26.05.2008 · Amerika hat schmerzlich gelernt, dass Sicherheit und Stabilität ohne eine demokratische Welt langfristig nicht zu haben sind. China sieht es umgekehrt: Stabilität steht dort immer vor der potentiell unruhestiftenden Demokratie. Eine Neuauflage des „großen Weltspiels“ zeichnet sich ab.
Von Matthias Rüb, WashingtonIn den Vereinigten Staaten hat die geostrategische Diskussion zwei Grundeinsichten hervorgebracht: Es hat das „Pazifische Zeitalter“ begonnen, und die Geschichte ist noch lange nicht zu einem Ende gekommen. Beide Denklinien führen geradewegs auf China zu. Die Einsicht, dass die pazifische Welt jedenfalls den Beginn des 21. Jahrhunderts prägt, dass sich mithin das politische und wirtschaftliche Gravitationszentrum der amerikanischen Außenbeziehungen von den bekannten atlantischen Partnern in Europa zu noch unbekannten Größen in Asien verschoben hat, ist in Wissenschaft und Politik weitgehend Konsens.
Die Dynamik der wirtschaftlichen, politischen und auch demographischen Entwicklung in Asien erfordert für Amerika vorerst mehr Aufmerksamkeit und bietet auch mehr Chancen als die irgendwie hausbackenen Entwicklungen in einem in vielerlei Hinsicht stagnierenden Europa. Wenig deutlich sind aber bisher die Umrisse dieser neuen Beziehungen zur pazifischen Welt, zum demokratischen Partner Indien, zu den mittelgroßen Schwellenstaaten in der Region und vor allem zum Riesenreich China.
Neuauflage des „großen Weltspiels“
Die nach dem Ende des Kalten Krieges aufkeimende Hoffnung ist verflogen, wonach der Geschichtsprozess auf eine Art welthistorische Entropie zulaufen werde, in deren Ruhe alle Staaten demokratisch und marktwirtschaftlich verfasst sein und im partnerschaftlichen Austausch den Wohlstand und die Sicherheit ihrer Bürger mehren würden. Es zeichnen sich im Gegenteil äußerst lebendige Konkurrenzverhältnisse bestehender und aufstrebender Großmächte ab, eine Art Renaissance des globalen Kräftemessens des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zu dieser Neuauflage des „großen Weltspiels“ passt auch, dass sich das Gesellschaftsmodell der nationalistischen Autokratie neuer Beliebtheit erfreut, sofern nur ein kräftiges Wirtschaftswachstum und innere Stabilität garantiert sind.
Die Gretchenfrage der amerikanischen Außenpolitik, ob China denn nun strategischer Partner oder potentiell gefährlicher Rivale sei, lässt sich deshalb gar nicht eindeutig beantworten. Beim ersten Staatsbesuch von Präsident Hu Jintao in Washington vom April 2006 brachte es Gastgeber George W. Bush auf folgende Formel: „China ist ein sehr wichtiger strategischer Freund und steht auf vielerlei Weise im Wettbewerb zu uns.“
Als Partner sind China und die Vereinigten Staaten im Handel so eng miteinander verbunden, dass sie voneinander abhängig sind. Die amerikanischen Konsumenten sind die fleißigsten Abnehmer einer immer breiteren Produktpalette aus chinesischer Produktion; und mit dem gigantischen Handelsüberschuss finanziert China einen guten Teil der amerikanischen Staatsschulden.
Offene Konfrontationen sind selten
Aber auch amerikanische Investitionen in sowie amerikanische Ausfuhren nach China verstärken die Verflechtung. Weil für China das stabile Wirtschaftswachstum, das es ohne wachsende Ausfuhren nach und verstärkten Austausch mit Amerika nicht geben kann, Priorität hat, lässt es Peking auf internationalem Parkett nur selten auf eine offene Konfrontation mit Washington ankommen.
Im UN-Sicherheitsrat etwa ist die Enthaltung den Chinesen die liebste Wahlentscheidung. Politisch macht sich der ökonomische Riese vorerst lieber klein. Auch beim Versuch, Nordkorea auf diplomatischem Wege zu denuklearisieren, ziehen Amerika und China prinzipiell am gleichen Strang.
Die Rivalität der amtierenden und der aufstrebenden Supermacht ist zuvörderst an der Straße von Taiwan mit Händen zu greifen. China rüstet seit Jahren seine Kriegsmarine auf, beschafft Kreuzer und U-Boote, macht zudem Fortschritte bei der Raketentechnologie. Das wird im Pentagon und im Weißen Haus mit wachsender Sorge beobachtet, zumal Peking seine tatsächlichen Ausgaben für die Streitkräfte verschleiert.
Militärische Muskelspiele
Die militärischen Muskelspiele gegenüber Taiwan, das Peking als abtrünnige Provinz betrachtet und dessen faktische Unabhängigkeit Washington militärisch garantiert, sind die ersten Schritte zur Schaffung einer maritimen Einflusszone der jahrtausendealten Landmacht China. Diese Zone - zur Projektion der Machtansprüche wie auch zur Sicherung der Seefahrtswege - dürfte bald über die unmittelbare Nachbarschaft im Süd- und Ostchinesischen sowie im Gelben Meer hinaus bis weit in den Nordpazifik ausgedehnt werden.
Offene Rivalität zwischen Peking und Washington gibt es auch beim Kampf um die Rohstoffe, wobei China neben dem Nahen Osten vor allem Afrika und Lateinamerika in den Blick nimmt. Dabei kommt der ultimative weltanschauliche Widerspruch zwischen Amerika und China ins Spiel. In Washington weiß man, durch schmerzliche Erfahrung am 11. September 2001 gelehrt, dass Stabilität, Sicherheit und Prosperität ohne Demokratie in aller Welt langfristig nicht zu haben sind. China aber hat, nach der Niederschlagung des demokratischen Aufbegehrens von 1989 auf Tiananmen, die gegenteilige Schlussfolgerung gezogen, wonach Stabilität, Sicherheit und Prosperität immer vor der potentiell unruhestiftenden Demokratie zu stehen haben.
Der kapitalistische Erfolg im Innern und als Wirtschaftsmacht in aller Welt gibt dem kommunistischen Regime in Peking recht. Wie daheim verhält sich China auch als Akteur auf der globalisierten Weltbühne: Stabilität zuerst, Demokratie zuletzt. Darin steckt das Potential für einen epischen Kampf mit einer Supermacht, von deren zivilreligiöser Weltmission der Auftrag zur globalen Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten nicht zu trennen ist.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge