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Präsident Obama Der Tag, als Washington den Schwarzen gehörte

20.01.2009 ·  Vor allem Schwarze aus allen Teilen Amerikas kamen nach Washington, um Obamas Amtseinführung zu erleben. Bis auf eine kleine Panne beim Amtseid verlief alles geordnet. Nur Dick Cheney musste im Rollstuhl kommen.

Von Matthias Rüb, Washington
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Es war vielleicht der schönste und fast ein zarter Augenblick einer historischen Zeremonie: Barack Hussein Obama, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten verhaspelte sich beim Sprechen des Amtseids, dessen Text ihm der Vorsitzende des Obersten Gerichts, John Roberts, ein paar Sekunden zuvor vorgesprochen hatte.

Es mochte ein Anflug von Nervosität bei einem gerade einmal 47 Jahre alten Mann gewesen sein, der seinen beispiellosen Aufstieg in das höchste politische Amt des mächtigsten Staates der Welt ohne Fehltritt und scheinbar ohne innere Erregung gemeistert hatte.

Die Hand auf der Bibel Lincolns

Kaum war der Amtseid gesprochen, kaum war das verlegene Lächeln verflogen, kaum waren die ersten Jubelrufe der unüberschaubaren, wohl mehr als eine Million Menschen zählenden Menge verstummt, die sich über gut drei Kilometer vom Kapitol über das „Washington Monument“ bis zum „Lincoln Memorial“ erstreckte, gewann Obama seine Sicherheit wieder und verlas seine kraftvolle „Inaugural Address“, eine Freiheitspredigt in der seit 220 Jahren währenden Tradition von Reden amerikanischer Präsidenten zu ihrer Amtseinführung.

Und wie sehr er sich als Teil dieser großen Tradition versteht, zeigte Obama auch dadurch, dass er beim Amtseid seine linke Hand auf die Bibel Abraham Lincolns legte, die seine Frau Michelle hielt.

Zuvor hatte Vizepräsident Joseph Biden seinen Amtseid abgelegt. Der konservative evangelikale Pastor Rick Warren hatte ein alle Religionen und Konfessionen und auch alle Ungläubigen einschließendes Eingangsgebet gesprochen. Die Gospel-Sängerin Aretha Franklin hatte die Hymne „My Country ‘Tis of Thee“ als Gospel und nicht als Hymne gesungen.

Platz für Lächeln und Misstritte

Und die ehemaligen Präsidenten Jimmy Carter, George H.W. Bush und Bill Clinton und ihre Frauen sowie der bis eine Sekunde vor zwölf Uhr mittags noch amtierende Präsident George W. Bush und seine Frau Laura waren feierlich die Stufen der am Westportal des Kapitols aufgebauten Tribüne herabgeschritten und hatten ihre Plätze eingenommen.

Es war ein erhabenes Schauspiel, aber es war nicht steif, sondern ließ für Lächeln und den einen oder anderen Misstritt Platz. Das öffentliche Schauspiel war auf die Sekunde genau durchgeplant und häufte im Laufe der Zeit doch einige Minuten Verspätung an. So kam es, dass Barack Obama schon laut Verfassung pünktlich um zwölf Uhr mittags der 44. Präsident war, obwohl er zu diesem Zeitpunkt seinen Amtseid noch nicht geleistet hatte.

In seiner Rede mahnte Obama, die künftige Regierung der Vereinigten Staaten müsse das Vertrauen des Volkes wiedergewinnen. Bei der Lösung der Wirtschaftskrise gehe es nicht um die grundsätzliche Entscheidungswahl zwischen mehr Staat oder mehr Markt. Vielmehr gehe es darum, die großen Probleme gemeinsam in den Griff zu bekommen. In der gegenwärtigen Krise gehe es darum, zusammenzustehen und „Hoffnung über Angst, Einigkeit im Ziel über Konflikt und Zwietracht“ zu stellen. Die Herausforderungen könnten nicht in kurzer Zeit bewältigt werden, aber sie würden bewältigt werden, dessen könne Amerika gewiss sein.

Washington gehört den Schwarzen

Wahrscheinlich wird es nie verlässliche Statistiken geben über die öffentliche Anteilnahme an der Amtseinführung Barack Obamas. Waren es die erwarteten zwei Millionen Menschen, die gekommen waren oder war es doch nur eine Million? Und: Wieviele Schwarze waren unter den Zuschauern, die zur „National Mall“ kamen?

Der Augenschein legte nahe, dass es nicht nur mehr als je zuvor bei der Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten waren. Womöglich stellten „African Americans“ sogar die Mehrheit der Zuschauer, die dick vermummt und fähnchenschwingend und mit unendlicher Geduld die Mühen der Anfahrt, die Sicherheitskontrollen und die Kälte über sich ergehen ließen.

Es war, als gehörte Washington am Tag der historischen Vereidigung des ersten schwarzen Präsidenten den Schwarzen. Und das nicht nur in dem Sinne, dass Schwarze im Hauptstadtdistrikt Washington seit vielen Jahren die Mehrheit stellen - derzeit mit knapp 56 Prozent der etwa 590.000 Einwohner. Sondern dass sich ihnen, dass sich einem von ihnen das Zentrum der Macht, das Weiße Haus als Arbeits- und Wohnstätte geöffnet hat. Die Amtseinführung auf der Mall in Washington machte klar, wie bedeutend es für die Schwarzen Amerikas ist, dass der dieser Tage allseits beschworene „Traum“ Martin Luther Kings in Gestalt Barack Obama als dem 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten wahr geworden ist.

Cheney im Rollstuhl

So sagten es die schwarzen Schüler einer High School aus Atlanta in Georgia, die mit dem Bus heraufgefahren sind und alle schwarze Pullover mit der Aufschrift „Obama“ tragen. So sagte es die Frau aus Nashville in Tennessee, die immerhin geflogen ist und bei einer Bekannten untergekommen ist; auch sie trägt einen Obama-Anstecker.

Und zugleich war die Einmaligkeit des Augenblicks in die immergleiche Zeremonie der Amtsübergabe eingebettet. Alles war bestens organisiert, am Ende war vom befürchteten Chaos nichts zu sehen. Am Morgen waren Michelle und Barack Obama sowie Jill und Joe Biden in die „St.-Johns“-Kirche gegenüber dem Weißen Haus gegangen. Anschließend hatte es den traditionellen Morgenkaffee im Weißen Haus gegeben - zum letzten Mal mit Laura und George W. Bush als Gastgeber.

Vizepräsident Dick Cheney musste seine letzte Veranstaltung als Träger dieses Amtes auf den Stufen des Kapitols im Rollstuhl sitzend absolvieren, weil er sich beim Kartontragen im neuen Privatdomizil in Virginia den Rücken vertan hatte. Es mochte viele von jenen zusätzlich erheitert haben, die den geordneten, mit Glanz und Gloria gefeierten Amtswechsel vom 43. auf den 44. Präsidenten schon lange herbeigesehnt hatten.

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