13.08.2007 · Der „straw poll“ in Iowa ist so etwas wie die Vorvorwahl der republikanischen Kandidaten für das Präsidentenamt. Mitt Romney hat sie gewonnen - mit einer Rede über Glaube, Moral, Militär und einigen Millionen Dollar. Matthias Rüb war dabei.
Von Matthias Rüb, AmesWer bei den „Ersten in der Nation“ unter den Ersten sein will, muss es sich etwas kosten lassen - unter einer Million Dollar ist kaum etwas zu machen. Den potentiellen Wählern muss Vollversorgung vom frühen Morgen bis zum späten Abend geboten werden: Transport, Verpflegung, Unterhaltung und - weil es heiß ist mitten im Sommer im Mittleren Westen Amerikas - Klimatisierung. Als Dreingabe dürfen T-Shirts, Mützen, Wimpel und Aufkleber nicht fehlen.
Kein anderes Ereignis veranschaulicht so klar wie der sogenannte „straw poll“ von Ames in Iowa, was in Amerika „retail politics“ genannt wird, also etwa „Politik im Einzelverkauf“. Ames ist eine Stadt mit gut 52.000 Einwohnern. In dem Agrarstaat Iowa im Mittleren Westen gibt es nach offizieller Statistik gut 15 Millionen Mastschweine, so viele wie in keinem anderen amerikanischen Bundesstaat. Die Zahl der Einwohner von Iowa liegt bei nur knapp drei Millionen Menschen. Das beschauliche Ames ist der Sitz der Staatlichen Universität für Wissenschaft und Technologie, deren Studenten etwas mehr als die Hälfte der Einwohner stellen.
Startschuss für den Reigen der Vorwahlen
Die Universitätsstadt, deren Wasserturm weithin über die topfebene Landschaft sichtbar ist, erwacht Mitte August allmählich aus dem Sommerschlaf der Semesterferien und ist seit 1979 der Ort des „straw poll“, des allerersten Meinungsbildes in der Republikanischen Partei im Jahr vor einer Präsidentenwahl. Iowa ist zudem seit 1972 der Bundesstaat der ersten Vorwahlen beider Parteien.
Dabei wird im Januar des Wahljahres unter den örtlichen Mitgliedern und Wählern von Republikanern und Demokraten in einem als „caucus“ bezeichneten basisdemokratischen Verfahren in den Wahllokalen zuerst ausgiebig über die Kandidaten für die Präsidentenwahlen debattiert und anschließend über sie abgestimmt. Weil der abend- und manchmal auch nachtfüllende „caucus“ von Iowa - ein Hochamt der amerikanischen Demokratie - den Startschuss für den Reigen der Vorwahlen gibt, halten sich in Iowa Republikaner wie Demokraten viel darauf zugute, die „Ersten in der Nation“ zu sein.
Viel Wind
Der „straw poll“ ist also so etwas wie die Vorvorwahl der Republikanischen Partei, die von dieser in Eigenregie organisiert wird und den schönen Nebeneffekt hat, eine hübsche Summe in die örtliche Parteikasse zu spülen. Denn für die Teilnahme am „straw poll“ wird eine Gebühr erhoben - in diesem Jahr waren es 35 Dollar.
Außerdem verkauft die Parteiführung von Iowa an die Wahlkampfstäbe der Kandidaten die Liste mit den Namen, Anschriften und Telefonnummern jener Wähler, die an den vorhergehenden „caucus“-Wahlen zur offiziellen Kandidatenkür teilgenommen haben. Diese Datensammlung ist der Grundstein für gezielte direkte Wahlwerbung mit Post, Telefon und Hausbesuchen. Die Liste soll heuer 100.000 Dollar gekostet haben.
Die Bezeichnung „straw poll“ heißt so viel wie Strohhalmabstimmung und rührt von dem britischen Juristen John Selden (1584 bis 1654) her, von dem folgender Ausspruch überliefert ist: „Nimm einen Strohhalm und wirf ihn in die Luft - dann magst du sehen, woher der Wind weht.“ So einfach geht es mit dem „straw poll“ heute freilich nicht mehr, obschon am Samstag tatsächlich ein kräftiger heißer Wind über Iowa wehte. Vielmehr müssen die Kandidaten selber möglichst viel Wind erzeugen, um ihren Halm weit über den eigentlich nicht so bedeutsamen und zudem bevölkerungsarmen Staat Iowa hinaus in die politische Landschaft der Nation zu tragen.
Busse aus ganz Iowa
Die größte Windmaschine hatte an den Tagen vor der Abstimmung vom Samstag und am Wahltag selbst unzweifelhaft Mitt Romney angeworfen. Für den Aufbau seines Wahlkampfstabes in ganz Iowa, für Wahlwerbung im Radio und vor allem im Fernsehen in den Tagen vor dem „straw poll“ dürfte er 2,4 Millionen Dollar ausgegeben haben.
Romney selbst absolvierte in den Wochen vorher mehr als 200 Wahlauftritte, unterstützt von seiner umfangreichen Familie. Mit weiteren gut 2,5 Millionen Dollar werden die Ausgaben am Abstimmungstag selbst zu Buche geschlagen haben, denn die Wähler müssen mit gemieteten Bussen aus ganz Iowa herbeigeschafft und am Abend wieder nach Hause gebracht werden.
