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Obamas Wirtschaftsberater Der alte Mann und das Geld

11.11.2008 ·  Paul Volcker ist der neue Star im Obama-Team. Er war Vorgänger von Alan Greenspan an der Spitze der amerikanischen Notenbank. Vor 30 Jahren hat er Amerika schon einmal aus der Krise geführt. Früh hat er vor der heutigen Misere gewarnt.

Von Winand von Petersdorff
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Gelegentlich spielen in amerikanischen Schwarzweißfilmen ältere Bürofiguren mit Ärmelschonern und Stirnblenden eine Rolle, die ihre gespitzten Bleistifte hinter Zahlenkolonnen setzen. Sie stehen für Pessimismus und Prinzipientreue, für Loyalität und Langeweile, für Sorgfalt und Spießigkeit.

Ihre dramaturgische Aufgabe beschränkt sich meistens darauf, jenen blassen Hintergrund zu verkörpern, vor dem die männlichen Hauptfiguren besonders hervorstechen können. Die Stars wiederum sind in den amerikanischen Filmen jenes Genres immer unerschütterlich optimistische Männer, die prima aussehen, mit Genieblitzen unerwartete Erfolge einheimsen und am Ende die widerspenstigen Blondinen knutschen dürfen.

Jetzt allerdings verdichten sich die Hinweise, dass die Ära der Superstars zu Ende geht. Die Welt, die Finanzwelt zumal, ist ihrer Kreativität, ihrer Umtriebigkeit und ihres Erfolgshungers überdrüssig. Die Tugenden eines anständigen Büroangestellten, Loyalität, Prinzipienfestigkeit und Sorgfalt, gerne mit einer Prise Pessimismus versehen, sind en vogue.

Seine Kernkompetenz ist die Geldpolitik

Die Zeit ist gekommen für Paul Volcker, den Spross einer Beamtenfamilie aus New Jersey, langjährigen Chef der amerikanischen Notenbank und Verfechter geldpolitischer Disziplin.

Die Idee von einem Mann, wie er jetzt dringend gebraucht wird, verkörpert keiner besser als er. Ein "Financial Times"-Redakteur hat einmal ein Treffen mit Volcker in einem New Yorker Luxushotel beschrieben. Volcker konnte es nicht fassen, dass das Hotel rund 50 Dollar für Tee und Gebäck verlangte. Journalist und Ökonom teilten schließlich Gedeck und Rechnung.

Als Mensch steht er für Bescheidenheit im Grenzgebiet des Geizes und für Unbestechlichkeit, seine Kernkompetenz ist die Geldpolitik, sein Programm heißt Regulierung, und das schon ziemlich lange. Auf die richtige politische Karte hat er auch noch gesetzt.

Der Einzige im Obama-Team, der vor dem Börsencrash 1929 geboren wurde

Er gehört seit dem Frühjahr zum engen Beraterkreis von Barack Obama, der von Januar an Amerika regieren wird. Als angenehm in seinem Lebenslauf wird auch gesehen, dass er nicht zu den Goldman-Sachs-Millionären zählt, die zuletzt an den Schaltstellen der amerikanischen Finanzpolitik überrepräsentiert waren. Er war zwar auch Banker, aber meistens doch ein echter Staatsdiener.

Eine einzige Kleinigkeit hält Beobachter davon ab, ihn als den kommenden Mann der amerikanischen Finanzpolitik zu sehen. Er ist schon 81 Jahre alt und ist damit wahrscheinlich der Einzige im Obama-Team, der vor dem Börsencrash 1929 das Licht der Welt erblickte. Das ist lange her. In diesem Jahr ist er kaum zu bremsen.

"Nach 30 Jahren im Regierungsdienst unter fünf Präsidenten hatte ich gezögert, mich in Wahlkämpfen zu engagieren. Jetzt ist Zeit, diese Zurückhaltung aufzugeben", sagte er, als er zum Obama-Team stieß. Angesichts der globalen Herausforderungen sei jetzt Führungskraft gefragt. Deshalb stehe er bereit. Selbstbewusst, diese Deutung erlaubt das Statement, ist Volcker auch.

Volcker: Finanzsystem hat „Markttest nicht bestanden“

Als Obama nach dem Wahlsieg in dieser Woche seine engsten Berater zusammenholte, gehörte er dazu. Mit einer Nebenrolle begnügt er sich nicht. Er wird ein wichtiges Wort mitreden. Seine Einstellung zur aktuellen Entwicklung lässt sich bestens aus einem Vortrag ablesen, den er im April 2008 vor dem Economic Club New York hielt. Es war eine einmalige Abrechnung mit der Finanzwelt.

Die habe sich zu einem hochkomplizierten System entwickelt, das zu seinem größten Teil außerhalb staatlicher Kontrolle stehe. Zwar hat es, so Volcker, riesige Gewinne abgeworfen. Doch fehle der Nachweis, dass die neue Finanzwelt der Volkswirtschaft und der Gesellschaft insgesamt genützt habe. Wachstum und Produktivität entsprächen den Kennzahlen der 50er und 60er Jahre, nur dass damals der Reichtum besser verteilt war.

