Home
http://www.faz.net/-gd1-zzxk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Wahlkampf in Amerika Glaubensprüfung beim Prediger

17.08.2008 ·  Es war der Auftakt der heißen Phase des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs: In der Nacht zum Sonntag traten John McCain und Barack Obama erstmals seit ihren Vorrunden-Siegen gemeinsam auf - nicht zufällig in der Sendung des einflussreichen evangelikalen Predigers Rick Warren.

Von Matthias Rüb
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (2)

Das Kirchentreffen in der Nacht zum Sonntag dürfte als Auftakt der heißen Phase des Präsidentschaftswahlkampfes und als erste Kandidatendebatte der Wahlsaison 2008 in die Zeitgeschichte eingehen - obwohl die drei offiziellen Fernsehdebatten zwischen Barack Obama und John McCain erst für den 26. September sowie den 7. und 15. Oktober terminiert sind.

Dass es ausgerechnet der evangelikale Pastor Rick Warren war, der die beiden Kandidaten erstmals seit deren Siegen in den Vorwahlen gemeinsam zu einer kurzen Begegnung auf einem öffentlichen Podium bewegen konnte, ist kein Zufall. Es zeigt die immense Bedeutung des derzeit wohl einflussreichsten Predigers Amerikas und von dessen Megakirche „Saddleback Church“ in Lake Forest im Landkreis Orange südlich von Los Angeles. Und es zeigt, dass die rund 30 Millionen evangelikalen Christen unter den amerikanischen Wählern weiter eine mächtige politische Gruppe sind, die angesichts eines erwarteten knappen Wahlausgangs leicht den Ausschlag geben könnte.

Ausschlaggebendes Wählerpotential

Im Jahr 2004 hatten nach Wählerbefragungen 79 Prozent der evangelikalen Wähler für George W. Bush gestimmt: Vor allem im letztlich wahlentscheidenden Bundesstaat Ohio strömten so viele Evangelikale wie nie zuvor in die Wahllokale und verhalfen dem Republikaner Bush zum Sieg über den Demokraten John Kerry in diesem umkämpften „Schlachtfeldstaat“. Heute sprechen sich in Umfragen etwa zwei Drittel der Evangelikalen für John McCain aus, nur knapp ein Viertel will für Obama stimmen. Es sagt viel über den politischen Instinkt Obamas, dass er sich wie kaum ein anderer maßgeblicher Politiker der Demokraten um die Stimmen der Evangelikalen bemüht: Denn selbst ein kleiner Zuwachs in dieser Wählerschicht könnte den Ausschlag für ihn geben.

Man hat die konservativen protestantischen Christen, denen ethische Fragen wie die Homoxsexuellenehe und vor allem die Abtreibung nach wie vor sehr am Herzen liegen, zu Recht als „Königsmacher“ in der amerikanischen Politik bezeichnet. Bedeutsam ist, dass sich derzeit ein Generationswechsel unter den Wortführern der Evangelikalen vollzieht - und eine Erweiterung des ideologisch-politischen Spektrums dazu. Mitunter bis zur Obsession rechtskonservative Evangelikalen-Führer wie Pat Robertson, James Dobson und Jerry Falwell treten in den Hintergrund, Moderate wie Richard Cizik, T.D. Jakes und eben Rick Warren übernehmen den Stab.

Thematische Neuorientierung

Thematisch tritt der Umweltschutz als Auftrag zum Erhalt der Schöpfung immer mehr in den Vordergrund, ebenso der humanitäre Einsatz für die „geringsten Brüder“ unter den Menschenkindern - für die Armen und die Kranken. Der neueste Erweiterungsbau der „Saddleback Church“, in dem die Jugend- und Studentenpfarrei untergebracht ist, entspricht den strengsten Auflagen für umweltfreundliches und energiesparendes Bauen; der Kampf gegen die Verbreitung von HIV/Aids sowie für ein Ende von Krieg und Vertreibung im Sudan und für die Befriedung Ruandas gehört zu den wichtigsten Anliegen Warrens und seiner stetig wachsende Gläubigenschar. Als Warren 1980 die „Saddleback Church“ gründete, fand sich zu den Gottesdiensten in gemieteten Räumen gerade einmal eine Handvoll Besucher ein. Damals war Warren, Sohn eines Baptisten-Predigers, ein 25 Jahre junger Pastor und legte eine Art Gelübde ab: Er werde 40 Jahre an dieser Kirche bleiben. Heute kommen Woche um Woche mindestens 22.000 Besucher zum ausladenden Campus der „Saddleback Church“ mit Dutzenden Gebäuden, Pfarreien und Betreuungsdiensten.

Ein Buch als Erfolgsgrundlage

Wesentlicher Bestandteil des Erfolgs von Rick Warren ist sein im Jahr 2002 erschienener Mega-Seller „The Purpose Driven Life“ (auf Deutsch unter dem Titel „Leben mit Vision“ erschienen), ein inzwischen in mehr als 26 Millionen Exemplaren verkaufter Ratgeber zum Finden Gottes und eines christlichen Lebenszwecks in 40 Schritten - einer für jeden Tag. Die Fachzeitschrift „Publishers Weekly“ will herausgefunden haben, dass „The Purpose Driven Life“ der erfolgreichste Sachbuchtitel in der Geschichte des Buchdrucks ist - sieht man von der Bibel ab, zu welcher „The Purpose Driven Life“ gerade führen will.

Warren meisterte nun seine Aufgabe als Moderator seiner von allen wichtigen Nachrichtensendern direkt übertragenen, getrennt geführten Gespräche mit Obama und McCain so gut wie noch jeder „Anchorman“ eines Fernsehsenders. Zum Abschluss des gut zweistündigen Debattengesprächs traten beide Kandidaten neben Warren auf die Bühne, schüttelten Hände, klopften Schultern, winkten. Die Markenzeichen des Predigers Warren (und seiner Gottesdienstbesucher) sind das Hawaii-Hemd oder das T-Shirt und die Jeans; mit den Kandidaten trat er, wie diese auch, immerhin im grauen Sakko, aber ohne Krawatte auf.

Deutliche Kontraste

Der Kontrast zwischen Obama und McCain hätte im Gespräch mit Warren kaum deutlicher hervortreten können - von der Finanz- und Wirtschaftspolitik über die nationale Sicherheit, den Terrorkampf und die Außenpolitik bis zur Debatte über die Abtreibung, Homosexuellenehe und Stammzellforschung sowie Fragen des persönlichen und kollektiven moralischen Scheiterns. Obama war ganz der skrupulöse Denker, durchdacht und intellektuell redlich bis zur Zauderhaftigkeit, hinter welcher sich auch die Angst vor einem politischen Fehltritt verbergen mag.

McCains Antworten kamen dagegen wie aus der Pistole geschossen, und was als politische Positionsbestimmung gewiss nicht weniger kalkuliert und auch opportunistisch ist als bei Obama, wirkte bei McCain authentisch, natürlich, vertraueneinflößend. McCain habe die erste Runde des (fast) direkten Schlagabtauschs deutlich gewonnen und die Erwartungen übertroffen, während Obama allenfalls eine ordentliche Vorstellung gelungen sei, hieß es hernach weithin in den Kommentaren.

Fragen über „das Böse“ und politische Fehlentscheidungen

Ob es „das Böse“ in der Welt gebe, fragte Warren. Obama bejahte grundsätzlich und erging sich in einer theosophischen Erörterung, wonach es „das Böse immer gibt“ und es mithin nicht besiegt werden könne, weil es nicht von Menschenhand, sondern allein von Gott aus der Welt geschafft werden könne. McCain dagegen: Natürlich gibt es das Böse, und derzeit trägt es das Gewand des „radikal-islamischen Terrorismus“, wir werden es zumal im Irak besiegen, und Osama bin Laden werde er „bis an die Tore der Hölle verfolgen“.

Welche politische Entscheidung vor Jahr und Tag war grundfalsch? Obama nennt seine Opposition zur Sozialhilfereform (unter Präsident Clinton), welche die Pflicht auch zu schlecht bezahlter Arbeit einschloss. McCain sagt, sein Widerstand gegen heimische Ölbohrungen sei verfehlt gewesen - er weiß sich jetzt mit seiner Befürwortung der Erschließung neuer Ölquellen mit drei Viertel der Amerikaner einig.

Versagen, Reichtum, Recht auf Leben

„Welches ist Ihr größtes persönliches und welches das schlimmste kollektive Versagen Amerikas?“ Obama nennt seine „Experimente mit Drogen“ und „eine gewisse Selbstsucht“, während Amerika noch immer nicht ausreichend „den Geringsten“, also den Armen und Benachteiligten helfe. McCain nennt das Scheitern seiner ersten Ehe und geißelt das kollektive Unvermögen, sich „einer größeren Sache als unserem Eigeninteresse zu widmen“.

„Wer ist reich und wie steht es um die Steuern?“ Obama zieht die Grenze zum Reichtum bei 150.000 Dollar Jahresverdienst und will zumal jene mit mehr als 250.000 Dollar Einkommen höher besteuern. McCain will zunächst keine Zahl nennen, legt später scherzhaft die Schwelle zum Reichtum mit „fünf Millionen“ fest und sagt, er wolle „den Reichen kein Geld wegnehmen“ und „niemandes Steuern erhöhen“, vielmehr wolle er, „dass alle reich werden“.

„Von welchem Zeitpunkt an genießt ein Embryo Menschenrechte?“ Obama sagt, eine „spezifische Antwort“ zu geben sei „jenseits meiner Fähigkeiten“, er bekräftigt zudem sein Bekenntnis zum Recht auf Abtreibung, will aber deren Zahl reduziert sehen - im Kirchensaal rührt sich keine Hand. McCains Antwort kommt ohne Zögern: „Vom Augenblick der Empfängnis an“ seien die Menschenrechte eines Fötus zu achten, „seit 25 Jahren fechte ich für das Recht auf Leben“, und das werde er auch als Präsident tun - tosender Beifall brandet auf und hält lange an.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

Jüngste Beiträge