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Was bleibt von George W. Bush? Ein Mann der großen Erwartungen

 ·  George W. Bush erlebt den letzten Herbst im Weißen Haus. Viele seiner Projekte sind gescheitert, nun hofft er auf das Urteil der Geschichte

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Matt wirkt er. Grau ist er geworden. Und auch ein wenig schütter. Als Präsident George W. Bush sich am zweiten Freitag im Oktober angesichts der globalen Finanzkrise wieder einmal mit einer Botschaft der Beruhigung an die Amerikaner und an die ganze Welt wendet, sieht man im Hintergrund Blätter von den Bäumen fallen. Es ist Herbst geworden in Washington - und für Bush ohnedies. Für den 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten ist es der letzte Herbst im Weißen Haus. Am 20. Januar, wenn sein Nachfolger in die Pennsylvania Avenue 1600 einzieht, werden Bush und First Lady Laura nach Texas zurückkehren.

„Wir sind nicht nach Washington gekommen, um neue Freunde zu finden“, hatte Laura Bush kurz nach dem Amtsantritt ihres Mannes im Januar 2001 gesagt. Tatsächlich hat der scheidende Präsident in Washington nicht nur keine neuen Freunde gewonnen, er hat auch die meisten alten verloren - in der Hauptstadt wie im ganzen Land. Eine jüngst veröffentlichte Gallup-Umfrage hat eine Zustimmungsrate zur Amtsführung des Präsidenten von nur noch 25 Prozent ergeben, so wenig wie noch nie in dessen Amtszeit.

Ein Doppelbankrott

Der heillos zerstrittene Kongress übrigens, dessen beide Kammern seit November 2006 von den oppositionellen Demokraten kontrolliert werden, genießt das Vertrauen von gerade einmal noch zwölf Prozent der Amerikaner - auch dies ein historischer Tiefstand. Vier Fünftel der Amerikaner sind überzeugt, dass sich ihr Land in die falsche Richtung bewegt: ein Doppelbankrott der wirtschaftlichen und der politischen Führung, von Wall Street und Washington.

Bush war, nach knapp sechs Jahren als Gouverneur von Texas, Anfang 2001 als eine Art rebellischer Außenseiter nach Washington gekommen. Bis heute hat er sich mit der Szene der Hauptstadt nicht „gemeingemacht“. Er ist der „Mann vom Land“ geblieben, der jede Chance nutzt, aus Washington zu fliehen und sich auf seine Ranch im texanischen Crawford oder wenigstens auf den Wochenendsitz des Präsidenten in Camp David in Maryland zurückzuziehen.

Nie hat er als Präsident „nur“ regiert, nach Kompromissen mit dem Kongress, der Opposition gesucht - wie es sein Vater George H. W. Bush oder sein direkter Vorgänger Bill Clinton praktiziert haben. Stets hat George W. Bush nach seinem Verständnis „geführt“, mit einer großen Vision, und dabei polarisiert - wie seine Vorbilder Ronald Reagan oder Franklin D. Roosevelt.

Radikale Abkehr vom Alkohol

Tatsächlich gibt es eine arrogante Faser im Wesen Bushs, schließlich entstammt er einer einflussreichen Patrizierfamilie aus Connecticut an der Ostküste, die ihre Sprösslinge seit Generationen an den richtigen Privatschulen und an Eliteuniversitäten zu plazieren weiß. Doch entscheidender als diese Prägung, die Bush - er wuchs im bodenständigen Texas auf - zudem meist zu verbergen weiß, ist ein religiöses Epiphanie-Erlebnis. Denn bis zu seiner Bekehrung zu Jesus Christus, die ins Jahr 1985 fällt, war Bush so etwas wie das schwarze Schaf der Familie. Er rauchte, hatte ein Alkoholproblem und womöglich noch andere „Probleme“, während der jüngere Bruder und Lieblingssohn Jeb allzeit brav und strebsam war. Folge von Bushs persönlicher Bekehrung zum „wiedergeborenen Christen“ im Alter von 40 Jahren war die radikale Abkehr von Alkohol und Tabak sowie die Hinwendung zu einer strengen Arbeits- und Lebensdisziplin, zu der die tägliche Bibellektüre und das Gebet ebenso gehören wie der regelmäßige Dauerlauf beziehungsweise das Radfahren mit dem Mountainbike und das Gewichtestemmen.

Seinen Führungsstil, den er auch als Gouverneur von Texas pflegte, beschrieb Bush 1999 in seiner politischen Autobiographie „A Charge to Keep“, mit der er sich als Präsident bewarb: „Ich kann nicht gut warten. Ich setze die Agenda, artikuliere eine Vision und führe. Mich interessieren nicht die Mittel, sondern die Ergebnisse. Mein Glaube aber befreit mich. Er befreit mich, Entscheidungen zu treffen, die andere nicht gutheißen mögen. Er befreit mich, das Gebotene zu tun, auch wenn sich das negativ in Umfragen niederschlagen mag.“

Bushs Temperament widerstrebt der zäh ausgehandelte Kompromiss, er nimmt das historisch Mögliche, nicht das gegenwärtig Machbare in den Blick. Der Impuls, nicht lockerzulassen, bloß nicht nachzugeben, mag auch mit der Erfahrung des geheilten Suchtkranken zu tun haben, der weiß, dass schon der kleinste Rückfall das Riesenmonstrum der Abhängigkeit wiedererstehen lässt: entweder ganz oder gar nicht.

