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Wahlkampf in Amerika Stoppt Hillary Clinton!

09.12.2007 ·  Gewöhnlich bringt sie Amerika dazu, neue Frisuren auszuprobieren und sich von genierlichen Körperpfunden zu trennen. Nun zieht Moderatorin Oprah Winfrey für Barack Obama in den Wahlkampf: Wird der Fernsehstar zum Königsmacher?

Von Jordan Mejias, New York
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Barack Obama könnte eigentlich die Beine hochlegen und zu Hause bleiben. Alle Augen, alle Fernsehkameras sind auf Oprah Winfrey gerichtet. Die mächtigste Frau der amerikanischen Unterhaltungsindustrie wird am Wochenende versuchen, den Aufstieg Hillary Clintons zum mächtigsten Menschen Amerikas und der Welt zu stoppen. Dazu wird sie Obama als ihren Favoriten ins Spiel bringen. Aber das ist nun erst einmal Nebensache. In Iowa, New Hampshire und South Carolina, in den drei Bundesstaaten, die Oprah für ihr Debüt als Wahlkämpferin auserkoren hat, muss zunächst sie sich bewähren. Besteht sie den Test nicht, schwinden auch die Chancen für ihn. Es ist ein ganz einfaches, gnadenloses Rechenexempel.

Ein politischer Test ist es aber für Oprah nicht. Sie selbst hat gesagt, sie wolle Obama im Weißen Haus sehen, weil sie ihn mag, seit sie vor zwei Jahren neben ihm im Flugzeug auf dem Weg ins Katastrophengebiet von New Orleans saß. Ob ein Kandidat gemocht wird oder nicht, ist im amerikanischen Wahlkampf eine der absolut entscheidenden Fragen. Aber am Wochenende geht es darum, ob die Wähler in Iowa, wo sie besonders viele Zuschauer hat, New Hampshire und South Carolina Oprah mögen, ja so sehr mögen, dass sie später beim Gang an die vielleicht sogar funktionierenden Wahlmaschinen auch Obama mögen, mehr jedenfalls als Hillary. Indem derart getestet wird, ob Oprah das Zeug zur Präsidentenmacherin oder zumindest zur Präsidentschaftskandidatenmacherin hat, steht freilich das gesamte Prinzip Oprah, wie es sich tagaus, tagein des Nachmittags im Fernsehen entfaltet, zur Debatte.

Oprah ist so etwas wie eine Fernsehpredigerin

Dieses Prinzip wird nun erstmals im politischen Bereich angewandt. In ihrem Fernsehstudio hat Oprah zwar schon früher diese Kandidatin oder jenen Kandidaten empfangen, aber auf Tour ist sie für noch keine und keinen gegangen. Jetzt will sie draußen, auf Tuchfühlung mit den Wählern, in einer sorgfältig inszenierten, dennoch potentiell rauhen Wirklichkeit die Magie, die sie im Fernsehen mit dem kleinen Finger aktiviert, epochemachend zum Wohle des Landes einsetzen. Ihre Überzeugungskraft, nunmehr im Dienste der Nation. Die Frau, die Amerika dazu bringt, nicht nur neue Frisuren auszuprobieren und sich von genierlichen Körperpfunden zu trennen, sondern gleich millionenfach „Anna Karenina“ oder gar Bernhard Schlinks „Vorleser“ aufzuschlagen, wird doch wohl, so die Strategie, auch ein paar Millionen Wähler von der Sonderklasse des empfohlenen Kandidaten überzeugen können.

Ein lächerlicher Plan, wenn Oprah sich auf Tipps für Backzutaten, Lockenwicklermodelle und Schlankheitskuren beschränkte. Aber sie hat viel mehr zu bieten. Jeden Nachmittag verrät sie die Erfolgsformel für ein Leben, wie sie es in Unabhängigkeit und glorioser Selbstverwirklichung vorlebt. In Oprahs weltlicher Religion hat jeder sein Schicksal in der Hand. Sie ist so etwas wie eine Fernsehpredigerin, die ihre Gemeinde dadurch zusammenhält, dass sie ihr freien Lauf gibt. Nach einiger Übung müssten die Schäfchen auch ohne die Hirtin ihren Weg in die Glückseligkeit finden. Oder soll das nun im Gehege der Politik nicht mehr gelten?

Ein bedeutungsloses Wahlkampfmaskottchen?

