30.05.2008 · Die ideologische und die Waffenbrüderschaft zwischen Peking und Pjöngjang sind passé. Dennoch ist China im Streit über Nordkoreas Atomprogramm nachsichtig. Einen Kollaps des Systems will man unbedingt vermeiden.
Von Petra Kolonko, Peking„Eng wie Lippen und Zähne“, so beschrieben chinesische und nordkoreanische Führer lange Zeit das Verhältnis ihrer beiden Länder. Es war eine ideologische und eine Waffenbrüderschaft, die das kommunistische China und Nordkorea verband. Chinas Revolutionsführer Mao Tse-tung schickte 1950 eine Million chinesische „Freiwillige“ in den Korea-Krieg, Maos Sohn kam bei den Kämpfen in Korea ums Leben. Nordkoreas Staatsgründer und „ewiger Staatspräsident“ Kim Il-sung blieb mit chinesischer Hilfe an der Macht.
China half so bei der Etablierung eines sozialistischen Regimes im Norden der Halbinsel. So richtig gedankt hat Kim Il-sung das den Chinesen allerdings nie. In den sechziger und siebziger Jahren zog das kommunistische Nordkorea es vor, sich mehr an die Sowjetunion und den Warschauer Pakt als an China anzulehnen. Als China dann aber in den achtziger Jahren die Reform- und Öffnungspolitik einleitete und mit der Marktwirtschaft zu experimentieren begann, warfen Nordkoreas Führer China eine Abkehr vom Sozialismus vor.
Energie und Lebensmittel für Stabilität
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging für Nordkorea ein lebenswichtiger Rückhalt verloren. Ohne die Unterstützung aus der Sowjetunion und ohne die bis dahin gesicherten Absatzmärkte im Ostblock brach die Wirtschaft ein. Auf eine Dürre folgte in den Jahren 1998 bis 2000 eine Hungersnot. Nordkorea musste erstmals westliche Hilfsorganisationen ins Land lassen und sich nach der Überwindung der Krise an seinen letzten sozialistischen Bruderstaat halten: die Volksrepublik China.
Sie versorgt seither den maroden Staat mit Energie und Lebensmitteln. Doch hebt man von chinesischer Seite aus hervor, dass der Wirtschaftsaustausch mit Nordkorea jetzt zum beiderseitigen Nutzen geschehe. Die Zeiten unentgeltlicher Bruderhilfe sind vorbei.
Die Pekinger Führer haben den nordkoreanischen Staatsführer Kim Jong-il mehrfach nach China eingeladen, um ihm die Errungenschaften der Reformpolitik zu zeigen. Doch entschloss der sich nur sehr zögernd, auch selbst Wirtschaftsreformen einzuleiten. Bis heute sind die Wirtschaftssonderzonen, die Nordkorea nach dem Beispiel Chinas eingerichtet hat, noch keine Erfolgsgeschichte.
Flüchtlinge werden zurückgeschickt
In China wächst eine mehr oder weniger offen geäußerte Ungeduld mit dem schwierigen nordkoreanischen Regime und seinen unberechenbaren Winkelzügen. Auf den nordkoreanischen Atomtest im Jahr 2006 reagierte Peking mit ungewohnt offener Kritik. Auch die nordkoreanischen Flüchtlinge sind zu einer Belastung des Verhältnisses geworden. Bis zu Hunderttausend Nordkoreaner flohen vor Hunger und Elend zuhause über die grüne Grenze nach China, wo sie jahrelang als Grenzgänger stillschweigend geduldet wurden.
Doch als die Flüchtlingszahlen immer höher wurden und ihr Schicksal internationale Aufmerksamkeit erhielt, begann Peking die Flüchtlinge zurückzuschicken. Peking wird für diese Politik international scharf kritisiert, denn die nordkoreanischen Flüchtlinge erwarten bei der Rückkehr harte Strafen.
Als Gastgeber der Sechser-Gespräche über Nordkoreas Atomprogramm war China mehrfach mit Pjöngjangs Unzuverlässigkeit konfrontiert. Zwar hat sich Nordkorea zu einem Abbau seiner Atomanlagen verpflichtet, doch bleibt es noch immer die Offenlegung all seiner Nuklear-Aktivitäten schuldig. China zeigt sich trotzdem nachsichtig. Es setzt auf eine allmähliche Veränderung in Nordkorea und will auf jeden Fall einen Kollaps des Systems vermeiden. Denn der hätte direkten Einfluss auf China, das mit einer Flüchtlingswelle und einer instabilen Lage an seiner Grenze rechnen müsste.