03.03.2008 · Wieder geht es um den richtigen Soundtrack für das Weiße Haus: Im amerikanischen Vorwahlkampf, der an diesem Dienstag in seine entscheidende Runde geht, versuchen alle Kandidaten ihr Glück mit Popmusik - nicht immer mit Erfolg.
Von Claus LochbihlerWieder geht es um den richtigen Soundtrack für das Weiße Haus oder zumindest für den Weg dorthin. Es geht um Musik, mit der man sein Image befördert, Wahlkampfauftritte beschallt und das Händeschütteln bedeutsam aussehen lässt. Fundraising-Konzerte bessern schließlich auch die Wahlkampfkasse auf.
Von den Ebenen, auf denen Musik und Musiker eine Rolle bei den amerikanischen Vorwahlkämpfen spielen, ist die der „Celebrity endorsements“ noch am einfachsten zu überblicken: Musikstars erklären offiziell ihre Unterstützung für einen Bewerber. So kann Barack Obama auf die Empfehlung weiter Teile des Rhythm &Blues, Hip-Hop und Soul zählen, darunter Stevie Wonder, Will Smith und Usher. Aus dem Rock- und Independent-Lager riefen Elvis Costello, Jeff Tweedy („Wilco“) und Joanna Newsom zu seiner Wahl auf. Auch Joan Baez tritt für ihn ein.
Vorwurf der Heuchelei
Zugunsten von Hillary Clinton haben sich vor allem weibliche Stars und Vertreter betagterer Genres erklärt: Madonna, Carly Simon, Tony Bennett, Jon Bon Jovi und Barbra Streisand, von der man allerdings weiß, dass sie sich zeitweise von einem persönlichen „Political Director“ sagen ließ, wen und was sie unterstützen soll. Nicht so ganz in den Hillary-Sound wollen 50 Cent und Merle Haggard passen. Der Rapper hätte 2004 noch für George W. Bush gestimmt, wenn ihn eine Verurteilung nicht das Wahlrecht gekostet hätte. Heute tritt 50 Cent für Hillary Clinton ein, weil „mit ihr auch Bill wieder Präsident wäre“. Haggard, der einst den Country mit seinem als Redneck-Hymne verstandenen „Okie from Muskogee“ in die patriotisch-konservative Ecke führte, gibt bei Konzerten die Wahlempfehlung: „Hillary - Let's Put a Woman in Charge.“
Überschaubar ist dagegen die Zahl der Musiker, die sich für die republikanischen Bewerber ausgesprochen haben. Am prominentesten ist noch Ted Nugent, ein stramm-rechter Hardrocker, der mit Waffen so gerne herumfuchtelt wie mit Gitarren und die Republikaner seit Jahren unterstützt. Der Mann, der immer wieder durch Ausfälle („We should Nagasaki Iraq“) auffällt, tritt für Mike Huckabee ein.
Ob diese Endorsements außer Schlagzeilen auch Wählerstimmen liefern, ist schwer zu sagen. Eine Untersuchung zeigte, dass sie mehr Stimmen kosten als bringen können. Außerdem konnte kein Endorsement mit jenen Personen mithalten, die kaum etwas mit Popkultur zu tun haben, deren Unterstützung aber tatsächlich etwas beim Wähler bewirken könnte: Kirchenführer und Ex-Notenbankchef Alan Greenspan. Wer als Musiker seinem Kandidaten finanziell unter die Arme greifen möchte, gibt Konzerte zu dessen Gunsten, Timbaland zum Beispiel. Ein Auftritt in der Privatvilla des Erfolgsproduzenten und Hip-Hop-Musikers brachte Hillary Clinton 800.000 Dollar ein - allerdings auch den Vorwurf der Heuchelei: Wer wie sie den Radiomoderator Don Imus wegen rassistischer und sexistischer Äußerungen kritisiere, dürfe kein Geld von einem Hip-Hopper annehmen, dessen Texte sich kaum davon unterschieden.