Meinungsumfragen geben da wenig Auskunft. Wer an Oprahs politischen Einfluss glauben will, wird in ihnen ebenso fündig wie der, der daran zweifelt. Wie sich ihr Einsatz für Obama auswirkt, dürfte sich deshalb erst bei den Vorwahlen im nächsten Jahr erweisen. Vielleicht muss für Oprah dann eine neue Kategorie erfunden werden, vielleicht entpuppt sie sich auch nur als die neue Streisand, also als glamouröses, aber sonst bedeutungsloses Wahlkampfmaskottchen. Es mehren sich indes die Anzeichen, dass die Lage weit verworrener ist, als es sich die Verwalter wohlfeiler Rubriken und Schablonen wünschen können. Was nicht an Oprah liegt. Auch sie muss sich jedoch daran gewöhnen, dass zum Beispiel die schwarze Wählerschaft, alles andere als ein Monolith, nicht geschlossen die Kandidatur Obamas unterstützt. Aus vielen, bisweilen überraschenden Gründen.

Die Debatte, wie schwarz und wie amerikanisch dieser Barack Obama eigentlich ist, dieser auf Hawaii und in Indonesien aufgewachsene Sohn einer weißen amerikanischen Mutter und eines schwarzen kenianischen Vaters, hat sich erschöpft, womöglich aber nur vorübergehend. Mit ihr aber sind die Vorbehalte gegenüber seiner Kandidatur nicht verschwunden. In Umfragen ziehen sich zumal schwarze Amerikaner auf Positionen zurück, die nicht bloß ihnen als realistisch erscheinen. Sie wollen Obama wegen seiner Hautfarbe nicht wählen, weil sie es nach wie vor für unmöglich halten, dass ein Schwarzer Präsident werden kann. Und warum sollten sie ihre Stimme einem, wie sie glauben, chancenlosen Kandidaten geben? Bedrückender noch ist die Argumentation derer, die es für unumgänglich halten, dass auf einen schwarzen Präsidenten ein Attentat verübt wird, und sich darum nicht für Obama entscheiden.

Clinton begrüßt das Engagement

Von den Medien zum Sexsymbol und Rockstar verzerrt, kann er gleichwohl nicht einmal mit der Mehrheit der schwarzen Wählerinnen rechnen. Auch bei ihnen ist Hillary Clinton ihm um entscheidende, hartnäckige Prozentpunkte voraus. Sie mag das zum Teil ihrem Gatten verdanken, der sein Büro in Harlem eingerichtet hat und unter schwarzen Amerikanern bis heute eine an Verehrung grenzende Beliebtheit genießt, auch wenn ihnen die Rede vom „ersten schwarzen Präsidenten“ mittlerweile auf die Nerven geht. Die Talkmeisterin jedenfalls wird sich gewaltig anstrengen müssen, um eine Wende herbeizuführen. Ihre 8,6 Millionen tägliche Zuschauer sind zwar zu drei Viertel Frauen, vor allem aber Frauen weißer Hautfarbe. Im vergangenen Jahr hat der Rapper 50 Cent ihr schon vorgeworfen, eine Sendung für „ältere weiße Damen“ zu machen.

Das Ergebnis des Tests, dem sich Oprah am Wochenende unterzieht, ist folglich mehr als ungewiss. Sicher ist nur, dass sie als Wahlkämpferin weniger kämpfen als überzeugen, als Hoffnung wecken, Harmonie stiften, parteipolitische Polarisierung überwinden, Gemeinsamkeiten fördern und damit als Friedensengel gleichsam nebenbei auf Stimmenfang für ihren Schützling gehen will. Sicher ist weiterhin, dass sie Samstag und Sonntag die Medien in Ekstase versetzt. Alles beste Vorbedingungen, um Obamas wichtigste Fans, seine Geldgeber, zu beeindrucken. Aber auch Hillary Clinton hat gelernt, im Bedarfsfall sich sanft und harmonisch zu geben. Nach ihrer Meinung zur wahlkämpfenden Oprah gefragt, begrüßte sie ausdrücklich und eindringlich das bevorstehende Engagement, gab aber auch mit einem sanften Augenaufschlag zu bedenken, dass am Ende doch der Kandidat oder die Kandidatin allein den Handel perfekt machen müsse. Und Oprah hat es versäumt, sich als Kandidatin aufstellen zu lassen. Wenn das kein Trost für Hillary ist.

Quelle: F.A.Z., 08.12.2007, Nr. 286 / Seite 37
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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