27.10.2008 · Nicht allein, dass ein Schwarzer amerikanischer Präsidentschaftskandidat werden konnte, ist eine Sensation, verblüffender ist die Tatsache, dass ein echter Erwachsener als Favorit ins Rennen geht. Andererseits: Obamas Politikstil wirkt neu, nutzt aber uralte Tricks.
Von Nils MinkmarSeit über zwei Jahren begleitet uns der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf. Nahezu jeden Tag lesen wir von Spendenrekorden, Umfragen und diesen oder jenen kleinen Äußerungen. Der enge Fokus der aktuellen Berichterstattung führt dazu, dass sich die große historische Szene in einzelne Pixel auflöst: Am Ende eines Tages bleibt ein irrer Film aus Sarah-Palin-Sätzen, Grafiken und demoskopischen Fragmenten auf dem Inneren der Augenlider und ein fernes Summen in den Ohren, als erleide man einen politischen Schwindelanfall aus Überforderung.
Man merkt gar nicht, wie sehr schon dieser ewige, unermüdlich tobende Wahlkampf - der erste preisende Text zu Barack Obama erschien in diesem Feuilleton bereits am 4. Februar 2007 - uns schon jetzt verändert hat: Nicht allein, dass ein Schwarzer so weit kommen kann, ist eine Sensation, verblüffender ist heutzutage die Tatsache, dass ein Erwachsener zum Favoriten in so einem Rennen werden kann: Barack Obama sieht nicht aus wie ein frühvergreistes Kind, und er benimmt sich auch nicht so: keine Anfälle, keine Sucht nach irgendeinem Zeug, nach Kohle und berühmten Freunden, nicht dieses ewige Posieren, nicht diese Lügen.
Probleme mit der Rolle als Ehemann und Vater
Obama bricht damit mit einer Tradition, die schon Max Frischs „Homo Faber“ auf den Wecker ging: das Dauergegrinse und Babyhochhalten, die ganze Albernheit der Politik, wenn sie Spendengelder und Fernsehbilder braucht. Noch Bill Clinton hat im Wahlkampf sein Saxophon hervorgeholt und auf MTV eine Frage nach seiner bevorzugten Unterwäsche beantwortet. Und aus brenzligen Situationen, die es ja schon früh gab, hat er sich mit Lügen gerettet, wie es auch Kinder tun. Seine Unreife auch im Großvateralter war ein Grund, weshalb wichtige Spender sich von Hillary zurückzogen: Wer weiß, welche neuen Eskapaden des jetsettenden Expräsidenten die Gegenseite noch aufdecken könnte? Auch Obamas Rivale John Edwards, ein schon immer wie ein Teenager wirkender Mann, hatte keine Kontrolle über sein Liebesleben und log, dass sich die Balken bogen.
Nun hat auch Obama Probleme mit seiner Rolle als Ehemann und Vater. Insbesondere nach der Geburt des ersten Kindes erwies sich die Idee partnerschaftlicher Aufteilung der Aufgaben schnell als bloße Theorie, in der Praxis war es seine Frau, die ihre Karriere als Anwältin hintanstellte. Die Familie musste eine Tagesmutter einstellen und bezahlen, wodurch das Geld knapp wurde. Es gab Streit. Während er bei seiner Rückkehr von politischen Einsätzen zu Hause Zärtlichkeit und gute Laune erwartete, stand seine Frau mit langen Listen von im Haus zu erledigenden Aufgaben vor ihm. Als er als Senator Fortschritte mit einem Waffenkontrollgesetz machte, rief sie ihn im Kapitol an. Noch bevor er von seinem Erfolg berichten konnte, unterbrach ihn ihr Ruf: „Ameisen!“ Es seien Ameisen im Haus, sie müsse die Kinder zu einem Arzttermin fahren und habe keine Sekunde, sich darum zu kümmern. Könne er sich bitte darum kümmern? Seine Reaktion war, sich zu fragen, ob wohl seine Arbeitskollegen Ted Kennedy und John McCain auch auf dem Heimweg Ameisenfallen kaufen müssten?
John Kerrys fataler Fehler
Wir wissen das alles nicht von irgendwelchen bösen Klatschseiten oder redseligen Haushaltshilfen, sondern von Obama selbst. Er schrieb das in seinem zweiten Buch „Hoffnung wagen“: „Von allen Bereichen meines Lebens zweifle ich am meisten an meinen Fähigkeiten als Ehemann und Vater.“ Dabei ist gerade bei diesem Thema die Lüge, die Fassade, die Präsentation einer angeblich vom Publikum erwarteten Geschichte der Standard.
Obama bringt nichts von dem, was Leute angeblich, nach der Logik der politischen Allgemeinplätze, erwarten. Nirgends wurde das deutlicher als in seiner Ablehnung des Irakkrieges. Noch die Clintons hatten es sich auferlegt, den angeblichen Zweifel der Öffentlichkeit an ihrer militärischen Begeisterung und Führungsstärke durch Anfälle von Übererfüllung zu kompensieren. Es galt als politischer Selbstmord, zumal für eine Senatorin aus New York, den Truppen, die nach Irak entsandt werden sollten, die Unterstützung zu verweigern. Darum war sie zwar gegen den Krieg, stimmte aber für die Bewilligung der entsprechenden Gelder. Es war ein Echo auf John Kerry, dessen Kandidatur gegen den damals schon unbeliebten George W. Bush hoffnungsfroh begonnen hatte, bis er in einem Interview den entscheidenden Satz fallenließ: „Ich habe dafür gestimmt, bevor ich dann dagegen gestimmt habe.“ Sein Berater Robert Shrum schrieb später in seinen Memoiren, er habe genau gewusst, dass dieses Statement die Kandidatur versenken würde. Das, was kein gemeiner Trick der Gegenseite vermocht hatte, vollbrachte nun der Kandidat selber - klar und deutlich und auf Band. Es war das Produkt einer vermurksten politischen Überlegung, vor allem aber einer Arbeitsweise, welche die professionelle Politik pervertiert hat: Was muss ich sagen, damit mich nicht mehr Leute aus meinem Lager hassen, als ich Wähler vom anderen Lager herüberziehe?
Es war Fokusgruppendenken: Veteranen wären vielleicht enttäuscht, wenn ich die Gelder nicht geben wollte, Studenten wären enttäuscht, wenn ich ganz für den Krieg einträte. Die Sache selbst, die Kerry ablehnte, kam gar nicht mehr vor, der Kandidat, das wissen wir wieder von Shrum, verbrachte den halben Wahlkampf am Telefon und fragte halb Amerika, wie er sich verhalten solle.
Obamas Tricks sind uralt
Die andere Seite hatte sich ja längst in ein alternatives Gedankengebäude zurückgezogen, in dem es kein wahr und falsch mehr gab, in dem die Wirklichkeit nicht studiert, sondern konstruiert wurde, von eifrigen Parteigängern. Die Bush- und Cheney-Republikaner haben sich eine Welt ersonnen und leider auch geschaffen, in der - kein Witz - Bewerber um wichtige Posten in der amerikanischen Verwaltung des Iraks in Bagdad danach ausgewählt wurden, wie sie zu Roe versus Wade, dem Abtreibungsurteil des amerikanischen Verfassungsgerichts, stehen.
Obama hat mit dem Wissen, das damals jeder Zeitungsleser hatte, den Krieg abgelehnt und dagegen gestimmt, als ihm kein Demoskop der Welt garantieren konnte, dass sich das als ein besonders cleverer Zug erweisen könnte. Zugleich hat er sich nicht in eine altlinke Aktivistenecke abdrängen lassen. In seiner entscheidenden Rede machte er klar, dass er nicht alle Kriege ablehnt - auch hier zum Entsetzen der Pazifisten unter seinen Anhängern, aber der Sache verpflichtet: Schließlich wäre die Sklaverei in den Vereinigten Staaten nie ohne Sezessionskrieg abgeschafft worden, und auch den Zweiten Weltkrieg hat einer, der in Hawaii aufgewachsen ist, stets im Sinn.
Wenn man im Eifer der Vorfreude gerne ausrufen möchte, dass hier nun ein völlig neuer Politikstil kommt, wäre das falsch. Obamas Tricks sind uralt.
Solon handelt wie die Super Nanny
In einer berühmten Episode aus dem ersten Buch von Herodots „Historien“ wird ein Besuch des weisen Solon bei dem superreichen König Krösus geschildert. Der lässt dem Gast aus Athen das ganze Gold und alle Anwesen zeigen und befragt ihn dann, in einer spontanen Audienz, wen er, der Weise, für den glücklichsten Menschen auf der Welt halte. Herodot: „Das fragte er in der Erwartung, selbst der glücklichste aller Menschen zu sein. Solon aber redet ihm nicht nach dem Mund, sondern hält sich an die Sache“ - und nennt Tellos, einen einfachen Bürger von Athen.
