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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dalai Lama Entspannt lächelnd die Chinesen ärgern

 ·  Der Dalai Lama will mit dem innenpolitischen Streit über seinen Besuch in Deutschland nichts zu tun haben. Er versteht erst nicht, was der SPD-Vorsitzende Beck gesagt haben soll: „Der Scheiß“? Als ein Helfer ins Tibetische übersetzt, bricht Seine Heiligkeit in Lachen aus.

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Der Dalai Lama wirft sich in das Sofa seiner Adlon-Suite und klatscht in die Hände – als sei die Arbeit schon getan. Doch der ganz große Auftritt steht ihm zu der Zeit noch bevor: Zwei Stunden später wird er vor Tausenden sprechen, draußen am Brandenburger Tor direkt vor seinem Fenster. Fünf Stockwerke unter ihm am Hotel-Eingang stehen bereits Hunderte Fans, die Tibetfahnen ausgerollt. Vorhin, sagt der Dalai Lama amüsiert, seien sogar chinesische Journalisten bei ihm gewesen. „Sie wirkten etwas angespannt. Aber es ist immer gut, wenn man direkt miteinander spricht.“

Es war nur einer von etlichen Terminen an diesem Montag; die meisten sorgten seit Tagen für Ärger. China hat formal protestiert beim Auswärtigen Amt, wie stets, wenn der von Peking geächtete und seit einem halben Jahrhundert vertriebene Tibeter irgendwo in Deutschland offiziell empfangen wird. Auch die Bundesregierung war geteilter Meinung über den Umgang mit dem Dalai Lama; die SPD zerstritt sich dermaßen, dass die Union ganz berauscht war vor Schadenfreude über so viel politische Tollpatschigkeit.

Wieczorek-Zeul spricht mit dem Dalai Lama

Der Montag begann für den Dalai Lama mit der deutschen Streitfigur der vergangenen Tage. Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sprach 45 Minuten lang mit ihm. Zur Begrüßung hängte er ihr einen der vielen kunstseidenen Schals um, die in seiner Suite auf dem Kaminsims lagern. Die Ministerin sagte „Oh“ und senkte ihr Haupt. Hinterher berichtete sie von ihrem Geschenk für den Dalai Lama: die acht Millenniums-Entwicklungsziele für Gerechtigkeit, Menschenrechte und gegen Armut auf der Welt, alle edel gerahmt. „Die Welt braucht Persönlichkeiten, die den Gedanken von Frieden und Gerechtigkeit verkörpern und auch dafür einstehen“, lobte die Ministerin ihn. Auf den Krach der letzten Tage wollte sie nicht mehr eingehen, „parteipolitische Überlegungen“ weist sie zurück.

Sie habe den Dalai Lama nicht als Privatperson getroffen, sagt sie noch, sondern als „Vertreterin der Bundesregierung“. Damit setzt sie die Brüskierung ihres Parteifreunds, des stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Steinmeier fort, ohne ihn zu nennen. Denn ihn, den Außenminister, hatte sie erst gar nicht über ihr Vorhaben informiert. Sie wusste, dass er davon nichts hielt.

Steinmeier hatte das schon im September klargemacht, als die Bundeskanzlerin den Dalai Lama empfing. Solche Gespräche brächten wenig außer Ärger mit Peking, argumentierte Steinmeier. Sie schadeten deshalb dem deutschen Einfluss auf China und somit allem, wo Chinas Hilfe gebraucht werde. Frau Wieczorek-Zeul hatte sich die Nummer des Dalai Lamas direkt bei Christoph Heusgen besorgt, dem außenpolitischen Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt. Das Auswärtige Amt verbarg seine Überraschung darüber nicht. In der SPD warfen Außenpolitiker ihr vor, einen „schweren Fehler“ zu begehen. Der SPD-Vorsitzende Beck ärgerte sich über das ganze Durcheinander mit dem derben Ausdruck, „der Scheiß“ sei nicht mehr rückgängig zu machen.

„Ich war halb Marxist und halb Buddhist“

Was sagt Seine Heiligkeit nun dazu, die in der Suite vor Kuchen und Früchten sitzt? Der Dalai Lama versteht erst nicht, was Beck gesagt haben soll: „The shit“? Er zupft an der bernsteinfarbenen Gebetskette am linken Handgelenk. Ein Helfer übersetzt ins Tibetische, und der Dalai Lama lacht. Er hebt mahnend den Finger: „Das ist deutsche Politik!“ Soll heißen: nicht meine Zuständigkeit. Er wolle niemanden beleidigen und überhaupt keinen Ärger machen. Warum aber führt sein Besuch dazu? „Ich bin ein Troubleshooter, überall“, scherzt er. „Mein Besuch ist zu sehr politisiert worden.“

Als Politiker will er sich nicht sehen. „Ich werbe für menschliche Werte und für Harmonie!“ Ein Demokrat aber sei er durchaus, sagt der Dalai Lama und berichtet von seinen Reformideen für Tibet seit 1952. Er stehe für ein säkulares, autonomes Tibet. Seine Rolle sei dabei nur noch die eines „Senior Adviser“, nachdem die Exil-Tibeter vor sieben Jahren einen Ministerpräsidenten gewählt hätten. Aber Meinungsfreiheit müsse es in Tibet geben, auch der Buddhismus dürfe kritisiert werden, findet er.

Nennt Peking ihn dann zu Recht einen Antikommunisten? Nein, nicht wirklich, sagt der Dalai Lama. Bis in die siebziger Jahre habe er sich sogar sozial- und wirtschaftspolitisch dem Kommunismus nahe gefühlt. „Ich war halb Marxist und halb Buddhist“, sagt er. „Heute bin ich ganz Buddhist.“

Der Teufel steckt auch beim Dalai Lama im Detail

Welche politischen Forderungen die tibetische Exilregierung an China hat, lässt sich der Dalai Lama nur ungefähr entlocken. Es sollte die formal von Peking zugestandene und längst verfassungsrechtlich zugestandene Autonomie Tibets auch wirklich geben, sagt er. Die Minderheitenrechte sollten tatsächlich gewährt werden. Doch selbst bei Seiner Heiligkeit steckt der Teufel im Detail: Denn er wünscht, dass alle Tibeter in einem Territorium leben können und nicht weiter auf vier chinesische Provinzen verteilt sind. Das ist einer von drei Kernpunkten, weshalb China eine Einigung mit dem Dalai Lama für unmöglich hält: Er verlange eine Gebietsreform und greife damit in die chinesische Innenpolitik ein.

Als sich zwei Gesandte des Dalai Lamas am 4. Mai mit zwei chinesischen Vizeministern zu Gesprächen trafen, kamen auch die zwei anderen Vorwürfe Chinas zur Sprache: Der Dalai Lama akzeptiere nicht, dass Tibet immer schon zu China gehört habe; und er verlange die Entmilitarisierung Tibets. „Die Geschichte sollten wir ruhen lassen; die Entmilitarisierung ist nur eine Vision“, sagt Kelsang Gyaltsen. Er führt die Gespräche mit den Chinesen und begleitet den Dalai Lama auf dem Deutschlandbesuch.

Warum eigentlich immer wieder Deutschland? Weit mehr als zwanzig Mal war der Dalai Lama seit 1973 schon hier. „Es sind die vielen Einladungen“, sagt der Dalai Lama, die Deutschen seien so freundlich und ihr „Verlangen“ groß.

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