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Reaktionen in Berlin Wettlauf der Gratulanten

05.11.2008 ·  Erst als in Washington die Wecker klingelten, wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel dem künftigen amerikanischen Präsidenten öffentlich gratulieren. Zuvor versicherte Bundespräsident Horst Köhler Barack Obama, dass er „auf Deutschland als einen verlässlichen Partner“ zählen könne.

Von Wulf Schmiese, Berlin
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Erst als in Washington die Wecker klingelten, wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel dem künftigen amerikanischen Präsidenten Barack Obama öffentlich gratulieren. Um 13 Uhr deutscher Zeit, an Amerikas Ostküste war es nun 6 Uhr am Morgen, gab sie ihr Statement im Foyer des Bundeskanzleramts.

Sie gratulierte Obama zu seinem „historischen Wahlsieg“. Sie werde rasch das Gespräch mit Obama suchen, sagte Merkel am Mittwoch in Berlin. „Auf der Grundlage tiefer Freundschaft und Partnerschaft wird man die Probleme, die anstehen, lösen können“, sagte Frau Merkel. Die Kanzlerin zählte dazu die Finanzmarktkrise, die Bekämpfung des Terrorismus, den Klimaschutz und den freien Welthandel. „Wir werden das tun in dem Geist, dass keiner alleine heute die Probleme der gesamten Welt lösen kann.“ Deutschland wünsche sich ein starkes Amerika, sagte Frau Merkel.

Andere im politischen Berlin hatten es eiliger. Einer der ersten, der ein Mikrofon suchte war Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Um 7:45 Uhr trat er vor die Kameras. Er hatte sich schon während des amerikanischen Wahlkampfs als Anhänger Obamas dargestellt, indem er die Kanzlerin öffentlich rügte, weil ihr Obamas Wahlkampfpläne während seines Deutschlandbesuchs Ende Juli missfielen. Steinmeier sagte damals, er hätte nichts gegen einen Auftritt des Demokraten vor dem Brandenburger Tor gehabt. Die SPD hatte leichtes Spiel, die Bundeskanzlerin als kleinkariert darzustellen. Obama, so sollte die Botschaft der Sozialdemokraten lauten, ist unser Mann. Wohl auch deshalb erinnerte SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier gleich in seiner Gratulation an Obamas Deutschlandbesuch.

Steinmeier: „Ein Mann, der zuhören kann“

„Amerika hat den Wechsel gewählt, innenpolitisch wie außenpolitisch“, sagte er am frühen Mittwochmorgen in Berlin. Obama habe ja bereits in seiner Berliner Rede dafür plädiert, die transatlantische Partnerschaft mit neuem Leben zu füllen. Steinmeier sagte, er unterstützte Obamas Vorschläge zu Klimaschutz, Energiesicherheit, Abrüstung und zur Rolle der internationalen Organisationen - im Grunde also zu allem. Er gab sich als alten Bekannten Obamas, obgleich er ihn bisher erst zweimal gesprochen hat.

„Ich habe Barack Obama als einen Mann kennengelernt, der Schwierigkeiten überwindet, der zusammen führt, der zuhören kann und der am Ende sehr besonnen, sehr souverän und sehr überlegt handeln kann“, lobte Steinmeier.

„Deutschland bleibt ein verlässlicher Partner“

Kanzlerin Merkel hatte da schon ihre Glückwünsche nach Washington schriftlich übermittelt, in denen auch sie sich auf den Berlin-Besuch beruft: „Gerne erinnere ich mich an unser Gespräch während Ihres Deutschland-Besuches im vergangenen Juli und freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“ Die Welt stehe zu Beginn der Amtszeit Obamas vor bedeutenden Herausforderungen. Sie sei überzeugt, schrieb die Kanzlerin, dass Amerika und Europa in „enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit“ den neuartigen Gefahren und Risiken entschlossen begegnen.

