04.11.2008 · Die amerikanische Präsidentenwahl ist in vollem Gange: Nach dem großen Andrang vom Morgen läuft es in den meisten Wahllokalen reibungslos. Dafür sorgen auch die vielen Helfer, die sich um verunsicherte Wähler kümmern. Wahlforscher erwarten eine Rekordbeteiligung von bis zu 130 Millionen Wählern.
Von Stefan Tomik, ArlingtonGanz Amerika, so scheint es, ist an diesem Wahltag auf den Beinen. In vielen Schulen und manchen Geschäften und Supermärkten, zwischen Läden wie „Mom's Pizza“ und „Familiy Dollar“, wurden landesweit tausende Wahllokale eingerichtet, und die erste Welle von Wählern rollt um kurz nach sechs Uhr morgens Ostküstenzeit auf sie zu.
Vor manchen Wahllokalen in Virginia, Maryland und New York bilden sich da schon lange Schlangen, und es kommt zu Wartezeiten von bis zu eineinhalb Stunden. Doch später am Morgen beruhigt sich die Lage wieder. „Alles läuft hier sehr ruhig und diszipliniert“, sagt Louise, eine freiwillige Helferin der Organisation „Das Recht zu wählen“, gegen 10 Uhr Ortszeit vor dem Wahllokal der Campbell Grundschule in Arlington, Virgina. Dort kümmert sie sich um Wähler, die Hilfe brauchen. Eine 98 Jahre alte Dame nahm sie in Anspruch, ein blinder Wähler war heute morgen schon hier, und gerade betritt ein älterer Herr mit Rollator das Wahllokal. „Wir haben vier Wahlmaschinen hier und vier Wahlkabinen, in denen noch die klassischen Stimmzettel ausgefüllt werden“, sagt Louise. „Und mein Eindruck ist, dass es mit den Wahlzetteln besser klappt, und dass die Maschinen bald wieder abgeschafft werden.“
Anwälte an die Urnen
Amerika ist berüchtigt für seine unübersichtlichen Wahlzettel, sein fragmentiertes Wahlrecht sowie Probleme bei Wählerregistrierung und Stimmenauszählung. „Wir können zum Mond fliegen, Atomkerne spalten, um U-Boote anzutreiben, 99-Cent-Hamburger mit Gewinn verkaufen und Footballspiele auf dem Handy betrachten“, schreibt das Magazin „Time“, „aber die erfolgreichste Demokratie der Menschheit sucht noch immer nach einem Weg, um Wahlen vernünftig durchzuführen.“
Den Wahlkrimi, der sich vor acht Jahren in Florida abspielte, haben auch an diesem Wahltag noch viele vor Augen. Eine aktuelle Umfrage des Gallup-Instituts zeigt, dass nur noch 18 Prozent der Amerikaner voll darauf vertrauen, dass die Stimmen der Präsidentenwahl korrekt ausgezählt und gewertet werden. Das sind nochmals deutlich weniger als kurz vor der Wahl von 2004, als das noch 29 Prozent glaubten. Doch die Lochkarten, die vor acht Jahren für das Chaos in Florida sorgten, sind in den meisten Bundesstaaten mittlerweile abgeschafft. Und auch mit der Wählerregistrierung gab es zumindest hier im Arlington County nahe der Hauptstadt bislang keine größeren Probleme, wie Helfer an vielen Wahlstationen berichten. Aus New Jersey dagegen heißt es, dass in manchen Bezirken die Wahlmaschinen ausgefallen seien.
Neben mehreren unabhängigen Organisationen haben auch beide Seiten - die Demokraten wie die Republikaner - Helfer an die Urnen entsandt. Sie drücken den Wählern Zettel mit Wahlvorschlägen in die Hand, die als Wegweiser durch die Wahl führen sollen. Auf dem roten Zettel sind die Namen aller republikanischen Kandidaten fürs Weiße Haus, den Senat und das Repräsentantenhaus markiert, auf dem blauen die demokratischen. Penibel achten die Helfer der Kampagnen darauf, den geforderten Mindestabstand von 90 Fuß zum Eingang des Wahllokals einzuhalten. In Virginia können sogar Wähler wieder weggeschickt werden, wenn sie ein T-Shirt oder Sticker mit Wahlkampfwerbung tragen.
„Ich spreche Spanisch“
Auch Rechtsanwälte stehen bereit, um bei Problemen mit der Wählerregistrierung gleich einschreiten zu können. Eine von ihnen ist die Latina Teresa. Sie trägt einen Obama-Sticker am Revers und einen Aufkleber „Hablo Espagnol“ (Ich spreche Spanisch). „Als wir im Februar unsere Telefonkampagne für Barack Obama begannen, kannte so gut wie kein Latino seinen Namen. Aber wir haben zigtausende Leute abtelefoniert, und jetzt sind sie verrückt nach ihm.“
Teresa hat Obama selbst kennengelernt, während beide an der Harvard Law School studierten. „Die Schwarzen und die Latinos unter den Studenten arbeiteten damals eng zusammen. Es gab 1990 in Harvard keinen einzigen lateinamerikanischen Professor und nur sehr wenige schwarze. Wir haben uns zusammen dafür eingesetzt, dass sich das ändert.“ Über Obama sagt Teresa heute: „Er war damals nur einer unter vielen, die in ihren Bewerbungen geschrieben haben, dass sie einmal die Welt verbessern wollen. Aber er hat bald wirklich die Chance dazu.“
Am Abend, wenn die Büros schließen, werden die Schlangen vor den Wahllokalen wohl noch einmal länger werden. Traditionell wird in Amerika nicht am Sonntag, sondern an einem Werktag gewählt, und zwar am Dienstag nach dem ersten Montag im November. Wahlforscher gehen davon aus, dass in diesem Jahr etwa 30 Millionen Menschen mehr als 2004 ihre Stimme abgeben. Allerdings haben in 30 der 50 Bundesstaaten auch schon insgesamt etwa 29 Millionen Wähler die Möglichkeit genutzt, um ihre Stimme vorher abzugeben.
In Virginia schließen die Wahllokale um 19 Uhr Ortszeit (1 Uhr MEZ am Mittwochmorgen), und das Ergebnis des heiß umkämpften Staates wird den Wahlforschern zeigen, ob sich die für Obama sehr positiven Umfragen bestätigen werden. Die sehen nämlich voraus, dass Virginia nach 44 Jahren wieder einen demokratischen Präsidenten wählen wird.
Stefan Tomik Jahrgang 1974, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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