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Wahlkampf in Amerika Der Faktor Farbe

15.10.2008 ·  Wie stark wird Obamas Hautfarbe die Wahlentscheidung der Amerikaner beeinflussen? Bisher wurde darüber kollektiv geschwiegen. Jetzt ist die Debatte auf einmal allgegenwärtig. Vorwürfe werden laut, das Lager McCains führe eine rassistische Kampagne. Aber hilft das Obama? Oder schadet es ihm eher?

Von Matthias Rüb, Washington
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Bisher war das kollektive Schweigen dröhnend. Aber jetzt, da es allmählich doch gebrochen wird, werden die Töne sogleich schrill. Es geht im engeren Sinn um die Frage, ob Obamas Hautfarbe bei der Wahlentscheidung von Millionen Wählern am 4. November eine Rolle spielen wird - und zwar eine für ihn nachteilige bei der Entscheidung weißer Wähler. Ob Amerika „reif“ sei für den ersten Präsidenten, der kein Weißer ist, sondern einer Minderheit angehört; und zwar nicht einmal der größten Minderheit, denn das sind inzwischen vor den Schwarzen die Latinos.

Barack Obama ist bekanntlich kein Nachfahre jener Schwarzen, die aus Afrika als Sklaven in die Neue Welt verschleppt, über Jahrhunderte vor allem in den Südstaaten ausgebeutet wurden und bis vor gut vier Jahrzehnten faktisch rechtlos waren. Sondern er ist der Sohn eines Gaststudenten aus Kenia und einer weißen Mutter aus Kansas. Doch Obamas Selbstbeschreibung als „African American“ - so lautet heute die „politisch korrekte“ Bezeichnung für die Schwarzen in den Vereinigten Staaten - und auch seine politische sowie religiöse Sozialisierung in Chicago machen ihn unzweideutig zu einem „schwarzen“ Politiker.

„Die Saat des Hasses und des Zwists“

Die jüngste Zuspitzung des Streits, ob die Rassenzugehörigkeit Obamas - der Begriff „race“ ist in den Vereinigten Staaten nicht so belastet wie im deutschen Sprachgebiet das Wort „Rasse“ - bei den Präsidentenwahlen in diesem Jahr eine größere Rolle spielt, als bisher allgemein zugegeben wird, hat eine Äußerung des Abgeordneten John Lewis aus dem Bundesstaat Georgia hervorgerufen. Der heute 68 Jahre alte Mitstreiter Martin Luther Kings in der Bürgerrechtsbewegung warf dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain und seiner Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin in einem Brandbrief vor, „die Saat des Hasses und des Zwists“ zu säen.

Lewis erwähnte in dem Zusammenhang den früheren Gouverneur von Alabama, George Wallace (1919 bis 1998), der sich (im Jahre 1968 als Unabhängiger) ebenfalls um das Präsidentenamt beworben habe. Wallace habe, ohne „je eine Bombe geworfen oder eine Pistole abgefeuert zu haben, das Klima und die Bedingungen geschaffen, die zu tückischen Angriffen gegen unschuldige Amerikaner anspornten“.

Wallace, der übrigens der (seinerzeit noch weithin rassistischen) Demokratischen Partei angehörte, ist wegen seiner Beschwörungsformel bekannt geworden, er werfe „der Tyrannei den Fehdehandschuh hin“ und fechte „für Rassentrennung gestern, heute und morgen“. Im gleichen Atemzug wie die Präsidentschaftskandidaten Wallace und McCain erwähnte Lewis den Anschlag des rassistischen Ku-Klux-Klan vom 15. September 1963 auf eine Kirche in Brimingham im Bundesstaat Alabama, bei dem vier schwarze Sonntagsschülerinnen getötet worden waren.

Wer spielt hier die „Rassenkarte“?