„Politischer Karneval“
Selbstredend übernimmt jeder Kandidat die Gebühr von 35 Dollar für die Teilnahme an der Abstimmung im Gegenzug für eine erhoffte sichere Stimme. Außerdem ließ Romney auf dem Gelände vor dem „Hilton Coliseum“, wo sonst die Basketballer des Universitätsclubs „Iowa Cyclones“ ihre Heimspiele austragen, das größte Zelt aller Kandidaten aufschlagen, und dort waren die Warteschlangen bei der kostenlosen Essens- und Getränkeausgabe den ganzen Tag über am kürzesten.
Natürlich hatte Romney auch die größte Bühne aufbauen lassen, von welcher aus Country-Gruppen für Stimmung sorgten, während die Kleinen sich auf Springburgen, einem Karrusell und sogar einem kleinen Riesenrad vergnügten. Wen immer man im Zelt, vor der Bühne und den Fahrgeschäften Romneys oder anderswo auf dem ausladenden Gelände nach seinen Eindrücken fragte, zeigte sich beglückt vom „politischen Karneval“, der schließlich für Alt und Jung etwas biete.
Glaube, Familie, und starkes Militär
Romney, einst Gouverneur von Massachusetts, war auch der erste Redner im Coliseum, nachdem der patriotische Countrysänger Rockie Lynne und seine Gruppe a capella die Nationalhymne zum Mitsingen intoniert hatten. Tausende Anhänger Romneys in gelben T-Shirts mit der Aufschrift „Mitt for President“ füllten die Ränge und schwenkten in den von den Fernsehkameras eingefangenen ersten Sitzreihen vor der Rednertribüne begeistert ihre Plakate.
Der Jubel war ohrenbetäubend, und wenn Republikaner, zumal konservative wie Romney, vor Anhängern im Mittleren Westen in Reden die Begriffe Glaube, Familie, Recht auf Leben, sichere Grenzen, niedrige Steuern oder starkes Militär erwähnen, ist jeder Satz wie ein mit beiden Händen im Korb versenkter „slam dunk“ beim Basketball. „Der beste Freund des Friedens ist ein starkes Amerika“, rief Romney, und deshalb werde er das Heer, die größte Teilstreitkraft des amerikanischen Militärs, um mindestens 100.000 Soldaten vergrößern. Im Irak gebe es Zeichen der Hoffnung, und George W. Bush habe immerhin Amerika „in den vergangenen sechs Jahren zu schützen gewusst“.
„Moralische Umweltverschmutzung“
Für die zwölf Millionen illegaler Immigranten dürfe es keine Amnestie geben, die Grenzen müssten endlich gesichert werden - notfalls mit einem Zaun. Die Abhängigkeit vom Öl aus der arabischen Welt werde er reduzieren („Lieber Treibstoff aus dem Mittleren Westen als dem Mittleren Osten!“), der „moralischen Umweltverschmutzung“ durch Pornographie, Pädophilie und Gewaltverherrlichung werde er entgegentreten.
Starke Familien seien das Fundament eines starken Amerika, und deshalb empfehle er: „Bevor man Babys bekommt, heiratet man!“ Zum Abschluss seiner Rede holte Romney seine Frau, die fünf Söhne samt deren Frauen sowie die Schar der Enkelkinder auf die Bühne. Vom Hallendach regnete es Konfetti in den Farben Blau, Weiß und Rot.
„Ein entwaffnetes Volk kann nicht frei bleiben“
Damit waren die Grundthemen der Reden aller acht Kandidaten vorgegeben, welche diese je nach Talent und Temperament variierten. Der Abgeordnete Tom Tancredo (Kalifornien) hatte „Toms Armee gegen Amnestie“ mitgebracht und wetterte wie gewohnt gegen illegale Einwanderer, die er als Präsident umgehend deportieren lassen werde, und zwar alle zwölf Millionen.
Senator Sam Brownback (Kansas) beschwor das Erfolgsdreieck Glaube, Familie und Freiheit und versprach, die Legalisierung der Abtreibung rückgängig zu machen. Der ehemalige Gouverneur von Arkansas, Mike Huckabee, dessen Wahlkampf chronisch unterfinanziert ist, hatte 200 Wassermelonen aus seinem Heimatstaat herbeifahren lassen, um seine Liebe zu Iowa zu beweisen; und präsentierte sich erfolgreich und humorvoll als David gegen den Goliath Romney. Umjubelt war als Gastredner der Chef der Waffenlobbyorganisation NRA, Wayne LaPierre, der der Menge sichtlich aus dem Herzen sprach, als er verkündete, dass „ein entwaffnetes Volk nicht frei bleiben“ könne.
Pflichtsieg für Romney
Ob die Spitzenreiter vergangener Umfragen, New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani, Senator John McCain (Arizona) und der „inoffizielle“ Kandidat Fred Thompson (Tennessee) gut daran taten, den kostspieligen und aufwendigen „straw poll“ in Ames auszulassen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Angesichts ihrer Abwesenheit war für Romney ein Sieg Pflicht. Doch schon am Sonntag konnte der 60 Jahre alte mormonische Politiker, dessen Privatvermögen auf 250 Millionen Dollar geschätzt wird und der zudem beim Spendensammeln äußerst erfolgreich ist, sehen, wie sein in Iowa in die Luft geworfener Halm von den Medien weit in die Landschaft getragen wurde.
Für den Zweitplazierten Mike Huckabee sind seine 18 Prozent ein großer Erfolg, für Sam Brownback und Tom Tancredo dagegen sind ihre 15 und 14 Prozent weniger als erwartet und vielleicht erforderlich. Für die anderen Bewerber bedeutet ihr einstelliges Ergebnis beim „straw poll“, dass ihr Rennen schon vor dem Start zu Ende ist.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge