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China und seine Vergangenheit Unter dem Mantel des Schweigens

06.06.2008 ·  Die dunklen Seiten der kommunistischen Herrschaft werden in China verschwiegen. Eine Aufarbeitung der Geschichte findet nicht statt. Das gilt auch für das Massaker im Juni 1989. Die mächtige Zensurbehörde wacht über die Tabus.

Von Petra Kolonko, Peking
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Japanischen Politikern gegenüber sprechen Chinas Parteiführer gern von Vergangenheitsbewältigung. Japan müsse sich kritisch mit seiner Kriegsvergangenheit auseinandersetzen, fordern sie. Aus der Geschichte müsse man Lehren für die Zukunft ziehen. Doch im Umgang mit ihrer eigenen Geschichte beherzigt die chinesische Führung die Aufforderung zur Vergangenheitsbewältigung nicht. Die dunklen Seiten der Herrschaft der Kommunistischen Partei werden in China mit dem Mantel des Schweigens bedeckt.

Die Kommunistische Partei will sich als die politische Kraft präsentieren, die China zu Wohlstand und Macht führt. Da verderben die folgenschweren Fehler und Vergehen, die sie in der Vergangenheit am chinesischen Volk begangen hat, das schöne Bild. Die mächtige Zensurbehörde bestimmt Tabus und wacht darüber, dass sie eingehalten werden. So ist es verboten, sich in offiziellen Verlautbarungen und Veröffentlichungen etwa der Greuel der Landreformen in der fünfziger Jahren zu erinnern, in der hunderttausende Bauern gequält und getötet wurden, weil sie „Grundbesitzer“ waren.

Geschlagen, gedemütigt, eingesperrt

Es ist verboten, sich mit dem „Großen Sprungs nach vorn“ im Jahr 1958 zu beschäftigen, in dem eine gewaltsame Industrialisierungskampagne dem Land zwei Hungerjahre bescherte. Auch Erinnerungen an die Kampagne gegen „Rechtsabweichler“ sind nicht erwünscht, als all jene, die es wagten, auch nur ein bisschen Kritik an der Partei zu äußern, verhaftet, drangsaliert oder in Arbeitslager geschickt wurden.

Am auffälligsten ist aber das große Verschweigen von Maos „Großer Proletarischer Kulturrevolution“ (1968-68). Die Partei erwähnt sie nicht mehr, die Zeitungen schreiben nicht über sie, die Historiker erforschen sie nicht. Kein Museum erinnert an sie, keine Gedenkstätte erinnert an ihre Opfer. Es gibt keine Porträts der Täter und keine „Nie wieder“-Versprechen von ehemaligen Mitläufern.

Dabei ist jede Familie in China von dieser Zeit geprägt, und Chinas politische Kultur ist ohne die Zeit der Kulturrevolution nicht zu verstehen. Mao Tse-tungs Aufruf zur Rebellion erreichte damals jede Schule und jede Fabrik, jede Parteizelle und jedes abgelegene Dorf. Der Kampf gegen die „Revisionisten“ und „bürgerlichen Autoritäten“ ruinierte das Leben von Millionen. Wie viele zu Tode kamen, wird wohl niemals bekannt werden.

Sie wurden geschlagen, gedemütigt, eingesperrt, zu harter körperlicher Arbeit in entlegenen Regionen und Arbeitslagern verschickt. Schüler schlugen ihre Lehrer, Bauern quälten ihre Parteifunktionäre, Kinder denunzierten ihre Eltern, Behördenangestellte brachten einander ins Gefängnis.

Auswüchse der „Viererbande“?

Die Kulturrevolution führte dazu, dass im ganzen Land Kulturgüter zerstört wurden, ein Klima der Einschüchterung und des Terrors herrschte. Hunderttausende Schüler und Studenten wurden aufs Land geschickt, um in körperlicher Arbeit von den Arbeiter und Bauern zu „lernen“. Die Intellektuellen zählten als verachtungswürdige Unterklasse. Insgesamt zehn Jahre dauerte die Raserei im Namen des „Großen Vorsitzenden“. Sie kostete die Volksrepublik China Jahre der Modernisierung und des wirtschaftlichen Fortschritts.

Es wurde in der Vergangenheit aber nicht immer über die Kulturrevolution geschwiegen. Nachdem die Partei in einem Verdikt des Jahres 1979 die Kulturrevolution als „Fehler“ gebrandmarkt und ihre Auswüchse einer „Viererbande“ in der Parteiführung angelastet hatte, gab es in den achtziger Jahren eine Welle von Veröffentlichungen über diese Zeit.

In der „Narbenliteratur“, wurden die traumatischen Erfahrungen der Kulturrevolution aufgearbeitet, es gab Filme, Fernsehserien und Dokumentationen über das Thema. Zwar durfte natürlich auch hier nicht die Weisheit der Partei insgesamt angezweifelt werden, doch immerhin war Kritik an der „ultralinken“ Politik jener Jahre erlaubt.

Eine erste, eher theoretische Auseinandersetzung mit Verlauf und Ursachen der Kulturrevolution spielte eine Rolle beim Entstehen der Demokratiebewegung von 1989. Damals wurde offen ausgesprochen, was jeder wusste, aber kaum jemand zu sagen wagte, dass es der Revolutionsführer Mao Tse-tung war und nicht die „Viererbande“, die an dem Desaster schuld war. Die Kritik der Intellektuellen an der Partei damals speiste sich auch noch aus der Erfahrung der Kulturrevolution.