Lewis sah sich zu seiner Stellungnahme veranlasst, weil bei Wahlkampfveranstaltungen McCains und Frau Palins in der vergangenen Woche „Verrat!“, „Terrorist!“ oder sogar „Bringt ihn um!“ gerufen wurde, nachdem der Name Obama gefallen und vor allem die Verbindung Obamas zu dem einstigen radikalen und gewalttätigen Vietnamkriegsgegner Bill Ayers erwähnt worden war. McCain zeigte sich im Gegenzug erschüttert und tief enttäuscht von John Lewis, den er erst jüngst als einen seiner persönlichen Helden gepriesen hatte. Lewis' Vorwurf sei „unverfroren und ohne Grund“, und es sei eben ein Unterschied, wenn Wirrköpfe auf einer Veranstaltung dummes Zeug riefen oder wenn ein respektierter Abgeordneter absurde Anschuldigungen mache. Obamas Wahlkampfteam kam der Aufforderung McCains zwar nach und distanzierte sich von den Vorwürfen des Abgeordneten aus Georgia gegen den Senator aus Arizona, bekräftigte aber Lewis' Recht, „die von Hass geprägten Äußerungen“ bei McCains und Frau Palins Wahlkampfveranstaltungen zu kritisieren.

Wie heikel das Thema ist, zeigt auch der Umstand, dass sich McCain und Obama gleichsam hinter vorgehaltener Hand jeweils vorwerfen, die „Rassenkarte“ zu spielen: Obamas Wahlkampfteam deutet an, McCain wolle rassistische Vorurteile bei Weißen politisch nutzbar machen, indem er den Kandidaten der Demokraten als unpatriotisch, weit links stehend und schlichtweg gefährlich für die nationale Sicherheit darstelle. McCains Leute halten dagegen, mit dem Rassismusvorwurf gegen den Republikaner werde jedes Sachargument und jede legitime Frage nach den politischen Weggefährten Obamas totgeschlagen. Bezeichnend ist auch, dass in keiner der beiden bisherigen Fernsehdebatten die Kandidaten nach ihrer Haltung zur „affirmative action“ - also zur positiven Diskriminierung von Angehörigen verschiedener Minderheiten etwa bei der Zulassung zu Hochschulen - gefragt wurden.

Rassismus erst in der Wahlkabine

Dass die Schwarzen die homogenste aller Wählergruppen sind, kann für Obama sowohl ein Segen als auch ein Fluch sein. Schwarze wählen seit den Tagen der Bürgerrechtsbewegung verlässlich die seither geläuterten Demokraten, und dieses Jahr dürften statt der üblichen knapp 90 Prozent mehr als 95 Prozent der Schwarzen für den demokratischen Kandidaten stimmen. Obama kann aber nicht als Kandidat der Schwarzen die Wahl gewinnen. Er braucht zum Sieg die Stimmen der Weißen, auch der Latinos und der Asiaten.

Was verborgene Vorbehalte weißer Wähler gegen einen schwarzen Politiker allein wegen dessen Hautfarbe bewirken können, wird seit den Gouverneurswahlen in Kalifornien von 1982 der „Bradley-Effekt“ genannt. Seinerzeit hatten nicht nur Umfragen vor der Wahl, sondern sogar Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe einen klaren Wahlsieg des schwarzen Bürgermeisters von Los Angeles, Tom Bradley, für die Demokraten nahegelegt. In der Wahlnacht aber konnte sich der weiße Republikaner George Deukmejian als Sieger feiern lassen. Offenbar um nicht als bigott oder gar rassistisch zu erscheinen, hatten bei Umfragen vor der Wahl wie bei Befragungen nach der Stimmabgabe vor allem weiße Wähler sich zu ihren wirklichen Präferenzen und Entscheidungen nicht ehrlich geäußert.

In der Wahlkabine aber waren sie mit sich allein. Es heißt, dass der „Bradley-Effekt“ bei Umfragen eine Art Hautfarbenunschärfe von bis zu sechs Prozent zugunsten des schwarzen Kandidaten ausmachen kann: Mehr Befragte sagen, die Hautfarbe des Kandidaten würde ihre Wahlentscheidung nicht beeinflussen, als es der Wahrheit entspricht. In vielen der besonders umkämpften sogenannten Schlachtfeldstaaten wie Ohio, Florida, Virginia, North Carolina, Pennsylvania oder Colorado liegt Obama in den jüngsten Umfragen kaum mehr oder sogar weniger als sechs Prozent vor McCain. Der gibt sich zudem siegessicher und hat mit dem Argument zur Aufholjagd geblasen, ihn habe man schon oft zu Unrecht abgeschrieben.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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