Der Inhalt ist zweitrangig
Wahlkampf-Musik soll nicht nur gute Laune verbreiten und Unentschlossene ansprechen, sondern vor allem niemanden verstören. Deshalb wird oft ein gefühliger Ton von hymnischem Optimismus angeschlagen. Die Songs sollten bekannte oder sogar etablierte Hits sein, dürfen aber nicht von fragwürdigen oder angreifbaren Künstlern stammen. Am meisten wird Rockmusik favorisiert, denn Rockhörer gelten als Wechselwähler. Gerne werden dabei Töne angeschlagen, die die heldenhafte Bewältigung des Lebens durch Ikonen des amerikanischen Alltags - Trucker, Soldaten und Farmer - veranschaulichen. Der Inhalt ist zweitrangig, weil davon ausgegangen wird, dass bis auf die Titel und den Refrain sowieso kaum jemand auf Songtexte hört.
Hillary Clintons Musikwahlkampf begann damit, dass sie sich von ihren Anhängern per Internet-Abstimmung Céline Dions „You and I“ zum Wahlkampfsong wählen ließ - das Werbelied einer kanadischen Fluglinie, von einem Werbefachmann getextet und von einer Sängerin dargeboten, die von den einen so verachtet wie von den anderen verehrt wird. Nachdem Clinton abwechselnd mangelnder Pop-Patriotismus und schlechter Geschmack attestiert wurden, verschwand der Song wieder. Ähnlich erging es ihr mit „Takin' Care of Business“ von Bachmann Turner Overdrive, einem Song, der das Image der kompetenten, entscheidungsfreudigen Macherin befördern sollte, in Wirklichkeit aber vom Nichtstun handelt.
John McCain muss sich damit herumärgern, dass ihn Musiker nicht die Songs spielen lassen, die er gerne hätte - eine Erfahrung, die Republikaner oft machen müssen. Tom Petty hat sich verbeten, dass im McCain-Wahlkampf „I Won't Back Down“ erklingt. Und John Mellencamp, dessen Rock so bodenständig klingt, als wäre er für Wahlkämpfe gemacht, will nicht, dass McCains Team seinen Song „Our Country“ einsetzt. Schließlich hatte Mellencamp den mittlerweile ausgeschiedenen Demokraten John Edwards unterstützt. Sein gereizter Protest an die Adresse McCains verrät auch, dass die republikanische Verwendung eines Songs die Identität eines nicht-republikanischen Musikers in Frage stellen kann: „Wenn Sie ein echter Konservativer sind - was Sie behaupten -, wie kann es dann sein, dass Sie Songs spielen, die eine volksnahe und arbeitnehmerfreundliche Message haben und von einem Typen geschrieben wurden, der sich nicht daran stört, wenn man ihn einen Linken nennt?“
Weiße wählen keine zornigen Schwarzen
McCains mittlerweile chancenloser republikanischer Rivale Mike Huckabee spielt Bass in einer Hobby-Band: alte Rocknummern. Damit will er zeigen, „dass Konservative, Republikaner und gläubige Christen genauso viel Spaß haben können wie jeder andere auch“. Aber er darf nicht jeden Song spielen: Tom Scholz von der Band Boston und Obama-Anhänger hat ihm „More than a Feeling“ untersagt. Am harmonischsten und wirkungsvollsten ist bislang Barack Obamas Musik-Wahlkampf verlaufen. Misstöne gab es nur, als es hieß, bei einem Wahlkampfauftritt sei „99 Problems“, eine Rapnummer von Jay-Z, gespielt worden. Der Refrain könne sich ja nur auf Hillary Clinton beziehen: „I've got 99 Problems, but a bitch ain't one.“ Ansonsten wurden die christlich verwurzelten Wähler in South-Carolina mit Gospel beschallt, jüngere Wähler mit Klingeltönen, einer Mischung aus Obama-Zitaten und Musikschnipseln, die sie sich herunterladen können und dabei dem Obama-Lager ihre Handy-Nummer verraten. Obama betritt die Bühne meistens zu den euphorisierenden Klängen des U2-Liedes „City of Blinding Lights“ und verlässt sie mit Stevie Wonders „Signed Sealed Delivered“, was so viel wie „abgehakt“ oder „unter Dach und Fach“ bedeutet. Seine Liste ist von alten Soul-, vor allem Motown-Nummern geprägt, die sowohl für weiße wie afroamerikanische und junge, von Hip-Hop sozialisierte Hörer funktionieren: Für weiße Amerikaner sind Titel wie „Move On Up“ oder „Give the People What They Want“ einfach nur gute, tanzbare Musik. Andere, vor allem afroamerikanische Wähler hören bei solchen Titeln ein positives Statement über die Bürgerrechtsbewegung und Obamas Hautfarbe heraus, ohne dass der Kandidat dies in Worte fassen müsste.
