03.10.2008 · Nach dem Fernsehduell mit Joseph Biden ist Sarah Palin wieder das, was sie beim Parteitag der Republikaner Anfang September war: Das junge und zudem attraktive Gesicht einer Partei, die jede Aufmunterung gebrauchen kann, um doch noch an einen Sieg am 4. November zu glauben.
Von Matthias Rüb, WashingtonEs war die einzige Fernsehdebatte der Kandidaten für das zweithöchste politische Amt im amerikanischen Staat, und es gab in der Nacht zum Freitag beim Rededuell an der Washington University in St. Louis (Missouri) zwei Sieger. Wahrscheinlich muss man Sarah Palin nur deshalb den Platz als erster Siegerin zusprechen, weil sie weniger zu verlieren und mehr zu gewinnen hatte als der zweite Sieger, der 65 Jahre alte demokratische Senator Joseph Biden aus Delaware.
Denn sowohl Sarah Palin wie zumal die republikanische Partei und deren Präsidentschaftskandidat John McCain hatten zwei schwere Wochen hinter sich: Äußerungen der Gouverneurin aus Alaska in Fernsehinterviews waren wenig überzeugend, und vor allem gab es eine denkwürdige Rebellion der republikanischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus gegen Präsident George W. Bush und Kandidat John McCain, die ebenso eindringlich wie vergeblich zur Annahme des Rettungspaketes für das schwer ramponierte Finanzsystem aufgerufen hatten.
Mutter mit Regierungserfahrung
In einer landesweiten Umfrage des Fernsehsenders CNN sahen 51 Prozent Biden als Sieger, nur 36 Prozent sprachen sich für Palin aus. Beiden Kandidaten wurde bescheinigt, sie hätten die Erwartungen „weit übertroffen“. Ein kleiner Erfolg ging bei CNN noch an Palin: 54 Prozent fanden sie sympathischer als Biden. Nach dem anderthalbstündigen Fernsehduell ist die 44 Jahre alten republikanischen Gouverneurin aus Alaska wieder das, was sie nach ihrer fulminanten Rede beim Parteitag der Republikaner vom 3. September war: das junge und zudem attraktive Gesicht einer Partei, die jede Aufmunterung von selbsternannten Außenseitern gebrauchen kann, um doch noch an einen Sieg am 4. November zu glauben. Und Frau Palin vermochte nach den ersten Reaktionen von Beobachtern der Debatte eine gleichsam natürliche Verbindung zu jenen Wählern herzustellen, die sich abends an dem - von beiden Kandidaten - bis zum Überdruss bemühten Küchentisch zusammenfinden und über ihre drückenden Alltagsprobleme in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise sprechen.
Sie äußerte Verständnis für die Angst von Millionen Amerikanern angesichts des Chaos auf den Finanzmärkten an der Wall Street, das längst den Alltag der Mittelklasse erreicht habe. Sie erklärte sich selbst zum Teil jener Schicht einfacher Leute, die die Nase gestrichen voll haben von „Gier und Korruption“ an der Wall Street und auch in Washington. Sie präsentierte sich als Mutter einer umfangreichen und vielfältigen Familie, die zudem als Bürgermeisterin und Gouverneurin Regierungserfahrung habe und mithin wisse, dass man nur durch das Senken von Steuern und durch den Abbau der Bürokratie Wirtschaftswachstum erreiche und mehr Jobs schaffe. Sie verfocht angesichts hoher Benzinpreise die Idee der „Energieunabhängigkeit“ mittels Öl- und Gasbohrungen im heimischen Boden sowie durch die Förderung erneuerbarer Energiequellen. Und sie zeigte sich schließlich im außenpolitischen Teil der Debatte als Anhängerin der Theorie vom amerikanischen Exzeptionalismus, wonach die Vereinigten Staaten mit starken Überzeugungen über Freiheit und Demokratie sowie mit einer starken Streitmacht in der Welt viel Gutes tun könnten.
Dagegen würden die Demokraten und deren Kandidat Barack Obama mit ihrer Forderung nach einem raschen Rückzug aus dem Irak „die weiße Fahne der Kapitulation“ aufziehen und mit dem Angebot zu Gesprächen mit den Staatschefs von Schurkenstaaten wie Iran, Kuba oder Venezuela naive und zudem gefährlich Positionen vertreten. Mehrfach erwähnte Frau Palin Ronald Reagan als den Säulenheiligen eines Glaubens an die Idee der Freiheit, die es in der Wirtschafts- wie in der Außenpolitik entschlossen zu verteidigen gelte: Gerade in Zeiten der Verstaatlichung großer Banken und Versicherungen, zu welcher beide Kammern des Kongresses diese Woche vielleicht doch noch ihre Zustimmung geben könnten, ausgerechnet Reagans Mantra von der Regierung als Teil des Problems und nicht der Lösung zu wiederholen, war ein populistisches, vielleicht aber auch populäres Postulat.