Und dann kommt jener Satz, der wie eine Nadel in eine große Blase sticht: "Einfach ausgedrückt: Das glänzende neue Finanzsystem mit all seinen brillanten Akteuren und seinen großen Vergütungen hat den Markttest nicht bestanden."

Mit diesem Satz bewies Volcker nicht nur eine klare Vorstellung von der Nützlichkeit von HedgeFonds und anderen Schattenbanken, sondern auch die Bereitschaft, an jenem Abend Leute zu ärgern, welche die Cocktails bezahlen. Der Milliardär Peter Petersen, Chairman und Mitbegründer der berüchtigten Private-Equity-Gesellschaft Blackstone, saß im Publikum, ohne seine Branche zu verteidigen.

Der Aufstieg Volckers verläuft synchron mit dem Niedergang Alan Greenspans

Die Begebenheit illustriert einen Stimmungswandel und einen Wachwechsel zugleich. Denn der Aufstieg Volckers verläuft synchron mit dem Niedergang Alan Greenspans, dem heute ein Teil der Verantwortung für die globale Misere zugeschoben wird. Noch vor zwei Jahren zum Abschied aus dem Amt des amerikanischen Notenbank-Chefs überschlug sich die Finanzwelt in Lob und Ehrerbietung. Heute ist der Magier komplett entzaubert.

Greenspans Politik des billigen Geldes gilt heute als verfehlt, seinen Widerstand gegen die Regulierung von Derivaten hat er inzwischen selbst als Fehler bezeichnet. Und nicht wenige, vor allem europäische Zentralbanker nehmen ihm übel, dass er durch seine Politik die Unabhängigkeit der Fed gefährdet hat.

Ihr Mann ist Volcker, der Anti-Star. Als Greenspans Vorgänger an der Spitze der amerikanischen Notenbank bekämpfte er Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre die Inflation so konsequent und radikal, dass die Vereinigten Staaten kurz in eine Rezession rutschten. Die Leitzinsen lagen damals bei 17 Prozent. Zum Vergleich: Die aktuellen Leitzinsen der Europäischen Zentralbank betragen seit dieser Woche 3,25 Prozent.

Volcker vertrieb nicht nur Amerikas dramatische Inflation, er bestand die wahre Feuerprobe für einen Zentralbanker: gegen heftigen parteipolitischen Druck die Geldwertstabilität zu bewahren.

Vor allem Anhänger einer unabhängigen Geldpolitik setzen auf Volcker

Seine Geldpolitik war "Wahlurnengift", schrieb ein Carter-Berater später. Der damalige demokratische Präsident Jimmy Carter verlor die Wahl gegen den Republikaner Ronald Reagan. Einige demokratische Politiker haben Volcker das lange übelgenommen. Reagan hielt bis 1987 an ihm fest, um ihn dann durch Greenspan zu ersetzen.

Die Not muss ziemlich groß sein. Denn jetzt ist er wieder da und zeigt schon Wirkung. Obama sollte die Fed reorganisieren, von politischen Einflüssen immunisieren und eine Person für die Führung bestimmen, die den Volcker gibt, lautet eine Forderung.

Dahinter steckt eine tiefe Sorge, die von Zentralbankern in der ganzen Welt geteilt wird. In der Finanzkrise hat die amerikanische Zentralbank Aufgaben übernommen, die mit ihrem klassischen Geschäft als Versorger der Geschäftsbanken mit Liquidität und als Wahrer des stabilen Geldes nichts mehr zu tun hatten. Die Fed stützte Nicht-Banken und machte sich an der Seite der amerikanischen Regierung daran, das Finanzsystem zu retten.

Der aktuelle Fed-Chef Ben Bernanke bestimmt nicht mehr, er reagiert auf dramatische Entwicklungen unter extremem Zeitdruck. Waren Bernankes Rettungsaktionen opportun?, wurde Volcker jüngst gefragt. Ja, sagte der alte Mann diplomatisch, unter den obwaltenden Bedingungen blieben Bernanke wohl kaum Alternativen. Aber haben die Maßnahmen der Institution Zentralbank genützt? Hier lautet die klare Antwort Volckers: Nein. Im Eifer der Rettungsversuche konnte die Fed nicht mehr neutral bleiben.

Nun droht die Gefahr, dass die Notenbank in eine stimulierende Wirtschaftspolitik der neuen Administration in Washington eingebunden wird.

Davor sei Volcker, wünschen sich vor allem Anhänger einer unabhängigen Geldpolitik. Die Hoffnung ist groß. Er ist 81 Jahre alt und hat nichts zu verlieren außer seiner Reputation. Zudem ist er zwei Meter groß und damit, wie es ein Direktor der Europäischen Zentralbank formuliert: To tall to fail. Zu groß, um zu scheitern.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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