07.01.2008 · Nach der bitteren Niederlage in Iowa muss Hillary Clinton in New Hampshire das Blatt wenden, will sie nicht früh ins Abseits geraten. Doch Umfragen sehen sie weit hinter ihrem Konkurrenten Barack Obama. Schafft sie doch noch, was ihrem Mann Bill 1992 gelang?
Von Matthias Rüb, ManchesterClinton ist zum Wahlkampf nach Laconia in die Provinz und in die Hauptstadt Concord gekommen. Clinton redet in Kleinstadt-Cafés, schüttelt auf Wochenmärkten Hände, umarmt überall alte und noch lieber neue Freunde. Von Bill Clinton ist die Rede. Der ehemalige Präsident ist am Wochenende als eine Art Geheimwaffe für seine Frau Hillary ins tiefverschneite New Hampshire geeilt, um diese bei ihrem (Rück-)Weg ins Weiße Haus zu unterstützen.
Die einstige First Lady und Senatorin aus New York hat Hilfe bitter nötig. Nach dem enttäuschenden dritten Rang in Iowa ist ein Sieg bei den Vorwahlen in New Hampshire am Dienstag fast schon Pflicht, will sie nicht schon früh aussichtslos gegen ihren Hauptkonkurrenten Barack Obama aus Illinois ins Hintertreffen geraten.
Penetrante Konsequenz
Der ist als strahlender Sieger und eine Art Himmelsbote des Wechsels aus Iowa im Mittleren Westen nach New Hampshire in Neu-England eingeschwebt und hat den Rückstand auf die lange Zeit als „unausweichliche Kandidatin“ führende Hillary Clinton schon eingeholt: Eine Umfrage von „USA Today“ und Gallup, die von Freitag bis Sonntag erhoben wurde, prognostizierte Obama mit 41 Prozent einen deutlichen Sieg, vor Clinton mit 28 und Edwards mit 19 Prozent.
Dazu hat der frühere Senator John Edwards aus North Carolina durch seinen zweiten Platz von Iowa Auftrieb bekommen und präsentiert sich mit einer bis an die Penetranz reichenden Konsequenz als der Anwalt der kleinen Leute, der zeitlebens gegen Großunternehmen, Lobbyisten und überhaupt das Establishment - auch jenes in Washington - gefochten hat. Während seiner populistischen Philippika muss Edwards bei Kandidatendebatten nicht einmal in Richtung Hillary Clinton schauen, weil jeder weiß, wer von den Anwesenden gemeint ist.
Obama und Edwards haben es nach Iowa verstanden, sich in einer informellen Allianz als optimistische „Motoren des Wechsels“ gegen Hillary Clinton in Position zu setzen und diese als Teil der grimmigen Beharrungskräfte darzustellen. Dies hat im Wahlkampfteam Clintons unter Chefstratege Mark Penn, der ihr einen Sieg in Iowa vorausgesagt hatte, ein schweres Erdbeben verursacht.
Hillarys Orgelton von „35 Jahren Erfahrung“
Bis Iowa war die Botschaft Frau Clintons, sie habe dank „35 Jahren Kampf für die Interessen der Mittelklasse“ die meiste Erfahrung, könne mithin „vom ersten Tag an“ als Präsidentin im Weißen Haus die riesigen Probleme Amerikas daheim und in aller Welt angehen und sei zudem als eine Art kampfgestähltes Schlachtross am besten geeignet, den wütenden Angriffen der Republikaner standzuhalten. Um präsidential zu wirken, schaute sie möglichst unbeteiligt auf das Kampfgetümmel ihrer innerparteilichen Konkurrenten herab.
Nun aber steht sie nicht mehr oben, und ihre Strategen haben Frau Clinton einen aggressiveren Stil bei gleichzeitiger Beibehaltung des Orgeltons von „35 Jahren Erfahrung“ verordnet. Dieser neue Stil wurde bei ihren Wahlkampfauftritten vom Wochenende und zumal bei der vom Fernsehsender ABC im St. Anselm College von Manchester im Süden New Hampshires ausgerichteten Kandidatendebatte von der Nacht zum Sonntag erkennbar. Das Ergebnis für Hillary Clinton war nicht gut. Nachdem in Iowa die Spreu vom Weizen getrennt worden war, hatte der Sender neben Obama, Edwards und Clinton nur noch den Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson, zu der Debatte eingeladen.
Bei der unmittelbar zuvor ebenfalls direkt ausgestrahlten, sehr lebhaften Debatte der Republikaner waren immerhin noch sechs Kandidaten vertreten, wobei der Vierkampf zwischen Mike Huckabee, Mitt Romney, John McCain und Rudy Giuliani den Abend prägte. Es herrschte unter den Republikanern übrigens Konsens, dass nach der amerikanischen Truppenaufstockung und angesichts der verbesserten Sicherheitslage im Irak dort ein Erfolg möglich sei. Die Demokraten aber waren geeint der gegenteiligen Ansicht und beharrten auf einem raschen Truppenrückzug aus dem Zweistromland. Viel war zum Nebenthema Irak aber nicht zu hören.
Clinton steht nicht für den ersehnten Wandel
Mit ihrer neuen Kampfeslust wirkte Frau Clinton neben ihren männlichen Herausforderern oft missmutig, mitunter besserwisserisch, kaum je flog ein Lächeln über ihre Gesichtszüge. Obama wehrte ihren Vorwurf, er habe keine konsistente Position im Streit um die Reform des Gesundheitswesens und müsse deshalb erst einmal „mit sich selbst eine Debatte führen“, mit der unaufgeregten Souveränität des Spitzenreiters ab: Wer eine andere Meinung vertrete als Frau Clinton, habe noch lange nicht keine Meinung. Die schärfsten Angriffe gegen Clinton überließ Obama jedoch Edwards, der die einstige First Lady als „Kraft des Status quo“ bezeichnete.
Die aus Iowa nach New Hampshire hineinschallende Botschaft zum Auftakt des Wahljahres scheint zu sein, dass das Land innigst einen Wechsel wünscht und dass es der Jahre des Zwists unter Präsident George W. Bush ebenso überdrüssig ist wie dem Parteienstreit unter Präsident Bill Clinton. Dessen Frau Hillary scheint nicht für die Zukunft und den ersehnten Wandel zu stehen, sondern für die Vergangenheit - jedenfalls wird sie von ihren Konkurrenten so dargestellt.
Vielleicht braucht Hillary Clinton ein Wunder wie jenes von Anfang 1992, als ein schon abgeschlagen scheinender Verlierer der Vorwahlen in Iowa namens Bill Clinton in New Hampshire auf einen achtbaren zweiten Platz kam, sich dortselbst zum „Comeback Kid“ ausrief, die wichtigsten folgenden Vorwahlen gewann - und im November darauf den Sprung ins Weiße Haus schaffte. Nur kommen Wunder selten vor.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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