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Obamas Kabinett Die lustigen Weiber von Washington

 ·  Eine First Lady im Kabinett ist riskant genug. Barack Obama will eine ganze Reihe von starken Persönlichkeiten zu Ministern machen. Primadonnen brauchen einen energischen Dirigenten.

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Eine Washingtoner Weisheit besagt: „Personnel is policy.“ Sollte es aber wahr sein, dass die Personalentscheidungen eines neuen Präsidenten seine politische Linie offenbaren, gäbe es in diesen Tagen einigen Anlass zum Staunen. Denn „change“, der Wandel, wie Barack Obama ihn zwei Wahlkampfjahre lang in Aussicht gestellt hat, scheint sich nun auf einmal als „return“, als Rückbesinnung, zu enthüllen. Und selbst wenn diese sich natürlich nicht auf George W. Bush und dessen Mannschaft richtet, ist ganz Washington doch verwundert, wie ausgiebig Obama aufs wohlbekannte Personal der Regierung Clinton zurückgreift.

Wobei Hillary Clinton als künftige Außenministerin fast noch die Ausnahme darstellt. Ihre offizielle Rolle war damals, meist gegen ihren Willen, die der First Lady. In Obamas Team trifft sie aber jetzt auf alte Bekannte, die im Weißen Haus ihres Ehemannes schon wichtige Ämter innehatten. Mit Namen wie Rahm Emanuel, Eric H. Holder, Timothy F. Geithner, Lawrence H. Summers, Peter R. Orszag dämmern die neunziger Jahre wieder herauf. Als graue Eminenz taucht unter den Veteranen gar Robert E. Rubin auf, viereinhalb Jahre lang Clintons Schatzminister, dem jetzt gelungen ist, seine Schützlinge an die Regierungshebel der Wirtschaft zu befördern.

Von einer Revolution kann nicht die Rede sein

Wie Rubin, dem Direktor und Oberberater der krisengeschüttelten Citigroup, ist ihnen die Wall Street nicht nur vom Hörensagen bekannt. Sie wechseln mitten in der Finanzkrise also nur die Seiten. Von einem Austausch des verantwortlichen Personals, von einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit, ja von einer Revolution, wie sie sich und uns etwa der Risikoforscher und Wirtschaftsphilosoph Nassim Nicholas Taleb wünscht, kann also nicht die Rede sein.

Wie lässt sich Obamas Vertrauen in die alte Garde erklären? Haben nach all den langen Jahren im Schatten der Republikaner die Denkfabriken der Demokraten keinen Nachwuchs zu bieten? Oder schreckt der designierte Präsident nun plötzlich vor dem Wandel, den er versprach, und damit vor seiner eigenen Courage zurück? Valerie Jarrett und David Axelrod, die beiden Vertrauten und Berater, die er aus Chicago mitbringt, werden sich gegen eine etablierte Washingtoner Phalanx durchzusetzen haben. Auch Gefolgsleute wie sie verteidigen aber Obama mit der Zusicherung, er habe seine Ziele nicht aufgegeben, wohl aber erkannt, dass er sie am besten erreichen könne, wenn er sich dabei auf die Erfahrung altgedienter Profis stütze. Debatten seien ihm, dem Mann, der an der Universität von Chicago einst von Berufs wegen die intellektuelle Herausforderung suchte, willkommen. Davon abgesehen, verlangten die Finanzkatastrophe und die Krisenherde im Irak, in Afghanistan und Pakistan gerade keine Revolutionäre und keine Experimentatoren, sondern erprobte Sachverständige. Sich zu erproben, hatten sachverständige Demokraten in den vergangenen vier Jahrzehnten aber nur unter Clinton oder, noch weiter zurückliegend, unter Carter Gelegenheit.

Wie Obama dirigiert, muss sich noch zeigen

Zumal angesichts der Einbindung Hillary Clintons ins Kabinett Obama wird gern das Beispiel Abraham Lincolns herangezogen, der in seinem „Team of Rivals“ geschickt seine Gegner für sich arbeiten ließ. Obama ließ schon im Mai wissen, dass er das Buch dieses Titels von Doris Kearns Goodwin gelesen hat. Lincoln nahm die drei Kandidaten, die ihm im Mai 1860 auf dem Nominierungsparteitag in Chicago unterlegen waren, in sein Kabinett auf: Senator William H. Seward aus dem Staat New York wurde Außenminister, Salmon P. Chase, der Gouverneur von Missouri, Schatzminister und Edward Bates, ein Richter aus Missouri, Justizminister. Obama machte Joe Biden zu seinem Vizepräsidenten und will offenbar Bill Richardson als Handelsminister berufen. Lincolns Schachzug, wie der Historiker James Oakes jetzt darlegt, war aber gar nicht so neu. Auch John Quincy Adams hatte bereits seinem Rivalen Henry Clay den Außenministerposten anvertraut, und seine Nachfolger Millard Fillmore, Franklin Pierce und James Buchanan folgten einem ähnlichen Modell. Besonders erfolgreich waren alle diese Regierungen nicht.

