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Freitag, 17. Februar 2012
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Kommentar Selbstbewusstes China

14.05.2008 ·  Die Olympischen Spiele nimmt China zum Anlass, uns auf die Grundmelodie der kommenden Jahrzehnte einzustimmen: Es ist die Melodie von Aufstieg, Größe, Leistungsfähigkeit und Selbstbewusstsein. Es ist eine imponierende Melodie, die etwas Einschüchterndes hat. Der Westen hört sie nicht gern.

Von Klaus-Dieter Frankenberger
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Der Büchermarkt nimmt die Zukunft vorweg: „Der erwachte Drache - Großmacht China im 21. Jahrhundert“; „Die Stunde der Rivalen“ oder „Globale Rivalen“; „Das Ende der westlichen Weltherrschaft“ oder „Die unwiderstehliche Verlagerung globaler Macht nach Osten“. Das ist eine kleine Auswahl aus einer immer größer werdenden Menge von Publikationen, die sich mit der wirtschaftlichen Dynamik Asiens im Allgemeinen und dem politischen Aufstieg Chinas im Besonderen befassen. Sie verzeichnen den relativen Einfluss- und Machtverlust des alten Westens und malen die Großkonkurrenz zwischen den Vereinigten Staaten und China als das dominante Strukturelement der internationalen Politik in den nächsten Jahrzehnten an die Wand.

Unter diesen Publikationen gibt es optimistische, die von Chancen und wachsendem Wohlstand einer größer werdenden asiatischen Mittelklasse in einem einzigen Wirtschaftsraum handeln. Und es gibt pessimistische, die Spannungen und sogar die Gefahr kriegerischer Zusammenstöße vorhersagen, falls es nicht gelinge, unter Beteiligung Amerikas ein funktionierendes Gleichgewichtssystem mit China, Indien und Japan zu installieren. Denn das „asiatische Jahrhundert“ wird zwar gemeinhin allein mit dem Aufstieg Chinas zur Großmacht assoziiert. Tatsächlich muss man heute mindestens von drei großen Regionalmächten sprechen: eben von China, dann von der Nuklearmacht Indien und von Japan, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde.

China wird die Weltpolitik besonders prägen

Diese Gleichzeitigkeit hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Und weil die Interessen dieser drei Mächte an mehreren Stellen konfliktbegründend aufeinanderstoßen, gibt es, unabhängig vom Verhältnis zu den Vereinigten Staaten, nicht nur die Erwartung harmonischer Entwicklung.

Aber es ist natürlich nicht zu bestreiten, dass es in erster Linie die chinesische Entwicklung ist, welche die internationale Politik besonders prägen wird. Seit das kommunistische Regime vor dreißig Jahren die Fesseln der staatlichen Kommandowirtschaft abgeworfen hat, sich öffnete und sich in die Weltwirtschaft zu integrieren begann, erlebt das Land ein atemraubendes Wachstum, dessen Früchte zwar ungleich verteilt sind, das aber dennoch die Armut enorm gelindert hat. Es sind dieses Wachstum und diese Konkurrenz auf Märkten, die noch vor wenigen Jahren als Bastionen westlicher Unternehmen für uneinnehmbar gehalten wurden, die vielen Menschen im Westen heute regelrecht Angst machen.

In Verbindung mit einer geradezu klassischen Politik, die exklusiven Zugang zu Energieträgern und anderen Rohstoffen sucht und die darüber in Konflikt mit westlichen ordnungspolitischen Konzepten gerät, mit Patronage für skrupellose und diktatorische Regime sowie mit einer partiellen Unterdrückungspolitik im Innern wird daraus eine Angst vor der „neuen gelben Gefahr“ als Bedrohung westlicher Interessen.

Washington sucht das Gleichgewicht

Die Vereinigten Staaten betreiben zwar auf der einen Seite eine Gleichgewichtspolitik gegenüber China. Das Nuklearabkommen mit Indien, welches die indische Nuklearproliferation nachträglich legitimiert, kann man so interpretieren, die maritime Präsenz Amerikas im Pazifik und das enge Bündnis mit Japan ebenso. Auf der anderen Seite hat die Regierung Bush aber keine Eindämmungspolitik betrieben oder den Aufstieg Chinas in die Champions League der Weltwirtschaft systematisch zu hintertreiben versucht. Im Gegenteil: Es war die Regierung Bush, die das Regime in Peking dazu aufgefordert hat, ein verantwortungsbewusster Akteur mit globaler Verantwortung zu werden und die Regelung von Regionalkonflikten nicht Washington allein zu überlassen.

Im Falle Nordkoreas scheint Peking dieser Erwartung entsprochen zu haben; im Falle Irans ist Washington bisher eher enttäuscht worden. Umgekehrt sucht China den amerikanischen Einfluss dort zu begrenzen, wo der eigene Handlungs- und Interessenspielraum maximiert werden soll; gleichzeitig hat es nichts dagegen, dass Amerika die Seewege sichert.

In der Geschichte gibt es nichts Zwangsläufiges. Deswegen sind Vorhersagen, dass das chinesisch-amerikanische Verhältnis, das von Argwohn und Konkurrenz bis zu Bewunderung und Kooperation reicht, zwanghaft auf den großen Zusammenprall zusteuerte, genauso viel wert wie Behauptungen des Gegenteils: dass das Management dieses Aufstiegs gelingen werde, zumal die beiden Seiten des Pazifiks heute eng miteinander verflochten sind.

Nationalistisch angefeuerter Gegendruck

Aber das wiederum schließt nicht aus, dass es sachliche Interessengegensätze und ordnungspolitischen Grunddissens gibt, wie er sich in der Achtung der Menschenrechte oder in deren Missachtung offenbart. Der Westen wird und muss für seine Überzeugungen kämpfen, aber er wird es nicht auf die Spitze treiben. China wird und muss lernen, dass wirtschaftliche Öffnung kleine und große politische Wirkungen hat.

Allerdings müssen sich die Vereinigten Staaten und Europa darauf einstellen, dass China selbstbewusst und prestigebewusst seine Interessen wahren und sich nicht einschüchtern lassen wird; dass es den Druck westlicher Öffentlichkeiten, wie er in der Tibet-Krise zum Ausdruck gekommen ist, mit nationalistisch angefeuertem Gegendruck beantworten wird.

Die amerikanische Hoffnung, aus der mindestens so viel Idealismus wie Realpolitik spricht, dass China ein „verantwortungsbewusster Anteileigner“ an den weltpolitischen Dingen werde, erfüllt Peking allenfalls in kleinen Dosen, aber immerhin. Der europäische Wunsch auf stärkere Einbindung Chinas wird noch so manches blaue Wunder erleben; denn der Blick von den Wolkenkratzern in Schanghai entdeckt jenseits des Pazifiks ein noch immer um ein Vielfaches größeres Machtpotential als jenes, welches das „sanfte“ Europa anzubieten hat. Und als alt-neue Großmacht denkt China in anderen Souveränitätstraditionen als die postmodernen Europäer. Für die wird es in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts nicht einfacher.

Die Olympischen Spiele in Peking nimmt der Gastgeber jedenfalls zum Anlass, uns auf die Grundmelodie der kommenden Jahrzehnte einzustimmen: Es ist die Melodie von Aufstieg, Größe, Leistungsfähigkeit und Selbstbewusstsein Chinas, das sich vielen anderen Staaten überlegen fühlt. Das ist eine imponierende Melodie, die etwas Einschüchterndes hat. Nicht alle sind von ihr begeistert.

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