Arbeiten unter Verschluss

Doch nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung wurde es ruhig um das Thema. Der Parteiführung war an einer kritischen Aufarbeitung ihrer Geschichte nicht mehr gelegen. Zur Begründung hieß es, das Urteil über die Kulturrevolution stehe bereits fest. Und jetzt hätten alle an den wirtschaftlichen Aufbau und die Aufgaben der Zukunft zu denken.

Die wissenschaftliche und bis auf wenige Ausnahmen auch die literarische Aufarbeitung der Kulturrevolution bleibt Exil-Chinesen, Autoren aus Hongkong und Taiwan und ausländischen Sinologen überlassen. Wissenschaftler in der Volksrepublik, die sich mit dem Thema befassen, halten ihre Arbeiten unter Verschluss. Selbst der zaghafte Vorstoß einiger weniger Intellektueller vor zwei Jahren, doch ein Museum der Kulturrevolution einzurichten, wurde von oben sofort abgewiesen.

So verschwindet die Kulturrevolution allmählich aus der Erinnerung. Die jüngere Generation weiß kaum noch etwas von ihr. Die „Roten Garden“, jetzt in ihren Fünfzigern und Sechzigern, haben ihren Kindern kaum etwas über jene Zeit erzählt, teils aus Scham, teils aus politischer Vorsicht oder weil man die dunkle Zeit einfach vergessen möchte. Ihre Enkelkinder werden noch weniger über die Ereignisse wissen. Im Politik-Unterricht der Schulen wird das Thema nur kurz gestreift, als „linke Abweichung“ von der sonst stets „korrekten Parteilinie“.

Brennende Fragen bleiben

Viele brennende Fragen können so nicht beantwortet werden: Wie konnte das ganze Land in eine solche Raserei verfallen? Warum waren die Jugendlichen zu Gewalt und Exzessen bereit? Wie hat sich die Prägung in der revolutionären Zeit auf die Einzelnen ausgewirkt? Andererseits war aber nicht alles in der Kulturrevolution nur Gewalt und Hass. Es gab Idealismus, Aufopferung und Kameradschaft. Auch diese Seite der Ereignisse wäre zu erforschen.

Zu klären wäre auch, wie sich das Trauma der Kulturrevolution auf die politische Kultur Chinas ausgewirkt hat. So wird überliefert, dass der Initiator der Reformpolitik, Deng Xiaoping, als er die Anordnung gab, die Demokratiebewegung mit Militärgewalt niederzuschlagen, Angst davor hatte, China könne im Chaos einer zweiten Kulturrevolution versinken. Die große Angst vor einem landesweiten Chaos, die Chinas Parteiführer immer anführen, wenn sie behaupten, dass China nicht reif für politische Reformen sei, rührt auch aus der Erfahrung der Kulturrevolution.

Am liebsten aus der kollektiven Erinnerung streichen würde die chinesische Parteiführung auch die Demokratiebewegung von 1989 und ihre blutige Niederschlagung. (Siehe auch: Der Pekinger Frühling 1989 und das Massaker auf Tiananmen) Manchmal sieht es aus, als würde es ihr gelingen.

Junge wissen wenig, Ältere schweigen

Bereits jetzt ist eine Generation aufgewachsen, die nach diesem einschneidenden Ereignis geboren wurde und wenig darüber weiß. Die Älteren schweigen meist über das Thema. Die einzigen , die unbeirrt die Erinnerung an jene von den Studenten initiierte Bewegung wach halten, sind die „Mütter vom Tiananmen“, eine Gruppe von Angehörigen von Studenten, die bei der Niederschlagung der Bewegung getötet wurden. Doch ihre Appelle und offenen Briefe, in denen sie eine Rehabilitierung der Bewegung fordern, werden in China kaum wahrgenommen. Sie können allenfalls über Umwege im Internet verbreitet werden und sind so für die meisten Chinesen nicht zugänglich.

Es gibt auch innerhalb der Partei Kräfte, die sich für eine Rehabilitierung der Bewegung von 1989 einsetzen, doch konnten sich diese Gruppen bislang nicht durchsetzen. Die Parteiführer von damals sind zwar mittlerweile pensioniert, doch haben sie noch immer großen Einfluss. Eine Umbewertung der Ereignisse von 1989 wird vor allem von ihnen hintertrieben, da sie nicht an den Pranger gestellt oder gar zur Verantwortung gezogen werden wollen. (Siehe auch: Die Studentenrevolte auf Tiananmen 1989 und die Folgen)

Und schließlich darf weiterhin nicht kritisch über jenen Mann gesprochen werden, der die Kommunistische Partei und die Volksrepublik über Jahrzehnte geprägt hat. Mao Tse-tung ist seit mehr als 30 Jahren tot, und doch gibt es keine kritische Auseinandersetzung mit seiner Rolle und seinem politischen Erbe.

Die Biographie seines Leibarztes Li Zhisui, die Mao als rücksichtslosen und sexhungrigen Machtpolitiker beschreibt, erschien in Amerika und durfte in China nicht veröffentlicht werden. Auch die kritische Mao-Biographie von Jung Chang ist in China verboten und zirkuliert nur unter der Hand.

Die Partei hat 1979 das Urteil über Mao gesprochen, dass er 70 Prozent gut und zu 30 Prozent schlecht war. Dabei soll es bleiben. Die Partei weiß: Erlaubt man erst die Kritik an Mao, so steht bald die Legitimierung ihrer Herrschaft zur Debatte. Und die zu verlieren fürchten die Parteiführer, trotz aller wirtschaftlichen Erfolge.

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Themen zu diesem Artikel

Politische Korrespondentin für Ostasien.

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