13.04.2008 · China hadert wieder einmal mit der westlichen Kultur: Ist sie ein Motor des Fortschritts oder nur geschickt verpackte Manipulation? Noch schlägt sich die Abwehrhaltung nicht in einer „chinesischen Ideologie“ wieder.
Von Mark Siemons, PekingWer in diesen Tagen mit Pekinger Intellektuellen spricht und ins chinesische Internet schaut, kann den Eindruck gewinnen, zwischen China und „dem Westen“ stehe ein hoher, schier unüberwindlicher Wall. Viele Chinesen wollen mit europäischen und amerikanischen Medien und westlicher Kultur nichts mehr zu tun haben; in der westlichen Darstellung des Tibet-Konflikts seien die chinesischen Opfer zu Tätern gemacht worden, und sie sei Ausdruck eines nicht bloß gegen das Regime, sondern gegen das Volk gerichteten Ressentiments, das China seine Erfolge neide.
Viele von denen, die sich da jetzt im Zorn auf den Westen mit ihrer Regierung solidarisieren, sind der Kommunistischen Partei sonst gar nicht so freundlich gesinnt, und manch einer war vor neunzehn Jahren bei den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens dabei. Damals sah man westliche Zeitungen und Fernsehsender als Bundesgenossen im Kampf gegen ein erstarrtes System an, und auf dem Höhepunkt der Kundgebungen wurde sogar eine Replik der New Yorker Freiheitsstatue als „Göttin der Demokratie“ errichtet. Damals kam es dem Westen so vor, als bilde er das Ziel und die Bestimmung der hoffnungsvollsten Teile der chinesischen Jugend. Auch wenn die Demonstrationen blutig niedergeschlagen wurden, schienen sie doch die allgemeine globale Tendenz der Geschichte zu bestätigen. Was ist in der Zwischenzeit passiert, dass sich die Situation derart ändern konnte?
Wie veränderte sich die Sympathie nach 1989?
Im Rückblick sieht man deutlicher, dass schon 1989 der Westen nicht das Ziel der Studenten war, sondern nur Mittel zum Zweck. Ausgehend von sozialen Missständen, war das Ziel ein sehr traditionelles, nämlich „China zu retten“: So pflegte man seit Beginn des Jahrhunderts den Versuch zu beschreiben, das Land aus seiner Erstarrung und Schwäche herauszuführen, in der es seit der Konfrontation mit den europäischen Mächten versunken war. 1988 hatte die Fernsehserie „Elegie des Gelben Flusses“ die westliche Kultur in diesem Sinne als Heilmittel für alle fortschrittshemmenden Verknöcherungen angepriesen, die sie der chinesischen Tradition unterstellte. Sie stand damit in der Nachfolge der „4.-Mai-Bewegung“ von 1919, die mit der überkommenen Kultur brechen wollte, um China wieder stark zu machen.
Die ganzen achtziger Jahre über waren im Zuge eines immer hitziger werdenden „Kulturfiebers“ all die Verwestlichungsmodelle neu ventiliert worden, die schon seit der Jahrhundertwende diskutiert worden waren und schließlich auch zur Entstehung und zum Aufstieg der Kommunistischen Partei Chinas geführt hatten. Berührungsängste gab es damals kaum.
„Alles unter dem Himmel“
Der amerikanische Kommunist Sidney Rittenberg erzählt in seiner Autobiographie, dass Mao und seine Gefolgsleute schon während des Bürgerkriegs in den Höhlen von Yanan, also Jahre vor ihrer Machtübernahme, jeden Samstagabend mit großer Begeisterung Hollywood-Filme guckten und sich anschließend angelegentlich nach den neuesten Automarken und Konsumgewohnheiten in Amerika erkundigten. Dabei wurde die fundamentale Eigenständigkeit des chinesischen Kosmos, für den ältere Zeiten die Bezeichnung „Alles unter dem Himmel“ erfunden hatten, freilich nie in Frage gestellt. 1898 hatte der Reformer Zhang Zhidong das auf die einflussreiche Formel „Chinesische Bildung als Essenz, westliche Bildung für die Praxis“ gebracht.
Wie veränderte sich die Sympathie für den Westen nach 1989? In den neunziger Jahren entwickelte die chinesische Regierung, zunächst noch unter Deng Xiaoping, ein Vorgehen, mit dem sie vermeiden wollte, dass sich ein Vorfall wie der auf dem Tiananmen-Platz jemals wiederholen würde. Sie verband beschleunigte marktwirtschaftliche Entwicklung und politische Kontrolle mit dem Versuch, alle politischen, kulturellen, religiösen und sozialen Zuspitzungen zu neutralisieren. Anstatt ihnen, wie in der kommunistischen Vergangenheit üblich, konfrontativ zu begegnen, zog man es nun vor, sie in Institutionen einzubinden, die mit dem Herrschaftsmonopol vereinbar sind und von der Regierung beaufsichtigt werden. So soll die unter Marktbedingungen unvermeidliche Ausdifferenzierung und Diversität „mit chinesischen Kennzeichen“ versehen, also mit der staatlichen „Stabilität“ versöhnt werden.
„Ein Widerstandskampf gegen den hegemonialen Diskurs des Westens“
Je erfolgreicher sich die chinesische Wirtschaft in den folgenden Jahren entwickelte, desto mehr schien diese Strategie aufzugehen. Die „westliche Praxis“ in Gestalt von Marken, Lebensstilen, Moden und Autos, aber auch von Theorien, die man im Buchladen kaufen kann, und von zeitgenössischer Kunst ist in den großen chinesischen Städten heute allgegenwärtig. Doch zugleich haben sich die intellektuellen Energien wieder stärker auf China selbst konzentriert, und der Westen wechselte seine Rolle vom Reformvehikel, dem man mit Sympathie begegnete, zur politisch-ideologischen Gegenmacht, die dem Aufstieg der Chinesen nicht wohlgesinnt sei.
