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Artenschutz Pandabären steigen immer höher

29.05.2008 ·  In der Erdbebenprovinz Sichuan will China Pandabären retten. Deren Zahl hat zwar wieder zugenommen. Dennoch bleibt der Fortbestand der Art gefährdet, zumal ungewiss ist, ob sie auch in der freien Wildbahn überleben könnte. Petra Kolonko besuchte das Reservat von Wanglang.

Von Petra Kolonko, Wanglang
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Im „Pandakindergarten“ von Chengdu ist Spielstunde. Acht putzige kleine Pandabären leben in dem kleinen Gehege, klettern über Baumstämme, purzeln übereinander, tapsen hinter ihrer Betreuerin her. Einige der schwarzweißen Tiere mit den traurigen, schwarzumrandeten Augen kauen auf Bambusstangen herum, andere richten sich an den Beinen der Betreuerin auf, um Apfelstückchen zu erbetteln. Von Trägheit keine Spur, die flauschigen jungen Bärchen sind ständig in Bewegung. Die Besucher sind begeistert, die Kameras klicken, so nah kommt man selten an die possierlichen Tierjungen, die man sonst allenfalls als Plüschtiere kennt. Wer eine Spende von 100 Dollar bezahlt, darf sogar eines der Pandajungen auf den Schoß nehmen.

Draußen in der Wildnis gibt es kaum noch spielende Pandabären. Auch die Zukunft der Kleinen aus der Panda-Forschungs- und Zuchtstation von Chengdu ist ungewiss. Die Pandabären sind vom Aussterben bedroht. In Südwestchina, der Heimat des „Großen Panda“, wie er genau heißt, gab es im Jahr 2004 nur noch 1600 in der Wildnis, 240 Pandabären leben in Zoos auf der ganzen Welt.

Gastspiel bei den olympischen Spielen

Die Pandabären sind überall beliebt, in den Zoos sind sie Publikumsmagneten. China bedient sich ihrer als Vorzeigetiere und als Geschenk im Dienst der chinesischen Diplomatie. Acht junge Pandabären aus Sichuan sollen sogar bei der Eröffnungsveranstaltung der Pekinger Olympischen Spiele einen großen Auftritt haben. Sie wurden zur Vorbereitung schon in den Pekinger Zoo gebracht.

Im Entwicklungsland China wurde der Natur- und Tierschutz erst spät entdeckt – als die Population der Pandas schon dezimiert war. Erst vor drei Jahrzehnten wurde die Jagd auf den Pandabären verboten und mit drastischen Strafen bis hin zur Todesstrafe geahndet. In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Lebensraum der Bären immer mehr eingeschränkt. Vor allem die Abholzung der Bergwälder in den Provinzen Sichuan und Shaanxi in den achtziger und neunziger Jahren und der Bau von Straßen in den Pandabergen zerstörten das Habitat. Zwei Stationen in der Provinz Sichuan begannen mit der Pandazucht. Doch damit allein werden die Tiere kaum zu retten sein.

Weibchen nur an einem Tag im Jahr empfängnisbereit

„Das Habitat der Pandabären muss geschützt werden“, sagt Pandaforscherin Kati Loeffler, die in der Aufzuchtstation von Chengdu die Tiere ärztlich betreut. Auch die chinesische Regierung hat dies erkannt. In China gibt es mittlerweile 75 Naturreservate, wo Pandas ungestört leben sollen. Das sehe zwar auf dem Papier ganz gut aus, sagt Kati Loeffler, doch sind die „Kernzonen“ der Reservate, wo menschliche Aktivitäten strikt verboten sind, klein und die Reservate oft nicht untereinander verbunden, so dass die Pandas nicht weiterwandern können.

Das jedoch ist für ihre Fortpflanzung wichtig. In der Paarungszeit ziehen die Pandabären aus ihren Revieren auf der Suche nach Partnern in andere Regionen. Pandas, das weiß man aus der Forschung, sind wählerisch. Nicht jedes Tier paart sich mit jedem. Und die Zeit, in der das Weibchen befruchtet werden kann, ist knapp, gerade einmal ein Tag im Jahr. Wenn der Panda kein Weibchen findet, wird es bis zum nächsten Jahr dauern, bis wieder eine Paarung stattfinden kann.

Pandamütter kümmern sich zwei bis drei Jahre lang um ihre Kleinen. Die kommen als Winzlinge auf die Welt, die mit einem Bären keinerlei Ähnlichkeit haben. Sie wiegen 100 bis 200 Gramm, sind nackt und hilflos. Wenn die Pandamutter Zwillinge zur Welt bringt, wird ein Junges verstoßen, da sie nur eines großziehen kann. Die Mutter muss mit einer Pfote das Junge halten und mit der anderen das Fressen.

