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Zweites Fernsehduell McCains letzte Chance

08.10.2008 ·  Im zweiten Fernsehduell wirkte Obama analytisch, zurückhaltend, fast professoral kühl. McCain streifte unruhig durch den Raum, nicht selten mit zusammengebissenen Zähnen. Auf Tiefschläge gegen Obamas Charakter verzichtete er vorerst - aber wie lange noch?

Von Bertram Eisenhauer
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Was den zirzensischen Schauwert betrifft, nach dem gerade Amerikas Journalisten so verlangen, gab die zweite Debatte der Präsidentschaftskandidaten in Nashville wenig her. Weder John McCain noch Barack Obama machten aufsehenerregende Fehler oder landeten spektakuläre Treffer am Körper des Gegners. Die Entdeckung des Abends war eine andere: Der perfekte Sturm auf den Finanzmärkten hat jetzt, spät genug, den Wahlkampf voll erfasst, seine Form und Dynamik verändert.

Amerikas Wähler verlangen nun vor allem Auskunft auf die Frage: Wie wollt Ihr uns vor der Krise retten? Wenn nicht gerade einer von ihnen eine Frage stellte, saßen die 80 ausgewählten Zuschauer der Debatte schweigend im Rund des „town hall meeting“ - und das nicht nur, weil die Teams der beiden Wahlkämpfer das zuvor als Regel so ausgehandelt hatten. Es kam einem so vor, als habe die ganze Dramatik einer wirtschaftlichen Situation, die sowohl McCain als auch Obama als die schwierigste seit der Großen Depression beschrieben, einen düsteren Schatten über die Debatte geworfen.

McCain mit zusammengebissenen Zähnen

Die neue Ernsthaftigkeit am Rande des Abgrunds wurde auch deutlich an dem Umstand, dass McCain auf Anschläge auf den Charakter seines Gegners an diesem Abend weitgehend verzichtete. Der Republikaner muss auch wissen: Sollte er abermals ernsthaft eine jener Debatten über „Werte“ entfesseln, mit denen seine Leute in der Vergangenheit oft genug obsiegt haben, so werden viele Bürger das als Ausflucht begreifen; seinen Widersacher als jemanden zu zeichnen, der kulturell und habituell mit Amerika und seinen „values“ fremdelt, wird nicht genügend Ertrag bringen.

Das bedeutet nicht, dass McCain nicht doch in dieser Strategie seine Zuflucht finden wird; sie ist vermutlich seine letzte Chance, und er scheint bereit, um dieser Chance willen die persönliche Integrität, die er zeitlebens bewiesen hat, für eine Weile hintanzustellen. Wie sehr es ihn frustrieren muss, dass er nicht ankommt gegen Obama - eine Erfahrung, die ihn mit Hillary Clinton verbindet -, zeigte sich daran, wie McCain während der Debatte durch den Raum streifte, unruhig, mit einer nur mühsam gezügelten Aggressivität und offensichtlich nicht selten zusammengebissenen Zähnen.

Obama analytisch, zurückhaltend, professoral

Obama derweil bewies auch etwas an diesem Abend: Er ist kein Bill Clinton. Die „I feel your pain“-Haltung, die echte oder doch glaubwürdig gespielte Empathie des früheren Präsidenten mit dem Durchschnittsamerikaner, die Clinton 1992 in wirtschaftlich weit weniger schwierigen Zeiten so erfolgreich für sich einsetzte, sie geht Obama doch zu großen Teilen ab. Er ist dafür zu analytisch, zurückhaltend, fast professoral kühl. Vielleicht musste deshalb die Lage erst so dramatisch werden, bevor der Kompetenzvorsprung, den ihm die Wähler auf dem Gebiet der Wirtschaft schon lange zuschreiben, auch auf seine Umfragewerte durchgeschlagen hat.

Inzwischen aber ist die politische Landkarte deutlich zu seinen Gunsten gekippt. Nach der jüngsten Projektion von CNN etwa könnte Obama, würde heute gewählt, mit 240 jener Wahlmännerstimmen rechnen, die bei der Wahl am 4. November in den einzelnen Bundesstaaten vergeben werden; John McCain käme auf 200. Weitere 98 Stimmen kommen derzeit aus Staaten, in denen die Umfragen zu knapp sind, als dass die Demoskopen sie schon einem Kandidaten zuschlagen möchten. Den Einzug ins Weiße Haus sichern 270 Stimmen. Obama verdankt seine Führung gerade solchen Staaten, die von der Wirtschaftskrise besonders getroffen werden; den Kampf um Michigan etwa hat McCain erst vergangene Woche offiziell aufgegeben.

Die Blitzumfragen Minuten nach der Debatte vom Dienstagabend wiesen ebenfalls darauf hin, dass McCain es schwer haben wird, die Dynamik noch zu verändern. Einer CNN-Befragung zufolge hatten nach den 94 Minuten Diskussion praktisch ebenso viele Wähler einen guten oder schlechten Eindruck vom Kandidaten wie zuvor. Gefragt, wer die wirtschaftlichen Probleme eher in den Griff bekommen werden, antworteten 59 Prozent: Obama. Nur 37 Prozent wollten lieber McCain vertrauen. „Wenn diese Werte halten“, so fasste CNN-Korrespondent John King zusammen, „heißt das für McCain: Game over“.

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