In dieser Operation, der Verschiebung des Schwerpunkts einer Aussage weg von der jeweils sozial erwarteten und hin zu einem dritten Gesichtspunkt, liegt der Beginn bürgerlichen Denkens, und daran knüpft Obama nun an.
Dem allumfassenden und letztlich kindlichen Anspruch des Reichen, der auch noch Herrscher ist und nun noch dazu den Segen eines Weisen möchte - eine Vorform der Berlusconis, Putins und Sarkozys unserer Zeit -, setzt Solon die Idee einer Begrenzung und Mäßigung nach äußeren, heute würde man sagen, empirischen Kriterien entgegen. Nicht der, der an einem Punkt im Leben mal viel zu viel hat, ist glücklich, sondern der, der in einer Gemeinschaft aufgehoben ist, sein Auskommen und Familie hat und sich für eine gemeinsame Sache einsetzt - und all dies ein Leben lang. Solons Urteil entspricht im übrigen exakt den Ergebnissen neuester neurologischer und psychologischer Forschungen. Solon handelt wie die Super Nanny: Man soll nicht direkt nachgeben, sondern eigene Kriterien entwickeln und entsprechende Ansagen machen.
Die beste Voraussetzung für einen Sieg
Politisch ist das Gegenteil die Arbeitsweise von Bush-Berater Karl Rove, einem Meister der schwarzen Soziologie. Rove kann mit genialischer Präzision etwa die Bewohner einer Straße nach ihrer sozioökonomischen und ethnisch-religiösen Zusammensetzung analysieren und daraus wichtige Rückschlüsse auf ihre Weltsicht, Vorlieben und Abneigungen ziehen. Für die von ihm mitkonzipierte Politik bedeutet das dann allerdings, die spezifischen Empfindlichkeiten punktgenau für die eigenen Zwecke zu mobilisieren: Wohnen in einem Viertel viele hispanische Familienväter mit geringer Bildung und Handwerkerstolz, sorgte Roves Team, oft genug ohne sich zu erkennen zu geben, dafür, die Gegenseite als Unterstützer der Schwulenehe darzustellen. Die Irritation über solche Themen überwog, so Roves Ansatz, das rationale Abwägen der eigenen wirtschaftlichen Interessen. Obama sucht hingegen das gemeinsame Dritte in den Fokus zu rücken, das alle verbinden könnte - nämlich ihren Bürgersinn.
Die Erwartungen, um die es in der Solon-Anekdote geht, müssen keinesfalls immer die der Mächtigen sein. Auch die Medien haben im Laufe des langen Wahlkampfs immer wieder Erwartungen an den Kandidaten Obama formuliert, er möge mehr dieses oder jenes, vor allem aber aggressiver sein. Als John McCain die nun berühmt-berüchtigte Sarah Palin produzierte und bald darauf bekannt wurde, dass deren minderjährige Tochter schwanger ist, wäre das eine passende Gelegenheit gewesen, schließlich haben religiöse Republikaner seit Jahr und Tag sexuelle Abstinenz bei Minderjährigen gefördert und vor allem gefordert. Ein gestressterer Wahlkämpfer - und einen amerikanischen Wahlkampf überhaupt physisch so lange durchzuhalten, ist kaum einem Menschen gegeben - hätte sich da schon zu einer Bemerkung hinreißen lassen, zumal seine Leute so etwas von ihm erwartet haben. Obama hingegen erinnerte daran, dass seine Mutter ihn mit achtzehn bekommen habe. Sogar die Gegenseite wertete das als erstaunliche Anmut unter erheblichem Druck.
Es ist schon unfassbar, dass einem in Hawaii und Indonesien aufgewachsenen schwarzen Sohn einer alleinerziehenden Mutter, den vor vier Jahren kaum ein Mensch kannte, nun die Aufgabe zufällt, das weiße Establishment zu retten. Und alle anderen sowieso.
Barack Obama hat seinen Wahlkampf so geführt, dass er ihn verlieren kann, ohne sich schämen und neu erfinden zu müssen. Das ist, in der Politik wie im privaten Leben, die beste Voraussetzung für einen Sieg.
Mann ohne Eigenschaften
Andreas Noreikat (derherold)
- 27.10.2008, 18:36 Uhr
Stimmt!
Thomas Fahrig (tf14)
- 27.10.2008, 19:06 Uhr
Obama, der neue Messias?
Sylvia Fox (SylviaFox)
- 27.10.2008, 19:14 Uhr
Bequeme Entscheidungen
Cato Roman (Lucilius)
- 27.10.2008, 19:25 Uhr
Gratulation!
M. Freidel (Rogriss)
- 27.10.2008, 19:40 Uhr