„Seien Sie überzeugt“, sicherte Frau Merkel Obama zu, „dass sich meine Regierung stets der Bedeutung und des Wertes der transatlantischen Partnerschaft für unsere gemeinsame Zukunft bewusst ist“. Doch die Rangreihenfolge in Deutschland gebot, dass vor dem Glückwunsch der Kanzlerin die Gratulation des Bundespräsidenten erfolgte. „Sehr geehrte Herr Senator“, beginnt das Telegramm von Horst Köhler an Obama, indem auch er versichert, dass er „auf Deutschland als einen verlässlichen Partner“ zählen könne. Köhler schreibt auch deutlich, was als Mahnung für Obama wie auch als Nachtritt für den scheidenden Präsidenten George Bush verstanden werden kann: „Eine kooperative Weltpolitik birgt die Chance, das Wohl aller zu mehren.“

„Grosse Aufgaben sind nur gemeinsam zu bewältigen“

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), nannte die Freude der Amerikaner über den Wahlsieg „bewegend“ und sprach bereits von einer „Last“, die Obama spüren müsse bei all den Erwartungen an ihn. Für die CDU, die sich seit Adenauers Westbindung als die Partei der Transatlantiker versteht, gratulierte Generalsekretär Pofalla morgens um neun. Sehr konkret wurde er nicht: Amerika sei „als Partner und Freund für unser Land unverzichtbar“, schrieb er. „Die Union ist überzeugt, dass Barack Obama die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit freundschaftlich und intensiv fortsetzen wird.“

Auf mehr Zusammenarbeit setzen alle. „Grosse Aufgaben sind nur gemeinsam zu bewältigen“, sagt der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Gert Weisskirchen. „Die erste Wahl eines Schwarzen zum amerikanischen Präsidenten bedeutet nicht nur für Amerika, sondern für die ganze Welt einen grossen Sieg im Kampf gegen Rassendiskriminierung“, jubeln die der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Walter Kolbow und der zustaendige Berichterstatter Niels Annen. Sie aber loben auch den Verlierer: John McCain habe sich als „würdiger Verlierer“ gezeigt und seine Bereitschaft erklärt, Obama zu unterstützen.

„Demonstration der Selbstheilungskräfte der amerikanischen Demokratie“

Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Peter Ramsauer, sagte, er glaube, dass sich mit der Wahl Obamas der Wunsch der meisten Amerikaner und der meisten Menschen in der Welt nach Änderung der amerikanischen Poltitik durchgesetzt habe.

FDP-Außenpolitiker Werner Hoyer sieht in Obamas Sieg „eine Demonstration der Selbstheilungskräfte der amerikanischen Demokratie, die fast überdeutlich auf das zuletzt auch in der Wirtschaftspolitik grandiose Scheitern der Administration von George W. Bush reagiert hat“.

Die Fraktionsführer der Grünen im Bundestag, Fritz Kuhn und Renate Künsast, sehen in Obama „die Chance für mehr Demokratie“. Sie fordern „das Ende von Guantánamo, und für mehr Gerechtigkeit weltweit, etwa durch eine internationale Klimavereinbarung“. Der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin hofft auf einen grundlegenden Politikwandel, mit dem die Chancen gewachsen seien, „die globalen Krisen von der Finanzmarktkrise über den Klimawandel bis zur Nahrungskrise gemeinsam zu bewältigen“. An Pathos spart der sonst eher zurückhaltende Grüne dabei nicht: „Heute zeigen sie der Welt ihr neues und demokratisches Gesicht.“ Obama sei es gelungen, „mit einer beispiellosen Mobilisierung viele amerikanische Wähler, darunter viele Jung- und Erstwähler, für seine Politik zu gewinnen“. International würde sich Amerika nun „als multilateraler Akteur zurückmelden - interessenbewusst aber bereit zu mehr Kooperation“, mutmaßt Trittin.

Die Partei „Die Linke“ gratulierte Obama ebenfalls zum Wahlsieg. Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, Gregor Gysi, nannte die Wahl von Obama ein „Jahrtausend-Ereignis“. Und obwohl es auf die Familiengeschichte Obamas gar nicht zutrifft, sagte Gysi, die Schwarzen seien als Sklaven nach Amerika gebracht worden, nun stellten sie den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

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