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Vorwahlen in Pennsylvania Der Entscheidungskampf für Hillary Clinton

22.04.2008 ·  Will Hillary Clinton ihre Chancen wahren, Präsidentschaftskandidatin der Demokraten zu werden, muss die einstige First Lady die Vorwahl in Pennsylvania an diesem Dienstag gewinnen. Ihre Chancen stehen nicht schlecht.

Von Matthias Rüb, Philadelphia
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Bürgermeister Michael Nutter gibt sich siegessicher: für diesen Dienstag, an dem in Pennsylvania Vorwahlen stattfinden, und für den 4. November, den Tag der amerikanischen Präsidentenwahl.

Nutter ist als Stadtoberhaupt von Philadelphia, der prosperierenden Metropole mit 1,5 Millionen Einwohnern im Osten des Bundesstaats, äußerst populär, und es heißt schon, er sei ein weiterer schwarzer Hoffnungsträger der amerikanischen Demokraten - dabei wurde Nutter erst im November 2007 gewählt.

Er ist 50 Jahre alt und von ausgesprochen einnehmendem Wesen. Neben Ed Rendell, dem demokratischen Gouverneur des Bundesstaates mit gut 12,4 Millionen Einwohnern, ist er der wichtigste Unterstützer von Senatorin Hillary Clinton in deren Kampf gegen Barack Obama um die Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Dass Nutter schwarz ist und dass er zudem aus den westlichen Vororten von Philadelphia stammt, wo es um die vielleicht entscheidenden Stimmen geht, macht ihn für Frau Clinton zum wertvollsten Unterstützer.

Wahlkampf mit historischen Dimensionen

Manches spricht dafür, dass er mit seiner Siegesgewissheit jedenfalls für diesen Dienstag richtig liegt: „Wir kämpfen für den Sieg Hillary Clintons in ganz Pennsylvania, und wir werden am Dienstag gewinnen“, sagt er.

Und wie steht es am 4. November, dem Tag der Präsidentenwahl, wenn am Ende doch Barack Obama die Nominierung erringt, kann auch er gegen John McCain bestehen? „Die Partei wird sich nach dem Nominierungsparteitag Ende August wie ein Mann hinter den Kandidaten oder die Kandidatin stellen, nachdem sich die Unterlegenen einen Tag freigenommen und sich gesammelt haben“, antwortet er und lächelt.

Die Vorwahlen in Pennsylvania an diesem Dienstag sind die ersten seit sechs Wochen. Seit den „Primaries“ von Texas und Ohio, Rhodes Island und Vermont über Wyoming bis Mississippi im März haben Clinton und Obama einen innerparteilichen Wahlkampf geführt, der als Materialschlacht, Stellungskrieg und Charakterkampf historische Dimensionen hat.

Ein Endspiel

Es geht um 158 imperative Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag von Denver im August, die zu zwei Dritteln proportional nach den Abstimmungsergebnissen in den 19 Wahlkreisen und zu einem Drittel nach dem Gesamtabstimmungsergebnis im Bundesstaat vergeben werden.

Zudem entsendet Pennsylvania 29 sogenannte Superdelegierte, die als Mandatsträger und Funktionäre der Partei in ihrer Kandidatenwahl nicht an das Votum der Wähler gebunden sind; von diesen haben bisher 15 ihre Unterstützung für Frau Clinton zum Ausdruck gebracht, fünf wollen Obama wählen, der Rest ist unentschlossen oder lässt sich nicht in die Karten schauen.

Für Hillary Clinton, die ihren Rückstand auf Obama bei den Delegierten mit imperativem Wählermandat nur noch aufholen kann, wenn sie in den verbleibenden zehn Vorwahlen jeweils fast zwei Drittel der Wählerstimmen auf sich vereinigt, ist Pennsylvania so etwas wie ein Endspiel. Sie muss gewinnen und hat nach allen Umfragen auch die Chance dazu, um ihr Hauptargument gegen Obama aufrechtzuerhalten, dieser möge zwar in der Gesamtheit mehr Wählerstimmen auf sich vereinigt haben, er sei aber nicht in der Lage, die großen und knappen Entscheidungen in bevölkerungsreichen „Schlachtfeldstaaten“ wie Ohio, Florida und auch Pennsylvania gegen die Republikaner für sich zu entscheiden.

Der „Limousinen-Linke“ Obama

Pennsylvania scheint wie geschaffen für ein weiteres Comeback Hillary Clintons, die trotz immer lauter werdender Rufe aus der Parteiführung ihr Rennen auch am Mittwoch fortsetzen wird, gleich wie das Ergebnis der Vorwahl in Pennsylvania ausfallen wird. Der einstige Wahlkampfstratege von Bill Clinton, James Carville, hat zur Beschreibung der demographischen und politischen Beschaffenheit Pennsylvanias das geflügelte Wort geprägt, dort gebe es im Osten Philadelphia und im Westen Pittsburgh und in der Mitte Alabama: Zwischen der pulsierenden Metropole Philadelphia, die auch dank ihrer Lage mitten in den Ballungszentren des prosperierenden Nordostkorridors von Washington bis nach New York den Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft bewältigt hat, und dem ächzenden, auf jetzt etwa 300.000 Einwohner geschrumpften Schwerindustriesaurier Pittsburgh liegen in der Mitte 3,1 Millionen Hektar Farmland, die ein Abbild des Südstaates Alabama zu sein scheinen.

84 Prozent der Einwohner sind Weiße, die knapp zehn Prozent Schwarzen wohnen ganz überwiegend in und um Philadelphia, der Anteil der Latinos liegt mit 3,4 Prozent deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Im Westen des Staates um Pittsburgh sowie in der ländlichen Mitte dürfte Hillary Clinton eine deutliche Mehrheit der Stimmen erringen.

Obamas Fauxpas

Dort war ausgerechnet Barack Obama ihr bester Wahlkampfhelfer. Der hatte nämlich, ausgerechnet nachdem er eine ganze Woche mit dem Bus durchs ländliche Pennsylvania gefahren war, bei einer Veranstaltung im kleinen Kreis wohlhabender Spender in San Francisco gesagt, es sei nicht verwunderlich, dass Arbeiter etwa in ländlichen Gegenden Pennsylvanias „verbittert sind“, sich „an Waffen oder Religion klammern und dass sie Vorbehalte gegen Leute entwickeln, von denen sie abgelehnt werden, oder Ressentiments gegen Einwanderer oder den Freihandel, um so ihre Frustrationen zum Ausdruck zu bringen“.

Clinton und ihre Wahlkampfhelfer konnten die Kernaussagen des holprigen Satzes von Obama gar nicht oft genug wiederholen, um den treuen Kirchgängern und leidenschaftlichen Jägern dieses Landstrichs zu zeigen, wie abgehoben und elitär der „Limousinen-Linke“ Obama doch sei. „Wir brauchen einen Präsidenten, der für seine Wähler aufsteht und nicht auf sie hinabschaut“, lautete der Schlachtruf Frau Clintons in den vergangenen Tagen. Obama versuchte seinerseits mit einer offenbar als bürgernah empfundenen Fahrt mit einem Nahverkehrszug von Philadelphia nach Harrisburg seine Volkstümlichkeit wiederzugewinnen.

Vorsprung für Hillary Cliinton

Auch die demographische Struktur des sechstgrößten Bundesstaates dürfte Frau Clinton entgegenkommen. Pennsylvania gehört zu den Staaten mit dem geringsten Bevölkerungswachstum und einem großen Anteil alter Menschen: Nur im warmen „Rentnerparadies“ Florida und im ebenfalls vom Niedergang der Schwer- und Bergwerksindustrie getroffenen benachbarten West Virginia liegt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung höher als in Pennsylvania. 1940 hatte Pennsylvania noch ebenso viele nach Maßgabe der Bevölkerungszahl zugeteilte Mandate im Repräsentantenhaus wie Kalifornien - nämlich 30. Heute entsendet der Staat an der Westküste 53 Abgeordnete ins Kapitol zu Washington, Pennsylvania nur noch 19.

Barack Obamas einzige Siegchance in Pennsylvania besteht darin, dass er im Ballungszentrum von Philadelphia im Osten unter den jungen Wählern mit einem so deutlichen Vorsprung gewinnt, dass er seinen wohl uneinholbaren Rückstand auf Clinton in den übrigen Gebieten des Staates, vor allem unter den Älteren, den weißen Arbeitern und Farmern, ausgleichen kann.

Nach jüngsten Umfragen wollten 48 Prozent der potentiellen Wähler für Clinton stimmen, 43 Prozent sprachen sich für Obama aus, neun Prozent waren unentschieden. „Die bis zuletzt unentschlossenen Wähler haben sich bei den vergangenen Vorwahlen stets für Hillary Clinton entschieden“, sagte Bürgermeister Nutter. Am Tag vor der Wahl machte Nutter Wahlkampf für die einstige First Lady in den westlichen Vororten von Philadelphia: Er will möglichst einige Hochburgen Obamas schleifen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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