10.07.2008 · Barack Obama reist noch im Juli nach Europa und in den Nahen Osten. Die Kavalierstour des designierten amerikanischen Präsidentschaftskandidaten soll sein außenpolitisches Profil formen - doch die Stationen bergen Risiken.
Von Matthias Rüb, WashingtonDie Frage, die Amerika angesichts des bevorstehenden Europa- und Nahost-Besuches von Barack Obama wirklich bewegt, lautet: Wird er über den Atlantik laufen? So formulierte es ein konservativer Blogger, und natürlich ist das übertrieben. Aber nur ein bisschen. Während sich jedenfalls die Medien in Deutschland, Frankreich und Großbritannien - den europäischen Stationen von Obamas erster Auslandsreise seit seinem Vorwahlsieg über Hillary Clinton - über Termin und Ablauf der Visite des demokratischen Präsidentschaftskandidaten schon den Kopf zerbrechen, wird dem Besuch in den Vereinigten Staaten selbst bisher allenfalls wegen der Stationen Afghanistan, Irak und Israel Bedeutung beigemessen.
Nach dem gegenwärtigen Informationsstand soll Obama am 18. Juli in London eintreffen, wo er voraussichtlich Premierminister Gordon Brown und den konservativen Oppositionsführer David Cameron trifft, dabei aber möglichst wenig öffentliches Aufsehen verursachen will. Die nächsten inoffiziell bekannten Daten sind der 22. oder 23. Juli in Israel, der 24. Juli in Deutschland sowie der 25. Juli in Paris. Dass zwischen London und Jerusalem eine Lücke klafft, ist auffallend, und es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass Obama in dieser Zeit nach Afghanistan und in den Irak reisen wird.
Obama als „Kandidat der Deutschen“?
Sowohl Obamas Stationen in Europa als auch die im Nahen Osten bergen für den designierten Kandidaten Risiken. Enthusiastische Mengen am Brandenburger Tor (Siehe: Obama vor dem Brandenburger Tor? Doppelter Wahlkampf im Herzen Berlins) oder vor geschichtsträchtigem Hintergrund in Paris könnten dem heimischen Publikum missfallen, auch wenn es derzeit in Berlin und Paris keine offen antiamerikanischen Regierungen mehr gibt: Die Amerikaner haben noch immer den ins Weiße Haus gewählt, den sie wollten, und ganz gewiss nicht den Liebling der Europäer.
Zuletzt musste John Kerry 2004 erfahren, wie schädlich es sein kann, als „Kandidat der Franzosen“ oder gar als „der französische Kandidat“ zu gelten. Für Obama könnte es gefährlicher sein, als er und seine - vom Erfolg der Massenveranstaltungen daheim offenbar erfolgstrunkenen - Wahlkampfmanager es sich bisher ausmalen: Als „Kandidat der Deutschen“ oder gar als „der deutsche Kandidat“ dazustehen, könnte als Parteinahme für einen Nato-Partner dargestellt werden, der selbst im „richtigen Krieg“ in Afghanistan die amerikanischen, britischen, dänischen und kanadischen Truppen im Kampf gegen die wiedererstarkten Taliban und Al Qaida im Süden des Landes im Stich lässt.
Womit Obama sich mitten in einem weiteren politischen Minenfeld befindet, das für ihn noch mehr Gefahren birgt als das europäische. Afghanistan hat Obama noch kein einziges Mal besucht, der einzige Besuch im Irak vom Januar 2006 liegt zweieinhalb Jahre zurück und fällt mithin in die Zeit vor dem „Epochenbruch“ der Truppenverstärkung.
Schwierige Position in der Irak-Debatte
Obamas Haltung zu Afghanistan ist unverändert und konsistent: Er fordert seit langem und bis heute mehr Truppen - amerikanische wie verbündete - für Afghanistan und kann sich durch die jüngsten Entwicklungen in dem Argument bestätigt sehen, der falsche Krieg im Irak habe vom richtigen in Afghanistan Aufmerksamkeit und Ressourcen abgezogen.
Schwieriger ist seine Position in der Debatte über den Irak. Zwar steht weiterhin das Versprechen, im Falle seiner Wahl werde er binnen 16 Monaten alle amerikanischen Soldaten aus dem Irak abziehen. Vor wenigen Tagen hat Obama seine Haltung zu dem geforderten Truppenabzug aber nur leicht modifiziert - und sah sich sogleich einem Sturm der Entrüstung der Parteilinken ausgesetzt.
Obama könnte als Umfaller gebrandmarkt werden
Obama hatte angedeutet, er könne vom 16-Monats-Ziel abrücken, wenn die Kommandeure der amerikanischen Truppen im Irak ihm von einem raschen Abzug abraten würden. Streitet Obama schlechterdings ab, dass es im Irak Fortschritte gab - zumal seit der Truppenverstärkung von Februar 2007 an -, und beharrt auf dem selbstgesetzten Rückzugstermin, müsste er sich von den Republikanern und deren Kandidaten John McCain vorwerfen lassen, er wolle gar keinen jetzt sogar möglich scheinenden Sieg im Irak. Rückt Obama aber zu weit von seiner Haltung ab, kann er als Umfaller gebrandmarkt werden - was sein Gegenspieler McCain schon tut.
Auch der Besuch in Israel ist nicht ohne Risiken. In einer Rede vor dem „American Israel Public Affairs Committee“ sagte Obama Anfang Juni in Washington, Jerusalem dürfe nicht geteilt werden und müsse bei Israel bleiben. Das missfiel verständlicherweise den Palästinensern, während die israelische Rechte jubilierte. Ob sich der Kandidat der Demokraten auf seiner Europa- und Nahost-Reise außen- und sicherheitspolitische Sporen verdienen kann oder ob das von seinen Gegnern gezeichnete Bild des unbeleckten Naivlings bekräftigt, wird Obama erst wissen, wenn er wieder zu Hause ist.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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