder an „glückbringenden Tagen“ per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Doch auch mit dem Baby- und Hochzeitsboom im Glücksjahr ist es so eine Sache. Die Verwaltungen warnen davor, dass die Krankenhäuser in diesem Jahr und besonders im August überlastet sind – und daher nicht die beste Versorgung bieten. Für die 16.400 glücklichen Paare, die heute in Peking einen Termin beim Standesamt haben, wird es nicht unbedingt auch die obligaten Hochzeitsessen geben.
Während der Olympischen Spiele gilt der Ausnahmezustand mit vielen Beschränkungen, nicht nur im Straßenverkehr. Und da die Preise der Hotels in olympische Höhen gestiegen sind, feiert man lieber später – Hauptsache, auf dem Trauschein steht der 8. 8. Nicht zuletzt werden die heranwachsenden Kinder des Jahrgangs 2008 eines Tages in Schwierigkeiten kommen: Sie müssen mit noch schärferer Konkurrenz um knappe Kindergartenplätze und Schulzulassungen rechnen. Ob auch sie die Acht noch als Glückszahl ansehen werden?