Nach der Emanzipation der Einzelnen gegenüber dem Staat, die in der Folge der Entindividualisierung der Kulturrevolution wichtig gewesen war, schob sich nun wieder die Emanzipation des Landes innerhalb der Welt in den Vordergrund. Die westliche China-Kritik, insbesondere aus Amerika, wurde zusehends nicht als Solidarität mit der chinesischen Bevölkerung verstanden, sondern als Zurückweisung. In Büchern wie „China kann nein sagen“ oder „Die Hintergründe der Dämonisierung Chinas“ gerieten die vorher so inspirierenden westlichen Ideen generell unter Ideologieverdacht. Auch bei Chinesen, die keine Parteigänger der Regierung sind, setzte sich die Überzeugung fest, der Westen verfolge mit seiner Menschenrechts- und Demokratiemission noch eine andere Agenda, nämlich die der Eindämmung Chinas.
Diese Haltung scheint im Zuge der Tibet-Krise nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht zu haben. Eine Website namens www.anti-cnn.com ruft Chinesen in der ganzen Welt dazu auf, von nun an Beispiele für die Manipulationen westlicher Medien zu sammeln. „Das ist ein Widerstandskampf gegen den hegemonialen Diskurs des Westens“, heißt es dort gut postkolonialistisch: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es ein langer, schwieriger und komplexer Kampf werden wird.“
China beschäftigt sich zunehmend mit dem globalen Rahmen
Gewiss hat die Bewegung von 1989 auch ein Erbe von Bürgerrechtlern hervorgebracht, die ihre Fundamentalopposition nach wir vor mit Sympathien für den Westen verbinden. Aber im Gegensatz zu den früheren Demonstranten ist ihre Zahl überschaubar. Beim weit überwiegenden Teil der jungen und gut gebildeten Schichten - jenen also, die in den achtziger Jahren die Basis der Proteste bildeten - scheint die Stimmung gegenüber dem Westen zunehmend selbstbewusst, gereizt, ironisch und sarkastisch zu werden.
Allerdings schlägt sich diese Abwehrhaltung bisher nicht in der Ausbildung einer spezifisch „chinesischen Ideologie“ nieder - im Unterschied etwa zu Singapur, wo in den achtziger Jahren „asiatische Werte“ propagiert wurden. In den Universitäten und Think Tanks der chinesischen Regierung arbeiten zwar viele Wissenschaftler an Theorien wie denen einer „chinesischen Moderne“, einer chinesischen Begründung der Menschenrechte oder einer Weltordnung mit chinesischen Kennzeichen - zunehmend beschäftigt sich China mit dem globalen Rahmen, in den es hineinwächst und den es mitprägen will.
Doch es ist nicht abzusehen, dass eine dieser vielen Suchbewegungen sich zu einer allseits akzeptierten, verbindlichen Selbstdefinition Chinas verdichtet. Das Gleiche gilt für das derzeitige Konfuzianismus-Revival, das eher von den eklatanten Wissenslücken über die eigene Tradition zeugt als von einem eigenen, den Westen herausfordernden System. Die vielen Appelle, die „chinesische Kultur“ zu stärken, landen ironischerweise oft bei Topoi der westlichen China-Beschäftigung wie dem der „Vier großen Erfindungen“.
Misstrauen gegenüber einer wirtschaftlich erfolgreichen Alleinherrschaft
In Wirklichkeit ist das „Eigene“ Chinas bislang kaum inhaltlich gefüllt, sondern betrifft vor allem das eifersüchtig und empfindlich behauptete Recht, über sich selbst zu bestimmen. Insofern stellt China für den Westen eine Herausforderung dar, die sich geradezu konträr zu der des Islamismus verhält. Nicht eine ihm frontal gegenüberstehende Idee wirkt da irritierend, sondern ein Pragmatismus, der sich anscheinend allem anverwandeln kann und dabei doch sein eigenes Gravitationszentrum behält.
Freilich unterschätzt man dabei mitunter die langfristigen Entwicklungschancen, die diese Flexibilität bietet, sowohl im inneren politischen Gefüge als auch in den Beziehungen nach außen. So stark die Ressentiments gegen den Westen zurzeit sind, so bleibt dieser doch ein Bezugssystem, in dem sich Intellektuelle heute ganz selbstverständlich bewegen. Gegenüber westlicher Massenkultur, westlichen Waren und westlichen Ideen gibt es nach wie vor keinerlei Abstoßungsreaktion. Die Verhärtung braucht also nicht von Dauer zu sein.
In den liberalen und demokratischen Staaten wächst unterdessen das Misstrauen gegenüber einer wirtschaftlich erfolgreichen und dabei niemandem Rechenschaft schuldigen Alleinherrschaft, die alles kontrollieren will. Man fürchtet, dass sie die in Europa mühsam durchstandene Freiheitsgeschichte wieder zurückdrehen könnte. Zugleich scheint sich der Westen schwer damit zu tun, dass ihm zum ersten Mal seit seinem eigenen Aufstieg eine Konkurrenz ersteht, die sich nicht in das von ihm installierte Gefüge einordnet. Schmerzlich muss man zur Kenntnis nehmen, dass auch in Zeiten der Globalisierung die Welt weniger flach ist, als manche dachten.