01.06.2008 · Vielleicht stimmt ja die Behauptung, dass amerikanische Werbeagenturen den Machthabern in Peking geraten haben, ein freundliches Gesicht zu zeigen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Auch wenn das nicht stimmt, über die Verhaltensänderung reibt man sich die Augen.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerIm Frühjahr noch war der chinesische Modus nationalistische Empörung. Die Chinesen empörten sich darüber, dass viele im Westen ihnen die Schuld an der Zuspitzung der Tibet-Frage gaben und im geistigen Führer der Tibeter, dem Dalai Lama, alles andere als einen Himalaja-Usama sahen. Vor allem regten sich die Machthaber und die staatlichen Medien darüber auf, dass in Europa eine Diskussion über einen Boykott der Olympischen Spiele ausgebrochen war, weil man einem Land, dass mit seinen Minderheiten nach Diktatorenart umspringe, nicht noch mit der Teilnahme an den Spielen einen Propaganda-Gefallen tun dürfe.
Das ist, wie gesagt, noch gar nicht so lange her, aber politisch liegen Welten zwischen „Tibet“ und der Art und Weise, wie das Regime mit der Erdbebenkatastrophe umgeht und wie es dem Taiwan-Konflikt die Hitze zu entziehen sucht. Vielleicht stimmt es ja, was behauptet wird: dass amerikanische Werbeagenturen den Machthabern geraten haben sollen, ein freundliches Gesicht zu zeigen, sich zu öffnen und nicht auf Konfrontationskurs zu gehen, um so die eigenen Ziele zu erreichen. Auch wenn das nicht stimmen sollte, die Verhaltensänderung ist so, dass man sich die Augen reibt.
Transparenz, wie man sie noch nicht erlebt hat
Da wird die westliche Forderung erfüllt, mit Abgesandten des Dalai Lama wieder in einen Dialog zu treten. Da befleißigen sich die Machthaber nach der Erdbeben-Katastrophe einer Transparenz, wie man sie noch nicht erlebt hat. Man dankt dem Mitgefühl und den Spenden der Taiwaner und bittet, man glaubt es kaum, Japan um die Entsendung von Flugzeugen in die Katastrophengebiete.
Und dann wird der Führer der in Taiwan regierenden Kuomintang-Partei, Wu Poh-hsiung, in Peking vom Staats- und Parteichef Hu Jintao empfangen - das Ereignis wird im Fernsehen direkt übertragen, damit auch ja der historische Charakter nicht übersehen werde. Schließlich ist es das erste Mal seit dem Ende des Bürgerkriegs, dass ein Kuomintang-Chef als Vorsitzender einer Regierungspartei die Volksrepublik besucht - jene Volksrepublik, die an der taiwanischen Gegenküste Hunderte Raketen in Stellung gebracht hat und deren Herrscher auf die Unabhängigkeitsbestrebungen des früheren Präsidenten Chen Shui-bian mit unverhüllten Kriegsdrohungen reagiert hatten. In der vergangenen Woche aber gab es nur Bezeugungen der Dankbarkeit, der Freundschaft und der Brüderlichkeit. Gibt es einen „Pekinger Frühsommer“?
Ist die Entspannungsoffensive nur Taktik?
Die Machthaber in Peking haben erkannt, dass sie sich das Erdbeben politisch zunutze machen und ein „neues China“ vorführen können. Die Katastrophe hat dem Regime die Gelegenheit gegeben, ein „menschliches Gesicht“ zu zeigen, der im Westen verbreiteten Furcht vor dem Aufstieg Chinas zur politischen und wirtschaftlichen Großmacht die Spitze zu nehmen und regionale Entspannungssignale zu senden.
Vielleicht ist die Entspannungsoffensive aber auch nur Taktik, ein Versuch, den Image-Schaden zu reparieren, der nach den tibetischen Unruhen entstanden war.
Wenn es auch ratsam ist, den Tag nicht vor dem Abend zu loben, so ist jede Spannungsminderung begrüßenswert. Man braucht gewiss nicht daran zu zweifeln, dass Peking an seinem Ziel, der Vereinigung mit Taiwan, festhält. Aber vielleicht geht es „entspannter“ an die Sache heran. Gelassenheit wäre ein Test darauf, ob vom Aufstieg Chinas in die Weltspitze neue Konflikte zu befürchten sind oder nicht.
Eine Pekinger Politik der Spannungsminderung wäre aus chinesischer Sicht in jedem Falle klug: Sie machte die militärische Präsenz der Vereinigten Staaten - aus der Sicht der asiatischen Länder - eher entbehrlich. Das ist sie im Moment nicht. Aber wer weiß, vielleicht ist der „Pekinger Frühsommer“ nach den Olympischen Spielen schon wieder zu Ende.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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