Wildhüter haben Tiere noch nie zu Gesicht bekommen

Um zu den letzten noch wild lebenden Pandabären zu kommen, muss man hoch in die Berge fahren. Vor gewaltigen, fast 5000 Meter hohen Schneegipfeln liegt auf 2800 Metern Höhe die Rangerstation des Naturschutzgebietes Wanglang. Wildhüter Zhou Hualong ist einer von denen, die hier über die Ruhe der Pandas wachen. Die Wildhüter achten darauf, dass niemand unbefugt in das Reservat eindringt, wildert oder unerlaubt Heilkräuter sammelt. Täglich sind er und seine Kollegen in den Bergen des Reservates unterwegs, doch noch nie hat er einen Pandabären zu Gesicht bekommen.

Die Tiere hätten Angst vor Menschen, sagt er. Pandas sehen zwar schlecht, aber sie können Menschen auf eine Distanz von mehr als einem Kilometer riechen. Wildhüter Zhou Hualong weiß aber, wo die Tiere fressen und trinken. Man muss sich durch dichtes Bambusgestrüpp und über steile Abhänge schlagen, um die Spuren der Pandas zu entdecken. Der Wildhüter findet angeknabberte Bambusspitzen und Pandakot. An Konsistenz und Farbe kann er erkennen, wann hier das letzte Mal ein Bär unterwegs war. Pandas schliefen und fräßen nur, sagt er, am Tag brauche ein Panda bis zu 20 Kilogramm Bambus.

WWF-Fachleute helfen

Das Reservat Wanglang ist eine Erfolgsgeschichte des Pandaschutzes. In dem Gebiet, das mit Hilfe des Naturschutzfonds WWF eingerichtet wurde und jetzt unter Beratung und Hilfe von WWF-Fachleuten vom chinesischen Forstministerium verwaltet wird, hat nach neuesten Erhebungen die Zahl der Pandabären in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Bislang nahm man an, dass etwa 30 Pandas in der Region Wanglang leben.

Nach neuesten DNA-Untersuchungen konnten die Forscher 66 Pandas in Wanglang identifizieren. „Das heißt nicht unbedingt, dass 66 Pandabären hier leben, aber es bedeutet, dass in den letzten Jahren 66 Pandas hier durchgekommen sind“, sagt Chen Youping, der Leiter des Reservates. Aber schon das feiern die Pandaschützer als großen Fortschritt.

Das Reservat von Wanglang gehört zu der Region Minshan, einer der Regionen mit der größten Artenvielfalt der Welt. Hier sind noch Pflanzen und Tiere zu finden, die in anderen Regionen der Welt schon ausgestorben sind. Neben geschätzten 700 Pandabären leben hier noch der Goldstumpfnasen-Affe und das Takin, eine Art Moschusochse. In der Bergregion der Provinz Sichuan gibt es 27 Panda-Schutzgebiete. Straßen durchziehen sie, es gibt Dörfer und kleinere Siedlungen dort. Deswegen werden jetzt mit Hilfe des WWF Korridore gebaut. Sie sollen die einzelnen Gebiete verbinden.

Kräutersammler stören Ruhe

Von 2003 bis heute wurde das Schutzgebiet in Minshan verdreifacht und ist jetzt so groß wie Hessen. Die Bergregionen sind dünn besiedelt, doch in den Flusstälern leben viele Menschen, insgesamt 4,7 Millionen, unter ihnen viele ethnische Minderheiten. Dass sich das Leben der Bevölkerung mit dem Natur- und Tierschutz vereinbaren lässt, ist eine der Herausforderungen in Minshan. Als die chinesische Regierung im Jahr 1998 das weitere Abholzen der Berge verbot, verloren die Bergbauern und die örtlichen Verwaltungen eine wichtige Einnahmequelle.

Viele der Bauern sammeln jetzt in den Bergen Unterholz und Heilkräuter für die chinesische traditionelle Medizin. Das stört die Pandabären. Wichtiger Teil der neuen Pandaprojekte ist es daher, für die lokale Bevölkerung andere Einkommensquellen zu schaffen. Eine Möglichkeit ist der Tourismus. Immer mehr Chinesen entfliehen der dicken Luft und der Enge der Städte in die Berge. Einige Dörfer der Baima-Tibeter sind schon zu Feriendörfern geworden. Doch auch der Tourismus hat Schattenseiten, mehr Wege und Häuser werden gebaut, mehr Straßen in die steilen Bergtäler gesprengt. Das treibt die wilden Tiere weg in immer noch höhere Regionen.

Öko-Touristen lassen Müll liegen

Auch im Reservat Wanglang sind Touristen willkommen, bringen sie doch Einnahmen und sollen für den Naturschutz interessiert werden. „Öko-Tourismus“ nennt sich das noch etwas hochtrabend. Tatsächlich haben die Touristen hier noch viel zu lernen. Abfall liegt neben den Parkplätzen und wird auf Wanderwegen achtlos weggeworfen. Und vor der „Öko-Lodge“ im Naturreservat finden am Wochenende Partys mit lauter Musik statt. „Wir finden das auch nicht gut“, klagt der Leiter, „aber wir brauchen die Touristen.“ China sei eben noch ganz am Anfang des Öko-Tourismus.

Insgesamt bleibt die Zahl der Pandas bedenklich niedrig. Weiter stehen die Pandabären auf der Roten Liste des WWF. Die chinesische Regierung hofft auf die Aufzuchtzentren. Im Zentrum bei Chengdu gibt es derzeit 48 Bären, weitere 68 befinden sich als Leihgaben in Zoos außerhalb Chinas.

Doch auch die Zucht der Pandabären ist schwierig. Sie haben in Gefangenschaft wenig Neigung, sich zu vermehren. „Soweit es geht, versuchen wir es mit natürlicher Paarung“, sagt die Biologin Wu Yan, aber die Weibchen seien wählerisch. Wenn es nicht zu einer Paarung kommt, wird künstlich befruchtet. „Wir müssen dabei sehr vorsichtig zur Werke gehen“, sagt Wu Yan. Bei den kostbaren Tieren darf nichts schiefgehen. Frau Wu Yan reist auch in Zoos im Ausland, um dort bei der künstlichen Befruchtung der Pandabären zu helfen.

Überleben in freier Wildbahn fraglich

Der Leiter des Aufzuchtzentrums, Zhang Zhihe, möchte gern in den nächsten fünf Jahren 80 bis 100 Pandas haben. Erst mit etwa 300 Pandas in der Zucht hat man aber genügend genetische Vielfalt. Die Ziel sei es, die Pandas dann wieder in der Wildnis auszusetzen. Doch bislang ist das noch nicht geglückt. Vor zwei Jahren wurde ein junger Panda ausgesetzt. Er wurde jedoch von anderen Pandas während der Paarungszeit angegriffen und verendete. Offensichtlich hatte er in der Gefangenschaft nicht gelernt, sich zur Wehr zu setzen. Es sei bis jetzt nicht klar, sagt Katie Loeffler, ob Tiere, die in Gefangenschaft aufgewachsen sind, wirklich in der freien Wildbahn überleben können.

Das Erdbeben in der Provinz Sichuan, der Heimat der meisten noch frei lebenden Pandas, hat auch Zerstörungen in den Reservaten angerichtet. In den Minshan-Bergen seien 20 Panda-Reservate vom Erdbeben erfasst worden, heißt es beim Forstamt von Sichuan.

In der Schutzstation Wolong, das nur dreißig Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt liegt, kamen sechs Tierpfleger ums Leben. Das Reservat war mehrere Tage von der Außenwelt abgeschlossen. Die mehr als achtzig Pandabären dort kletterten vor Angst auf Bäume, brüllten in Panik oder liefen davon, wie Tierpfleger aus Wolong berichteten.

Folgen des Erdbebens noch ungewiß

Sechs Bären des Reservates waren nach dem Erdbeben zunächst verschwunden, der letzte, Xi Xi, wurde erst nach zwei Wochen wiedergefunden, betäubt und ins Reservat zurückgebracht. Zwei Panda-Bären wurden verletzt. Beim Einfangen der Tiere, die sich bei den Chinesen großer Beliebtheit erfreuen, zeigten sich die sonst friedlichen Pandas von ihrer aggressiven Seite. Viele Tierpfleger trugen Kratz- und Bisswunden davon.

Wie sich das Erdbeben auf die frei lebenden Pandas ausgewirkt hat, ist noch nicht klar. Forscher aus den Schutzgebieten berichteten, sie hätten die Tiere schreien hören, als bei dem Beben Felsbrocken von den Berghängen fielen. Durch die vielen Erdrutsche im Gebirge sind auch Teile des Lebensraums der Bären zerstört worden, vor allem die Bambussträucher, von denen sich die Tiere ernähren.

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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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