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Rettungsarbeiten in Hanwang Oft wurden nur die Alten schwer verletzt

16.05.2008 ·  Im Kreis Mianzhu in der chinesischen Erdbebenregion sind die meisten Häuser zerstört. Dennoch kamen die Bauern oft besser davon als die Städter. Sie konnten sich schnell nach draußen retten, als das Erdbeben begann.

Von Petra Kolonko
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"Es ist mein Kind, ich will mein Kind sehen." Zwei Männer halten die verzweifelte Mutter zurück, als Rettungskräfte aus den Trümmern eines Hauses einen kleinen Leichnam bergen, ihn in einen Plastiksack hüllen und auf die Straße legen. Verwandte versuchen, die Frau zu trösten. "Es ist zu spät", sagt ein Mann aus dem Rettungteam in Hanwang, "vier Tage nach dem Erdbeben finden wir jetzt nur noch Tote."

Die Kleinstadt Hanwang liegt 30 Kilometer Luftlinie entfernt vom Epizentrum des Erdbebens in Wenchuan. Mehr als die Hälfte der Häuser sind eingestürzt, fast alle anderen beschädigt. Viele der für chinesische Kleinstädte typischen alten Betonplattenbauten stehen noch, sind aber verlassen. Die Menschen haben sich in Zelte und andere provisorische Unterkünfte geflüchtet. Wo einst Ladenfronten waren, klaffen Löcher in den Hausreihen. Im Restaurant eines Hauses, dessen Frontmauer eingestürzt ist, steht noch eine Teekanne auf dem Tisch, als wäre gerade ein Gast weggegangen. Überall liegen Ziegel, Balken, Plastik und Müll. Verformte Autowracks säumen die Straßen. Es ist staubig und heiß.

Motorenfabrik war der ganze Stolz

Am Freitag gibt es noch einmal ein Nachbeben, aber die Bergungsarbeiten gehen weiter. An einem mehrstöckigen Wohnhaus, das zur Hälfte abgebrochen ist, räumen Rettungstrupps aus Hongkong mit Hebegeräten Betonplatten beiseite. Aus dem Haus wurden bislang 21 Personen geborgen, nur elf von ihnen lebend. Man hat wenig Hoffnung, dass die weiteren 16 Menschen, die im Haus vermutet werden, noch am Leben sind. In Hanwang ist auch eine Schule eingestürzt und hat viele Kinder unter sich begraben. Am Donnerstag war dort noch ein Mädchen lebend gefunden worden, doch mussten die Ärzte, um es aus den Trümmern zu befreien, seine Beine amputieren.

Hanwangs Stolz war die am Berghang gelegene große Motorenfabrik Dongfang, der größte Arbeitgeber des Ortes. Sie ist zerstört. Von 3000 Angestellten seien etwa 300 ums Leben gekommen, sagt ein Sprecher. "Weil wir nahe am Berg liegen, sind wir besonders erdbebengefährdet." Jetzt habe man alle Arbeiter und Angestellten in Sicherheit gebracht. Fort aus der zerstörten Stadt wollen auch andere. Man sieht sie durch die Straßen irren, mit Bündeln, Koffern, Habseligkeiten bepackt, auf dem Weg zu Verwandten außerhalb des Erdbebengebiets.

Es wimmelt von Rettungswagen

Am Straßenrand sind die blauen Zelte des Katastrophenschutzes aufgebaut. In ihnen liegen auf dem Boden oder auf Decken die Verletzten. Hanwang wimmelt von Rettungswagen, Militär- und Baufahrzeugen. Die vielen Helfer tragen Mundschutz - nicht nur gegen Staub. Man fürchtet jetzt die Ausbreitung von Krankheiten. Soldaten mit Schutzanzügen versprühen Desinfektionsmittel. Die Polizei hat die Region weiträumig abgeriegelt. Nur mit Sondererlaubnis kommt man noch in die am schlimmsten getroffenen Gebiete.