Wahrscheinlich Bidens bester Auftritt
Dagegen vertrat Senator Joseph Biden in seinem wahrscheinlich besten Auftritt bei einer Debatte überzeugend die wirtschafts-, energie- und außenpolitischen Positionen des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und beschrieb John McCain ein ums andere Mal als eine Art politischen Klon des historisch beispiellos unpopulären Präsidenten George W. Bush. Und er zeigte zugleich menschliche Größe und politischen Instinkt, indem er seiner Widersacherin eine peinliche Namensverwechslung durchgehen ließ statt sie oberlehrerhaft zu korrigieren: Palin hatte den amerikanischen Kommandeur der Nato-Stabilisierungstruppe in Afghanistan gleich zwei Mal McClellan genannt, obwohl der Mann McKiernan heißt.
Im ersten Teil der Debatte, der sich der Wirtschaftspolitik im Allgemeinen und der gegenwärtigen Finanzkrise im Besonderen widmete, warf Biden der Regierung Bush vor, mit der „schlechtesten Finanzpolitik, die wir je hatten“, die gegenwärtige Krise direkt verursacht zu haben. Er verteidigte die geplante höhere Besteuerung von Jahreseinkommen von mehr als 250.000 Dollar als Gebot der Fairness und geißelte die Steuernachlässe der republikanischen Regierung für die Ölmultis.
Nachsichtig mit Palin, aggressiv gegen McCain
Doch vor allem im zweiten Teil der Debatte, bei dem es um die Außen- und Sicherheitspolitik ging, zeigte sich Biden in Fragen zum Irak, zu Afghanistan und Pakistan, zu Iran und Israel jederzeit auf der Höhe der Details, ohne in seinen alten Fehler des langatmigen Dozierens zu verfallen. Biden gelobte, unter einem Präsidenten Obama werde es eine Abkehr von der Bush-Doktrin des präemptiven Krieges geben. Die Diplomatie werde ihr angestammtes Recht als Primat jeder amerikanischen Außenpolitik zurückerhalten, gemeinsam mit Partnern und Verbündeten würden Staaten wie Iran und Nordkorea mit den Mitteln direkter Gespräche und multilateraler Sanktionsdrohungen am Erwerb und an der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen gehindert.
Biden vermied es, Sarah Palin direkt anzugreifen, stattdessen schleuderte er alle Pfeile gegen den Präsidentschaftskandidaten John McCain, der zwar über viel Erfahrung verfüge, aber bei den Kriegen im Irak und in Afghanistan jeweils das falsche Urteil gefällt habe. Zu einem Zeitplan für einen Abzug aus dem Irak und zur Entsendung zusätzlicher Truppen nach Afghanistan gebe es keine Alternative, sagte Biden und erinnerte gleich mehrfach daran, dass der falsche Krieg im Irak alle sieben Wochen soviel Geld verschlinge wie für den richtigen Kampf gegen die Taliban und Al Qaida sowie zur Befriedung Afghanistans in mehr als sieben Jahren ausgegeben worden sei. „Wir werden den Krieg im Irak beenden“, versprach Biden, „mit John McCain aber ist kein Ende in Sicht.“
Deklamationsshow statt Debatte
Palin versuchte die hämmernde Kritik Bidens an McCain als rückwärtsgewandtes Vorwurfshochamt zu entkräften, das einem Kandidatenpaar, das sich den Wandel auf die Fahnen geschrieben habe, schlecht anstehe. Wesentlich häufiger als Biden, der sich mit seinen Antworten meist direkt an die Moderatorin Gwen Ifill wandte, sprach Frau Palin direkt in die Kamera und sprach damit - wie sie selbst sagte - unter „Umgehung des Filters der Medien“ direkt zum amerikanischen Volk. Das war ein effizientes Mittel, um sich den Millionen Fernsehzuschauern, die eben nicht Teil des Medienrummels um die Präsidentenwahlen sind, bekannt zu machen.
Überhaupt verdienen Veranstaltungen wie jene vom vergangenen Freitag mit Barack Obama und John McCain sowie diese von der Nacht zu diesem Freitag nicht (mehr) den Namen „Debatte“: Es handelt sich um das Verkünden ausführlich einstudierter Schlagwortsätze, die mit den gestellten Fragen nur in einem vagen Zusammenhang stehen. Dabei zeigten sich Joseph Biden wie Sarah Palin vollkommen auf der Höhe ihres Könnens. Wahlentscheidend sind solche Fertigkeiten der „running mates“ noch nie gewesen.
Einmal ein nicht allzu parteiischer Beitrag
Matthias Hühn (matthiashuehn)
- 03.10.2008, 09:53 Uhr
Palin
Dieter Erkelenz (d.erkelenz)
- 03.10.2008, 10:19 Uhr
Palin wischte mit Biden den Boden
Andreas Brecht (andreasbt)
- 03.10.2008, 12:04 Uhr
Eine Siegerin und ein selbsternannter Sieger
Josef Bujtor (Mramorak)
- 03.10.2008, 13:23 Uhr
Optimum
joachim bovier (jbovier)
- 03.10.2008, 13:52 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge