25.05.2008 · Zwei Wochen nach dem Erdbeben in Chinas Provinz Sichuan hat die Regierung schon 62.664 Tote gezählt. Für mehr als 24.000 Vermisste besteht kaum noch Hoffnung. Im Katastrophengebiet werden heftige Regenfälle erwartet, dutzende Dämme drohen zu brechen.
Bei dem Erdbeben in Südwestchina könnten mehr als 80.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Fast zwei Wochen nach den verheerenden Erdstößen wurden bis Sonntag 62.664 Todesopfer gezählt. Doch es werden noch fast 24.000 Menschen vermisst. Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao sagte, die Zahl der Toten könne „weiter auf 70.000 oder 80.000 oder mehr steigen“.
Heftige Regenfälle und starke Nachbeben verschärften die Gefahr durch Dammbrüche, von denen hunderttausende Menschen bedroht sind. Die Situation sehe „düster“ aus, teilte das Wasserministerium mit. Das bisher schlimmste Nachbeben mit der Stärke 6,4 löste am Sonntag neue Erdrutsche aus und ließ ohnehin beschädigte Häuser einstürzen. Dabei gab es einen Toten und 25 Verletzte, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.
Nach elf Tagen gerettet
Ein 80 Jahre alter Mann wurde elf Tage nach dem Beben in einem Dorf in der Nähe von Mianzhu aus einem eingestürzten Haus gerettet. Wie das Fernsehen berichtete, war der Mann wegen einer Lähmung ans Bett gefesselt. Er sei beim Einsturz des Hauses nicht verletzt worden, steckte aber seither unter einem Träger fest. Seine Frau habe ihn notdürftig mit Wasser und Nahrung versorgen können.
Rettungstrupps haben die alten Leute am Freitag gefunden. Mit bloßen Händen hätten die Retter die Träger und Trümmer beiseitegeräumt und den Mann hervorgezogen, berichtete das Fernsehen. Viele Dörfer, die seit dem Erdbeben der Stärke 8 abgeschnitten waren, sind erst vergangene Woche erreicht worden.
35 Seen stellen eine akute Gefahr dar
Akute Gefahr drohte für mehr als 700.000 Menschen durch 35 natürliche Seen, die sich nach Erdrutschen in Flüssen aufgestaut hatten. Ferner könnten 69 beschädigte Dämme von Wasserreservoirs brechen, warnte der Vizeminister für Wasserressourcen, E Jingping. Weitere 310 Stauseen seien in einem „höchst gefährlichen“ Zustand. Starke Regenfälle in den nächsten Tagen seien „eine große Bedrohung“, sagte der Vizeminister und warnte vor Dammbrüchen und Flutwellen. Es seien Evakuierungspläne entworfen worden. Etwa 20.000 Menschen seien in Sicherheit gebracht worden.
Einige der nun entstandenen Seen wie etwa bei Tangjiashan gut drei Kilometer von der Kreisstadt Beichuan haben das Ausmaß eines mittelgroßen Wasserreservoirs. Etwa 1600 Soldaten marschierten am Sonntag zu diesem See. Sie wollen mit Dynamit Teile des gewaltigen Walles sprengen und so Wasser ablassen. Ein Plan, die Truppe mit Hubschraubern zu dem See zu fliegen, scheiterte am schlechten Wetter.
Ban Ki-moon im Katastrophengebiet
Bei einem Kurzbesuch am Samstag im Erdbebengebiet sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon weitere internationale Hilfe zu: „Die ganze Welt steht hinter ihnen und unterstützt sie.“ Er lobte die Reaktion der chinesischen Führung und die Hilfsbereitschaft im Volk. Ministerpräsident Wen zeigte Ban die zerstörte Stadt Yingxiu im Landkreis Wenchuan, wo das Epizentrum gelegen hatte.
Die Vereinten Nationen stellten China bereits 4,5 Millionen Euro aus dem Nothilfe-Fonds zur Verfügung. Wen sagte, es stünde im Mittelpunkt der Bemühungen, Seuchen zu vermeiden, die fünf Millionen Obdachlosen mit Zelten zu versorgen und neue Katastrophen etwa durch Dammbrüche zu vermeiden.
THW-Team traf am Sonntag ein
Ein Team des deutschen Technischen Hilfswerks (THW) mit 22 Mitgliedern traf am Sonntag in der Erdbebenregion ein, um mit sechs Trinkwasseraufbereitungsanlagen bei der Wasserversorgung zu helfen. Die mobilen Anlagen, die jeweils 6000 Liter Wasser in der Stunde produzieren, können mehrere zehntausend Menschen mit sauberem Wasser versorgen. Der Einsatz von bis zu vier Wochen ist Teil der Hilfe der Bundesregierung, für die bislang 2,6 Millionen Euro vorgesehen ist.
Das Deutsche Rote Kreuz hat in der schwer zerstörten Stadt Dujiangyan ein mobiles Krankenhaus aufgebaut. Dort wurden am Sonntag bereits einige Patienten behandelt. Am Montag wird das Hospital eröffnet. Die Übergabe an das chinesische Personal komme „schneller als erwartet voran“, sagte DRK-Sprecherin Svenja Koch. Die Höhe der internationalen und chinesischen Spenden für das Erdbebengebiet erreichte 26,1 Milliarden Yuan (2,4 Milliarden Euro), davon sind aber erst 3,68 Milliarden Yuan in der Region angekommen.
Das Erdbeben am 12. Mai hat auch zahlreiche Chemiefabriken beschädigt. Dreiviertel der mehr als hundert Anlagen hätten die Produktion eingestellt. Das Umweltministerium sprach laut Xinhua von 38 Anlagen, die eine mögliche Gefahr für die Umwelt darstellten. Ernsthafte Unfälle seien bislang aber nicht passiert.