Home
http://www.faz.net/-gd1-y5bt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Obamas Stabsschef Der Durchsetzer

08.11.2008 ·  Er gilt als brillanter Kopf, der gleichzeitig berüchtigt ist wegen seiner Schärfe: Rahm Emanuel, der künftige Stabsschef im Weißen Haus. Doch schon Obamas demokratischer Vorgänger Bill Clinton schätzte Emanuels pragmatischen politischen Instinkt.

Von Matthias Rüb
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (5)

Den besten Witz über den künftigen Stabschef im Weißen Haus hat wahrscheinlich dessen Vorgesetzter selbst gemacht. Seit sich Rahm Emanuel, so erzählte Barack Obama kürzlich bei einem Spenden-Dinner in Chicago, versehentlich den Mittelfinger abgeschnitten habe, sei er praktisch verstummt. Denn wenn auch nur ein Bruchteil der Geschichten stimmt, die über den Führungsstil Emanuels kursieren, dann gehört dieser Teil der Hand offenbar zu seinen bevorzugten Kommunikationsinstrumenten. Einem einstigen Mitstreiter, mit dem er sich überworfen hatte, soll Emanuel per Post einen verrottenden Fisch zugesandt haben.

Emanuel wurde am 29. November 1959 als Sohn des aus Jerusalem stammenden jüdischen Einwanderers Benjamin Emanuel, der später Kinderarzt wurde, und von dessen Frau Martha Smulevitz, der Tochter eines örtlichen Gewerkschaftsführers, in Chicago geboren. Zur Politik fand Emanuel bald nach dem Studium, er arbeitete in den Stäben von Senator Paul Simon und Bürgermeister Richard M. Dailey, ehe er den Weg nach Washington fand. Während des Golfkrieges 1991 ging er als ziviler Freiwilliger nach Israel, um das Heimatland des Vaters gegen Saddam Husseins Raketenangriffe schützen zu helfen. Die enthusiastische und schon damals instinktsichere Mitarbeit im Wahlkampfteam des damaligen Gouverneurs aus Arkansas, Bill Clinton, vergalt der spätere Präsident Emanuel mit wichtigen Posten im Beraterteam des Weißen Hauses.

Brillanter Kopf, eiserner Triathlet

Noch vor dem Ende der Clinton-Ära wechselte Emanuel in die Privatwirtschaft und reüssierte von 1999 bis 2002 als Investmentbanker in Chicago. Die Rückkehr des bald millionenschweren Bankers in die Politik verlief reibungslos: 2002 eroberte Emanuel einen sicheren Sitz der Demokraten in der Chicagoer North Side. Binnen kurzem stieg er zu einem der effektivsten Abgeordneten im Repräsentantenhaus auf, bekam einen der begehrten Sitze im Haushaltsausschuss und wurde als Organisator und Spendensammler zum Architekten des Wahlsieges der Demokraten bei den Kongresswahlen 2006.

Emanuel, der als Lieblingssport Triathlon betreibt, ist dafür bekannt, dass er im politischen Kampf nicht nur seinen brillanten Kopf, sondern auch seine Ellenbogen einsetzt. Obwohl er selbst zum linken „Chicago-Flügel“ der Partei gehört, rekrutierte Emanuel im Süden und Westen des Landes viele gemäßigte Demokraten, um bei den Wahlen von 2006 und 2008 den Republikanern dutzendweise Sitze im Repräsentantenhaus und im Senat zu entreißen.

Seit Emanuel Vater dreier kleiner Kinder ist, soll er eine „weichere“ Seite in der politischen Auseinandersetzung entwickelt haben. Mit Obamas wichtigstem Berater und Wahlkampfstrategen David Axelrod ist Emanuel seit zwanzig Jahren befreundet. „Niemand ist besser dafür geeignet, Dinge zu erledigen, als Rahm Emanuel“, heißt es in einer Mitteilung Obamas zur Ernennung seines künftigen Stabschefs.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

Jüngste Beiträge