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Tränen lügen nicht Wie Hillary Clinton die Demoskopen ausspielte

10.01.2008 ·  Die frühere First Lady hatten viele Medien schon gänzlich abgeschrieben - und sich dabei blind auf die Ergebnisse der Meinungsumfragen verlassen. Nun stehen wieder die Demoskopen am Pranger. Was ist schiefgelaufen?

Von Stefan Tomik
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Die frühere First Lady hatten viele schon gänzlich abgeschrieben – und sich dabei ganz auf die Ergebnisse der Meinungsumfragen verlassen. In praktisch allen Umfragen für New Hampshire hatte noch wenige Tage vor der Wahl der Senator Barack Obama geführt, mit einem beachtlichen Vorsprung von bis zu dreizehn Prozentpunkten. Nun stehen wieder die Demoskopen am Pranger, weil am Ende doch Clinton die Wahl knapp gewann. Was ist bloß schiefgelaufen?

Tatsächlich sind Meinungsumfragen auch in New Hampshire nur eine Momentaufnahme. Viele Telefoninterviews waren am vergangenen Freitag gemacht worden, also vor der Fernsehdebatte am Samstag und vor der Träne, die Hillary am Montag im Auge stand, und die dann doch nicht floss, aber für ein starkes Medienecho sorgte. „Wir haben eine Kampagne von beispielloser Intensität erlebt“, sagt Kathleen Frankovic, die beim Sender CBS News für die Meinungsforschung zuständig ist. „Zwischen Iowa und New Hampshire lagen nur fünf Tage, und gekämpft wurde bis zum Schluss.“

Volatilität und Weinerlichkeit

Dass viele Wähler sich auch ihre Entscheidung bis zum Schluss offenhalten würden, zeichnete sich ab. Denn die Volatilität der Wähler ist in Vorwahlen generell höher als bei der Präsidentenwahl. Wenn die politische Grundausrichtung erst einmal feststeht, bekommen persönliche Eigenschaften der Bewerber mehr Gewicht. „Mehr als ein Viertel der Befragten sagte uns, sie könnten sich vorstellen, ihre Meinung in den kommenden Tagen noch einmal zu ändern“, sagt Frankovic. Und die Unterschiede zwischen den demokratischen Kandidaten waren offenbar besonders gering. „Viele sagten uns, dass sie ihren bevorzugten Kandidaten auch nur wenig besser fänden als die anderen.“

Während der republikanische Vorwahlkampf in New Hampshire in halbwegs geordneten Bahnen verlief, ging es bei den Demokraten hoch her. Noch in den letzten Tagen vor der Wahl verfeinerte Hillary Clinton ihre Strategie. Hatte sie sich anfangs offen angriffslustig gegeben, packte sie ihre Spitzen gegen Obama am Tag vor der Wahl in Watte. Ihre staatstragende Rhetorik wandelte sich in Weinerlichkeit. „Das ist sehr persönlich für mich, nicht nur politisch“, sagte sie in einer kleinen Runde unentschlossener Wähler – freilich vor laufenden Kameras. „Ich sehe, was geschieht, und wir müssen es abwenden. Manche Leute denken, Wahlen seien nur ein Spiel.“

Wer die Aufnahmen von Clintons Wahlkampfauftritten in Iowa und New Hampshire vergleicht, sieht zudem, dass sie sich zuletzt mit viel mehr jungen Leuten umgab. Vor allem die jungen Wähler hatten ihrem Konkurrenten Obama in Iowa zum Sieg verholfen.

Beispiellose Beteiligung

Besonders weit daneben lag die Umfrage des Instituts Gallup und „USA Today“, die Obama bei 41 und Clinton bei 28 Prozent sah. Das erklärt Professor Allan McCutcheon vom Gallup Research Center an der Universität von Nebraska-Lincoln vor allem mit der beispiellosen Wahlbeteiligung bei den Demokraten. „Was wir in diesem Jahr erlebt haben, sprengt jeden Rahmen“, sagt McCutcheon. „Zur Vorwahl in New Hampshire erschienen so viele Demokraten wie zu einer tatsächlichen Präsidentenwahl.“

Die Zahl der abgegebenen Stimmen stieg bei den Demokraten von 219.787 vor vier Jahren – schon damals ein Rekord – auf 287.849, mithin um fast 31 Prozent. Der unerwartete Zulauf brachte die Modelle der Meinungsforscher durcheinander. Denn deren Kunst ist es, aus den am Telefon befragten Wahlberechtigten jene auszuwählen, die später auch tatsächlich zur Wahl gehen und das nicht nur behaupten.

Gehütete Geschäftsgeheimnisse

Die dafür verwendeten „Likely voter models“ der Institute sind ein Geschäftsgeheimnis und werden gehütet wie das Coca-Cola-Rezept. Doch während die Forscher von Gallup ihr Modell diesmal auf der Basis von 2004 bildeten, als sich 43,3 Prozent der registrierten Wähler an die Urnen begaben, wählten in diesem Jahr sogar 66,3 Prozent. Mit der Wahlbeteiligung verändert sich aber auch die Zusammensetzung der Wählerschaft, sagt McCutcheon.

Bei den Republikanern dagegen bauten die Forscher ihr Modell auf der Grundlage des Jahres 2000, dem letzten offenen Rennen um die Präsidentschaftskandidatur. Da die Beteiligung damals mit etwa 239.000 Wählern genau so hoch war wie jetzt, lagen die Umfragen vergleichsweise dicht am Wahlergebnis.

Die vielen Unsicherheiten, mit denen die Meinungsforscher kämpfen, werden den mediengetriebenen Wahlkampf weiter begleiten – und noch die eine oder andere voreilige Schlagzeile liefern.

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Jahrgang 1974, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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