26.09.2008 · Niemand mag derzeit versprechen, dass es an der Universität von Mississippi in Oxford tatsächlich zum ersten Fernsehduell zwischen Obama und McCain kommt. Kein Ort wäre symbolträchtiger, denn hier wurde 1962 nationale Geschichte geschrieben, als sich James Meredith als erster schwarzer Student immatrikulierte.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerLive-Schaltungen der amerikanischen Fernsehsender in die Universität von Mississippi gab es dieser Tage reichlich. Ob es am Freitagabend amerikanischer Zeit aber tatsächlich an historischem Ort zur ersten Debatte der Präsidentschaftskandidaten kommen würde, konnte weder Gouverneur Haley Barbour den Amerikanern fest versprechen noch der Rektor der Universität oder der Bürgermeister der Stadt Oxford, wo der Campus liegt. Alle Befragten versicherten nur, alles werde wie geplant vorbereitet. Dabei hatte der Republikaner John McCain am Mittwoch Barack Obama und die Demokraten mit der Mitteilung überrascht, er wolle angesichts der Finanzkrise lieber in der Hauptstadt die Ärmel hochkrempeln als in Mississippi über Außenpolitik zu reden.
Auch die Kommission für Präsidentschaftsdebatten beharrte auf dem Termin an dem vor langer Zeit festgelegten Ort. Schließlich könnte es eine symbolträchtigere Kulisse für ein Rededuell der beiden Kandidaten kaum geben: An der Universität wurde nationale Geschichte geschrieben, als am 1. Oktober 1962 der 29 Jahre alte Luftwaffenveteran James Meredith unter dem Schutz von Nationalgarde und Bundesmarshalls und unter bedrückenden Umständen als erster schwarzer Student an der Universität eingeschrieben wurde.
Brutal verunglimpft
Bis dahin hatten ausschließlich Weiße die 1848 gegründete Universität besucht. Ihr Campus in Oxford im Norden des Bundesstaats heißt im Volksmund „Ole Miss“ - durchaus in Anspielung auf eine beklemmende Sozialtradition: Die Sklaven in den Südstaaten nannten so die „Mistress“, die Herrin der Plantage. In Oxford lebte übrigens auch William Faulkner. Er hat den Landstrich, unter anderem Namen, literarisch verewigt.
Zu Beginn der sechziger Jahre, Kennedy war Präsident, war der Süden in Aufruhr. Große soziale, politische und wirtschaftliche Umwälzungen standen ihm bevor, zum Teil vollzogen sie sich bereits. In Mississippi, wo der Süden besonders „tief“ war, beherrschten weiße Segregationisten die Politik und weitgehend auch das soziale Leben; es wurde noch großflächig Baumwollwirtschaft betrieben.
Es bedurfte großen Mutes für Bürgerrechtler, sich dorthin zu wagen - Hollywood hat es auf mehr oder weniger authentische Weise nachgezeichnet. Die Bundesregierung in Washington öffnete, nicht zuletzt mit Hilfe der Gerichte, den bis dahin weitgehend ausgeschlossenen Schwarzen den Zugang zu den öffentlichen Bildungseinrichtungen. Diese Politik der Integration wurde von den Südstaaten als Einmischung in ihre Angelegenheiten bekämpft. Die Folge war unter anderem, dass sich Parteiloyalitäten und -präferenzen nahezu vollständig umkehrten: War der Süden bis dahin demokratisch, so wurde er mehr und mehr republikanisch.
Die Demokraten wurden in politischen Auseinandersetzungen von unglaublicher Härte, ja Brutalität verunglimpft als jene, die als Sozialingenieure den Bundesstaaten einen Wandel aufzwingen wollten, den die - weiße - Mehrheit so nicht wollte. In Mississippi wählt die große Mehrheit der Weißen republikanisch, schwarze Wähler wählen demokratisch. Wahlkreisgrenzen wurden entsprechend gezogen.
Mit der Moderne arrangiert
Im Zuge der sozialstrukturellen Modernisierung und der Entspannung des Sozialklimas sind viele Schwarze aus dem Norden in den Süden zurückgekehrt. Auch Außenstehende sind empfänglich für jenen Charme, den die untergegangene Epoche unbestreitbar besaß. In „Ole Miss“ mit seinen neoklassizistischen Gebäuden und Magnolien ist er bis heute zu spüren. Die Moderne hat sich irgendwie mit der südstaatlichen Mentalität und Beschaulichkeit arrangiert - und umgekehrt.
Wo einst ausschließlich die Kinder der weißen Staatselite studierten (wenn sie nicht an einer der renommierten Hochschulen des Südens, in New Orleans oder Nashville etwa, studieren wollten oder konnten), ist die Studentenschaft heute multinational. Von den mehr als 17.000 Studenten ist in diesem Semester ein gutes Viertel schwarzer Hautfarbe. Und an diesem Freitag tritt hier, wo die Konföderierten-Flagge, die „Rebel flag“, noch vor wenigen Jahren das Wahrzeichen der Football-Mannschaft war, womöglich Barack Obama auf, der der erste farbige Präsident der Vereinigten Staaten werden kann.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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