„Wir sind im Krieg“

Die großen Visionen Bushs lassen sich mit zwei Schlagworten umschreiben: In der Außen- und Sicherheitspolitik ist es die Freiheitsagenda, in der Innen- und Sozialpolitik die Idee von der „ownership society“, der „Gesellschaft der Eigentümer“. Definiert wurde Bushs Präsidentschaft selbstredend durch die Terroranschläge vom 11. September 2001. Unmittelbar nach den Anschlägen, als Bush in Florida das Präsidentenflugzeug „Air Force One“ bestieg, sagte er: „Wir sind im Krieg.“ Und beim Trauergebet in Washington drei Tage später tat er die zweite grundlegende Einschätzung kund: „Ich bin ein Mensch der Liebe, aber ich habe auch einen Job zu erledigen, und das werde ich tun.“ Dieser Job ist es, im Krieg gegen den internationalen Terrorismus in die Offensive zu gehen und diesen Krieg schließlich zu gewinnen.

Schon in „A Charge to Keep“ heißt es: „Freiheit ist unser größter Exportartikel.“ Die in verschiedenen Versionen geäußerte Überzeugung, dass „Freiheit nicht das Geschenk Amerikas an die Welt, sondern das Geschenk des Schöpfers an jedes Menschenkind ist“, kann mindestens ebenso sehr wie das Recht zum präemptiven Krieg als Grundpfeiler der Bush-Doktrin gelten. Sie steht als Vision hinter dem Krieg in Afghanistan, den selbst ein vorsichtiger Realpolitiker im Weißen Haus geführt hätte, wie auch hinter der Invasion im Irak, zu welcher sich nur ein verwegener Ideenpolitiker wie George W. Bush entschließen konnte: Tyranneien produzieren Terroristen, Demokratien aber nicht.

So falsch es von Bush war, schon Anfang Mai 2003 faktisch den Sieg im Irak-Krieg zu erklären, so falsch ist es heute, an der Verkündung der Niederlage im Zweistromland festzuhalten. Die amerikanische Truppenaufstockung und die neue Strategie zur Aufstandsbekämpfung haben den Irak seit Anfang 2007 vom Rand des Absturzes in einen Bürgerkrieg weggezerrt. Die Lage heute ist keineswegs hoffnungslos, im Gegenteil. Der Ausgang ist offen, die Freiheit könnte siegen - selbst wenn in Meinungsumfragen seit Jahren stabil zwei Drittel der Befragten die Ansicht vertreten, der Einmarsch in den Irak sei ein Fehler gewesen.

„Weiche Bigotterie der kleinen Erwartungen“

Bush selbst ist überzeugt, dass das Projekt einer prosperierenden Demokratie von Basra über Bagdad bis nach Mossul und einer demokratischen Revolution im Nahen und Mittleren Osten gelingen kann. „Wenn man große Dinge unternimmt, dauert es eine Weile, bis die Geschichte sie wirklich versteht“, vertraute Bush 2006 einem Journalisten an. Diese „Weile“ dauert nach Bushs Überzeugung etwa ein halbes Jahrhundert: Erst dann könne ein historisches Urteil über seine außenpolitische Agenda gefällt werden.

Auch in der Innen- und Sozialpolitik sagte Bush der „weichen Bigotterie der kleinen Erwartungen“ den Kampf an, mit der Großidee einer „Gesellschaft der Eigentümer“: Je mehr Menschen in den eigenen vier Wänden leben und über Aktien verfügen würden, je mehr sie selbst über ihre Beiträge zur Alters- und Gesundheitsversorgung würden bestimmen können, desto stärker würden sie teilhaben an „ihrer“ Gesellschaft, und desto mehr Verantwortung würden sie für sich selbst tragen. Und desto weniger wären sie auf den Staat angewiesen, dessen Rolle es zu reduzieren gelte.

Es gehört vielleicht zu den größten Paradoxien der Präsidentschaft des gelernten Betriebswirts George W. Bush, dass sein Vermächtnis im Inneren angesichts der Finanzkrise schon gründlich missraten ist, während über seine Außenpolitik das Urteil der Geschichte noch aussteht. Der Anteil der Hauseigentümer ist zurückgegangen, die Großreform der Immigrationsgesetzgebung ist ebenso gescheitert wie die Teilprivatisierung der staatlichen Rentenversicherung. Statt der „Gesellschaft der Eigentümer“ wächst in Amerika vor aller Augen der Staat als Großaktionär heran, steht das Land vor den Trümmern des Finanzmarkts, sorgt sich die Bevölkerung vor einer neuen Großen Depression. Vielleicht hat George W. Bush recht, und die Geschichte wird ihn in 50 Jahren für seine weithin kritisierte Außenpolitik und zumal den Irak-Krieg rehabilitieren. Wenn er das freilich noch erleben will, muss er 112 Jahre alt werden.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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