Gegenüber dem Hip-Hop hat sich Obama bislang mit wohlwollender Zurückhaltung positioniert, dessen Massenwirksamkeit gelobt, die oftmals sexistischen oder materialistischen Texte aber kritisiert. Wenn er nach seinem persönlichen Geschmack gefragt wird, weist er darauf hin, dass er zwar „old school“ sei, aber auf seinem I-Pod auch ein bisschen Jay-Z und Beyoncé gespeichert habe. Obama und seine Berater wissen, dass zu viel Hip-Hop seine Chancen schmälern könnte. Denn diese Musik wurde schon öfter instrumentalisiert, wenn Politiker Prügelknaben brauchten, um sich selber als werteorientiert zu präsentieren. Zwar wird Obama es zu schätzen gewusst haben, dass ihm jemand wie Common beisprang, als es darum ging, ob der Vater eines Kenianers und einer weißen Amerikanerin überhaupt ein echter Afro-Amerikaner sei - „He looks black to me“ -, aber er weiß eben auch, dass eine zu große Nähe zum Hip-Hop seine Selbstdarstellung als „postracial candidate“, der die Politik der Hautfarbe hinter sich lassen möchte, gefährden kann, weil einen Afroamerikaner die Assoziation mit Hip-Hop schwarz und zornig erscheinen lässt - Weiße wählen keine zornigen Schwarzen. So gesehen, kann sich Hillary Clinton eine Kampagne mit dem Gangster-Rapper 50 Cent eher leisten.
Obwohl der Obama-Song „YesWeCan“ von will.i.am und Jesse Dylan als Kitsch bezeichnet wurde, ist Obama mit dem Pathos des Wandels, statt komplizierter Positionspapiere, bislang gut gefahren. „YesWeCan“ verwandelt eine seiner Reden und den Slogan seines Wahlkampfes in einen Song, der innerhalb der ersten Woche zehn Millionen Mal abgerufen wurde. Das Ganze ist professionell gemacht, aber immer noch so schlicht und ernsthaft, dass die politische Rede nicht hinter dem Song verschwindet. Umso bitterer war für Hillary Clinton als plötzlich das eigentlich schon vergessene Video „Hillary4U&Me“ im Internet aufgetauchte. Der Livemitschnitt eines Hobbymusikers und seiner Freunde ist so ziemlich das genaue Gegenteil von „YesWeCan“: ein Song, von dem man nicht weiß, ob er nicht vielleicht satirisch gemeint ist. Verschwörungstheoretiker erklären sich die Sache so: „Hillary4U&Me“ muss von talentierten Obama-Unterstützern stammen, die untalentierte Clinton-Anhänger spielen.
Stromgitarre
Christopher Kern (ChristopherKern)
- 04.03.2008, 01:05 Uhr
"Künstlerhilfe" = Wahlniederlage
Josef Bujtor (Mramorak)
- 04.03.2008, 02:16 Uhr