29.07.2008 · Der Startschuss zu den letzten hundert Tagen vor der Präsidentenwahl ist gefallen. Jetzt geht es um persönliche Angriffe. Ob McCains Taktik aufgeht, Obamas „Medienvorsprung“ durch einen angeblichen „Charaktervorsprung“ auszugleichen, muss sich erst noch zeigen.
Von Matthias Rüb, WashingtonDer Startschuss zu den letzten hundert Tagen vor der Präsidentenwahl am 4. November ist mit besonders lautem Knall gefallen. Jetzt geht es vor allem um persönliche Angriffe, weniger um die Inhalte. Dabei versucht vor allem das Wahlkampfteam von John McCain, den Patriotismus und die Seriosität von Barack Obama in Frage zu stellen.
Ob die Taktik aufgeht, den „Medienvorsprung“ Obamas durch einen angeblichen „Charaktervorsprung“ McCains auszugleichen, muss sich erst noch zeigen. Die jüngste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup, deren Ergebnisse am Montag veröffentlicht wurden, zeigt einen gewachsenen Vorsprung Obamas gegenüber McCain: 49 Prozent der Befragten äußerten Zustimmung zu Obama, 40 Prozent zu McCain.
„Kriecherisch“, „schmeichlerisch“, „katzbuckelnd“?
In einem Werbespot, den McCains Wahlkampfstab eilig produzierte und noch vor der Rückkehr Obamas in wichtigen Werbemärkten im Fernsehen plazierte, wird abermals Obamas Entscheidung kritisiert, einen geplanten Besuch bei verwundeten amerikanischen Soldaten in Landstuhl in der Pfalz abzusagen. Anders als McCains Sprecher Tucker Bounds, der Obama vorgeworfen hatte, ihm sei eine Rede vor „throngs of fawning Germans“ wichtiger gewesen als der geplante Hospitalbesuch, wird jetzt Obama der „Besuch im Fitness-Center“ in dessen Hotel vorgeworfen.
Gleichgültig, ob man das Adjektiv „fawning“ mit „kriecherisch“, „schmeichlerisch“ oder auch „katzbuckelnd“ übersetzt, eine positive Eigenschaft ist es nicht, die da der jubelnden Menge an der Siegessäule zugeschrieben wird.
„Country first“
Und vor allem werden Obama von McCain und dessen Wahlkampfteam negative Eigenschaften zugeschrieben. McCain sagt, er verliere lieber eine Präsidentenwahl als einen Krieg - nämlich den im Irak -, während Obama seine jüngste Entscheidung im Irak-Krieg nach politischem Kalkül getroffen habe. Er, McCain, habe die umstrittene Truppenaufstockung im Irak und damit Präsident George W. Bushs Irak-Politik in diesem Fall befürwortet, obwohl das Ende 2006 höchst unpopulär gewesen sei. Obama dagegen habe sich gegen die Truppenverstärkung, die schon bald wesentlich zur Verbesserung der Sicherheitslage im Irak beitragen sollte, ausgesprochen, „weil diese bei seiner Basis unpopulär war“ und weil er „damit die Nominierung zum Kandidaten zu erreichen hoffte“.
Bis heute sage Obama, seine Entscheidung gegen die Truppenaufstockung sei richtig gewesen, wirft McCain seinem Herausforderer vor. „Aber hätten wir damals getan, was Senator Obama wollte, dann hätten wir Chaos, Völkermord, verstärkten iranischen Einfluss und vielleicht wieder Al-Qaida-Lager im Irak“, sagt McCain.
Obama, so heißt es im jüngsten Wahlwerbespot McCains, habe im Senat „gegen Geld für unsere Truppen gestimmt“ und dann eben das Fitness-Center dem Besuch bei verwundeten Soldaten vorgezogen. Dagegen sei „John McCain immer für unsere Truppen da“. „John McCain - Country first“, also das (Vater-)Land zuerst, lautet die Parole des republikanischen Kandidaten. Der Herausforderer von den Demokraten, so wird insinuiert, stelle Anderes an die erste Stelle: den persönlichen Ehrgeiz und den Wahlsieg zum Beispiel.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge