Home
http://www.faz.net/-gdh-x2ni
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Adolf Ogi im Interview „Jetzt sollte man den Fackellauf durch Tibet absagen“

08.04.2008 ·  Adolf Ogi war Präsident des Schweizer Skiverbandes, Bundesrat und als UN-Sonderberater für Sport Vorgänger von Willi Lemke. Der volksnahe Funktionär, dem die Mitgliedschaft im IOC verwehrt wurde, fordert im F.A.Z.-Interview Taten von Jacques Rogge.

Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (2)

Adolf Ogi war Präsident des Schweizer Skiverbandes, dreizehn Jahre Bundesrat und als UN-Sonderberater für Sport der Vorgänger von Willi Lemke. In seiner Heimat hat es der volksnahe Funktionär zu Kultstatus gebracht - die angestrebte Mitgliedschaft im IOC blieb ihm aber verwehrt.

Was haben Sie empfunden, als Sie die Bilder der gelöschten Fackel in Paris gesehen haben?

Der Fackellauf ist wie zuvor in Istanbul und in London gestört worden, das ist unwürdig. Und wenn mehr Polizisten eingesetzt werden müssen als beim Besuch von Präsident Bush oder Präsident Putin, dann sind das Anzeichen, die ernstgenommen werden müssen. Vor allem ist es nicht gut für den Sport, und es ist auch nicht gut für die olympische Bewegung.

Video: Flammender Zorn in Paris

Die symbolisch am meisten aufgeladene Station steht ja noch bevor.

Den Fackellauf durch Tibet und auf den Mount Everest, den heiligen Berg der Tibeter, ist eine Provokation. Jetzt wäre der Moment, an dem das IOC und das Organisationskomitee diese Stationen absagen sollten. Das wäre machbar – auch ohne Gesichtsverlust für die Chinesen.

Hat China selbst die Problematik überhaupt schon richtig erkannt?

Ich glaube, nicht in vollem Umfang. Sie haben bis jetzt jedenfalls nicht gezeigt, dass sie die nötige Sensibilität besitzen – etwa bei der Fackelentzündung in Olympia, die im Fernsehen ja mit 50 oder 60 Sekunden Verzögerung übertragen wurde, ohne diesen leidigen Zwischenfall zu zeigen. Die Chinesen wollten die Spiele. Sie haben das Fenster weit geöffnet, und jetzt will die Weltöffentlichkeit durch dieses Fenster hineinschauen und wissen, wie die Chinesen die Probleme lösen. Ich bin der Meinung, sie müssen mehr tun.

Die Nationalen Olympischen Komitees haben geschlossen angekündigt, in Peking anzutreten. Hat man das Druckmittel Boykott – auch in Deutschland – zu früh aus der Hand gegeben?

Ein Boykott wäre die billigste Art, mit den Problemen umzugehen. Boykott würde bedeuten, dass man die Athleten bestraft, und das wäre ungerecht. Das IOC ist jetzt in der Pflicht, gemäß seiner Charta die Chinesen flexibler zu machen. Herr Rogge sollte versuchen, die Chinesen zu überzeugen, dass bestimmte Fragen anders und besser gelöst werden.

Und wenn das nicht gelingt?

Wenn er nicht vermitteln will, wäre mein Vorschlag, einen Mediator einzusetzen, gewissermaßen eine Weltautorität wie Kofi Annan, Nelson Mandela oder Tony Blair.

Hat der Sport nicht genügend Möglichkeiten, auf die Chinesen einzuwirken?

Der Sport kann nicht sehr viel tun. Die Politik hat bislang versagt und das Problem der Menschenrechte noch nicht gelöst und wird auch das Problem Tibet nicht lösen können. Da kann man auch nicht verlangen, dass das IOC diese Probleme löst. Aber wenn man die Spiele nach Peking vergibt, muss man sich bewusst sein, dass solche Fragen auf den Tisch kommen. Die Frage, die sich auch stellt, ist: Was hat das IOC von Peking vor der Vergabe verlangt? Und was haben das OK und die chinesische Regierung dem IOC versprochen. Das wäre ja interessant zu wissen. Im Übrigen können in Peking – und auch in Sotschi (Winterspiele 2014) – Sport und Politik nicht voneinander getrennt werden.

Wie steht man in der Schweiz zur Boykott-Frage?

In der Schweiz ist man mehrheitlich sicher gegen einen Boykott. Aber wenn nicht gehandelt wird, kommen natürlich weitere Vorschläge – wie mit der Idee des Boykotts der Eröffnungsfeier durch die Staatsoberhäupter oder den Trauerschleifen für die Athleten schon geschehen. Wenn IOC und OK nicht handeln, wird noch mehr kommen, und dann kann dieses Schneebrett schnell zu einer Lawine werden. Dann wird es so sein, dass der Sport der Verlierer ist, und das sollte mit allen Mitteln vermieden werden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit früheren Boykotten gemacht?

Die Boykotte in Moskau und Los Angeles in den achtziger Jahren hat eigentlich nicht viel gebracht, das muss man ganz ehrlich feststellen. Danach wurde sehr schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen. Ein Boykott ist vor allem eine Bestrafung der Athleten.

Ihr Nachfolger als UN-Sonderbeauftragter, Willi Lemke, hat sich bislang sehr zurückgehalten. Ist dieses Amt nicht prädestiniert für klare Worte?

Ich möchte mich nicht dazu äußern, wie er handeln sollte. Aber es ist wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, dass die olympische Waffenruhe für die Spiele in Peking im November 2007 beschlossen wurde – auf Antrag des Gastgebers, wie das seit 1994 auf der Grundlage einer UN-Resolution üblich ist. Das verpflichtet zwar nur während der Spiele zu einer Waffenruhe, aber was jetzt passiert, ist schon ein moralisches Infragestellen dieser Waffenruhe. Ich möchte hoffen, dass die Resolution nicht missbraucht wird, und da ist die UN schon gefordert.

Werden Sie selbst nach Peking reisen?

Ich habe eine Einladung, aber ich weiß noch nicht, ob ich fahren werde. Das hängt auch von den zeitlichen Möglichkeiten ab. Aber ich werde die weitere Entwicklung im Auge behalten.

Sind Sie optimistisch?

Wenn die Probleme nicht in den nächsten Tagen gelöst werden, dann werden natürlich weitere Boykottdrohungen kommen – und die kommen dann auch von der politischen Seite. Deshalb ist es jetzt so dringend nötig, dass man sich im IOC darüber klar wird und die Probleme mit den Chinesen zu lösen versucht. Und die erste Lösung wäre die Änderung der Route für den Fackellauf.

Das Gespräch führte Christian Kamp.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen