Home
http://www.faz.net/-gdl-x76a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Immer wieder verheerende Erdbeben China unter doppeltem Druck

 ·  Das Beben vom Pfingstmontag gehört zu den stärksten, die je in China gemessen wurden. Doch in der betroffenen Provinz Sichuan sind solche Erruptionen nichts Neues: Hier treffen pazifische Platte und indischer Subkontinent aufeinander - und sorgen für Spannung.

Artikel Bilder (3) Video (1) Lesermeinungen (0)

Obwohl China nicht wie Japan, Griechenland oder Kalifornien unmittelbar an einer der gefährlichen Grenzen zwischen den Erdkrustenplatten liegt, ereignen sich in der Volksrepublik immer wieder verheerende Erdbeben. So kamen am 28. Juli 1976 bei einem Beben unter der Industriestadt Tangshan in der Provinz Hebei nördlich von Peking mindestens 250.000 Menschen ums Leben.

Bei Erdstößen in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi im Jahre 1556 verloren sogar etwa 840.000 Menschen ihr Leben. Mit einer Magnitude von 7,9 gehört das Beben vom Pfingstmontag in der Provinz Sichuan zu den stärksten je in China registrierten Erdbeben überhaupt.

Sichuan steht ständig unter Spannung

China liegt am Ostrand der riesigen eurasischen Kontinentalplatte, die sich von Island bis nach Japan erstreckt. Wegen der Randlage steht diese sonst recht stabile Platte unter China aber unter doppeltem Druck. Während sich die pazifische Platte von Osten unter Eurasien schiebt, drückt von Süden her der indische Subkontinent im Rahmen eines Frontalzusammenstoßes in die Großplatte.

Die Vulkane und Erdbeben in Japan sind die direkte Folge der Kollision Eurasiens mit dem Pazifik. Das Himalaja-Gebirge und die Hochebene von Tibet entstanden aufgrund des Zusammenstoßes mit Indien. Die Konsequenzen dieser Plattenkollisionen gehen aber weit über die eigentlichen Plattenränder in Japan und im Himalaja hinaus, denn sie versetzen auch die benachbarten Bezirke Eurasiens unter tektonische Spannung. Entlang der Ausläufer des Himalaja sind diese Spannungen besonders groß.

Die Provinz Sichuan liegt innnerhalb dieses innerchinesischen Erdbebengürtels, denn sie bildet den Übergang vom Hochgebirge im Westen zu den flacheren Regionen im Osten Chinas. Der geographische Kern dieser Provinz ist das landwirtschaftlich äußerst fruchtbare „Rote Becken“, das seinen Namen nicht etwa von der Farbe der Kommunistischen Partei ableitet, sondern von jenen roten Böden, auf denen dort bis zu drei Ernten im Jahr gedeihen. Das Becken ist zu allen Seiten von Gebirgen umgeben.

Gebäude wurden zu tödlicher Falle

Auch in anderen Teilen der Welt werden die Übergänge von den Bergen zu solchen Becken oft von geologischen Störungszonen markiert. So trennt beispielsweise die Hunsrück-Südrandstörung den Hunsrück vom Mainzer Becken. Entlang dieser meist senkrecht stehenden Störungen kommt es immer wieder zu Erdbeben. Entweder rutschen dabei die Becken ab, oder die Gebirge schieben sich zu größeren Höhen auf.

Am südlichen Rand des Hunsrück sind die mit diesen ruckartigen Rutschungen verbundenen Erdstöße nur klein, entlang der Longmenshan-Störung am Nordwestrand des Roten Beckens können sie dagegen verheerende Auswirkungen haben. So kamen dort bei einem Erdbeben am 25. August 1933 mehr als 9300 Menschen ums Leben. Das Epizentrum dieses Bebens lag ebenso wie der Herd der Erdstöße vom Pfingstmontag etwa 90 Kilometer nordwestlich der Provinzhauptstadt Chengdu genau in dieser Störungszone.

Dass bei dem jüngsten Beben mehr als 10.000 Menschen umkamen, hat nicht nur mit der außergewöhnlichen Stärke der Erderschütterungen zu tun. Das Beben ereignete sich auch zu einer ungünstigen Tageszeit, nämlich am frühen Nachmittag. Viele der Opfer hielten sich in Büros, Fabriken und Schulen auf und wurden dort von den zusammenfallenden Gebäuden eingeschlossen. Eine Rolle spielt aber gewiss auch die Qualität der Gebäude. Bei dem Wirtschaftsboom, den die Provinz Sichuan in den vergangenen Jahren erlebte, wurden viele neue Gebäude schnell und ohne Rücksicht auf Erdbebensicherheit gebaut. Dass dabei die entsprechenden Bauvorschriften oft umgangen wurden, steht für Fachleute außer Frage.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

Jüngste Beiträge