Wenn Lincoln sich auch vor keinem Rivalen in seinem Team fürchtete, dachte er indes nicht daran, einen Gegner aus der anderen Partei, also der demokratischen, zu engagieren. Oakes weist nun darauf hin, dass dieses Kabinett nie als geschlossene Gruppe auftrat und handelte und vor allem die Kriegsjahre mit gegenseitigem Intrigieren verbrachte. Nicht als Rivalen bereiteten sie Lincoln Kummer, sondern als Primadonnen, die sich von niemandem vorschreiben lassen wollten, welche Arie sie bei ihrem nächsten Auftritt zu singen hätten. Als Primadonnen werden jetzt die Damen und Herren, die Obama bisher verpflichtet hat, noch nicht bezeichnet. Aber erste Bedenken, dass durch solch „starke Persönlichkeiten“ wie Hillary Clinton, Rubin, Summers und Emanuel womöglich die inneren und äußeren Debatten der Regierung Obama allzu lebhaft geraten könnten, sind aufgetaucht. Primadonnen brauchen einen energischen Dirigenten. Wie Obama dirigiert, muss sich erst noch zeigen.

Obamas übergebildete Leistungsautomaten

Ausgesprochen märchenhaft ist dennoch die allgemeine Zustimmung, die Obama bisher erfährt. Wird er in den eigenen Reihen als Pragmatiker und Problemlöser gefeiert, so schwärmen selbst manche Republikaner schon von einem Präsidenten, der sich rechts von der Mitte am wohlsten fühle. Ein demokratischer Fan sucht seine Gesinnungsgenossen derweil mit dem „Violinenmodell“ zu trösten: Halte die Macht mit der linken Hand und mache Musik mit der rechten. Das könnte vielleicht auch David Brooks behagen, dem reflektiert konservativen Kolumnisten der „New York Times“, der ob der neuen Regierungsmannschaft immer überschwenglicher in Begeisterung gerät. Das Beste, was Washington zu bieten habe, versammle Obama, und allesamt seien dessen neue alte Entscheidungsträger aufgeschlossen, als Fachleute ausgewiesen, nicht übermäßig parteigebunden, nicht ideologisch, aber mit praktischer Kreativität ausgestattet, kurz: „Die Personalentscheidungen waren süperb.“

Brooks mag ja recht haben, wenn er schreibt, die künftige Regierung sei doppelt so klug wie die „armen Reporter“, die über sie berichten müssten. Und ein bisschen mögen sie ihm auch Angst einjagen, die „overeducated achievatrons“, Obamas übergebildete Leistungsautomaten, die ihn zudem an die Enarchen aus den Kaderschmieden des hierzulande notorisch schlecht beleumdeten Frankreich erinnern. Eine reine Intellektuellenregierung braucht Amerika trotzdem noch nicht zu fürchten, auch wenn der Präsident Studien- und Lehrjahre in Harvard und Chicago, seine Frau in Princeton und Harvard nachweisen kann und sein Team wie ein suprauniversitärer Ehemaligenverein der Efeuliga ausschaut. Goldman Sachs und Citigroup werfen aber mindestens ebenso große Schatten wie linke Thinktanks, ob sie nun „Brookings Institution“ oder „Center for American Progress“ heißen. Sicher ist es für die letztgenannte Organisation nicht ganz unwichtig, dass John D. Podesta, ihr Leiter, von Obama zum Chef seines Übergangsteams ernannt wurde.

Mehr Harvard als Hollywood

Die Revolution, die bei der Zusammensetzung der Regierung ausbleibt, könnte jedoch wenigstens die Washingtoner Kultur- und Gesellschaftsszene erfassen. So hoffen es zumindest all jene, die acht Jahre lang über einen Präsidenten lamentiert haben, der um neun Uhr ins Bett ging und sich zwischen seinen Regierungspflichten allenfalls körperkulturell engagierte. Die Obamas lassen da noch keinen genauen Fahrplan erkennen. Als „cool cat“, wie ihn Christopher Buckley, Humorist mit konservativen Neigungen, pries, ist Obama gleichwohl nicht für alle Grenzüberschreitungen zu haben. Hiphoppern empfiehlt er auch schon mal, die Hosen hochzuziehen, und wer bei seiner Amtseinführung aufspielt, ein Bruce Springsteen oder Yo-Yo Ma, ist auch noch nicht entschieden.

Wie er zurzeit vor die Kameras tritt, eher lakonisch, reserviert, geradezu trocken in seinem Gebaren, könnte den Verdacht nahelegen, er versuche, seinen angeborenen Glamour abzustreifen oder wenigstens fürs Nächste vergessen zu machen. Harvard kommt jedenfalls stärker zum Zuge als Hollywood. Deswegen aber kehrt bei den Vertretern des Geistes noch keine Ruhe ein. Buchhändler machen sich schon Sorgen, dass Obama schlecht fürs Geschäft sein könnte. Die Buchlawinen, die Bush und seine vermessenen Abenteuer ausgelöst haben, dürfte es auf absehbare Zeit nicht wieder geben. Gute Nachrichten sind von Natur aus weniger sexy. Mögen Obamas Nachrichten weniger sexy bleiben.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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