Im Kreis Mianzhu, zu dem die kleine Stadt Hanwang gehört, sind mindestens 4450 Personen ums Leben gekommen, mehr als 20.000 wurden verletzt, 1300 von ihnen schwer. Siebzig Prozent der Bauernhäuser, insgesamt mehr als 200.000, sind eingestürzt. Insgesamt sind in dem Kreis mehr als 400.000 Personen von dem Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen. Dabei ging es den Bauern auf den Dörfern etwas besser als den Städtern. Die meisten einstöckigen Bauernhäuser sind zwar stark beschädigt, doch konnten die meisten Bauern sich schnell nach draußen retten, als das Erdbeben begann. Oft wurden nur die alten Leute, die in den Häusern blieben, schwer verletzt.

Warten auf den Sohn

Frau Zhang sitzt neben ihrem Mann, der unter einer Wand begraben war und ein Bein gebrochen hat. Die Familie aus dem Dorf Wanding ist verzweifelt. "Meine Mutter hat sich am Rückgrat verletzt, und mein Sohn ist vermisst, erzählt Frau Zhang unter Tränen, von allen unseren Nachbarn und Verwandten haben wir Nachricht, nur der 22 Jahre alte Sohn ist verschwunden. Sie fürchten, dass er irgendwo auf der anderen Seite der Berge unter den Trümmern liegt. Er habe in einem Ort gearbeitet, der jetzt von der Außenwelt abgeschnitten sei. Die Straße sei zerstört, und es werde wohl noch lange dauern, bis die Retter dorthin vordringen könnten.

Im Kreis Mianzhu sind noch drei Bezirke von der Außenwelt abgeschnitten, die Straßen sind verschüttet, und selbst der Mobilfunk funktioniert nicht mehr. Techniker der Armee sollen die Telekommunikationseinrichtungen in der Region reparieren. Die Armee hat 130.000 Soldaten in die 58 Städte und Kreise der Erdbebenregion geschickt. Über die Landstraßen und Autobahnen von der Provinzhauptstadt nach Norden in die Bergregion rollen gewaltige Militärkolonnen. "Die Armee und das Volk - Hand in Hand" steht auf roten Bannern, die über die Fahrzeuge gespannt sind. Bis wenige Kilometer vor Hanwang sind die Straßen noch gut, dann tun sich Risse und Spalten auf, der Verkehr stockt immer wieder.

Berge von Wasserflaschen und Kartons

Auf dem Parkplatz eines Transportunternehmens vor Hanwang wurde ein Lager für Hilfsmittel eingerichtet, Berge von Wasserflaschen und Kartons mit Lebensmitteln lagern dort. So richtig scheint die Verteilung noch nicht zu funktionieren. Viele freiwillige Helfer aus der Umgebung und der 150 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Chengdu haben Wasser, Lebensmittel und Arzneien gebracht, und vieles wartet noch auf Verteilung.

Nachdem in den vergangenen Tagen schon Ministerpräsident Wen Jiabao die Katastrophenregion bereist hatte, zeigte sich am Freitag auch Parteichef Hu Jintao bei den Erdbebenopfern. Er besuchte die Stadt Mianyang, 50 Kilometer entfernt von Hanwang. "Die Aufgabe ist groß, und die Zeit drängt", sagte Hu Jintao in Mianyang, wo viele Flüchtling aus der Erdbebenregion gestrandet sind. Hu Jintao lobte die Rettungsarbeiten und forderte weitere Anstrengungen. Ministerpräsident Wen Jiabao versprach, das Land werde alles zur Bewältigung der Katastrophe tun. Auch Helfer aus dem Ausland werden jetzt zugelassen. Die ersten kamen aus Japan und Singapur. Auch Taiwan, das China als Provinz betrachtet, durfte Helfer senden, und am Freitag wurden auch Rettungskräfte aus Südkorea und Russland zugelassen.

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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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