20.01.2009 · Der Amtseid und die erste Rede eines neuen amerikanischen Präsidenten folgen heiligen Prinzipien. Auch Obama dürfte in seiner Ansprache das Gottesgeschenk der Freiheit beschwören. Seine größte Herausforderung jedoch: Er muss sich selbst übertreffen.
Von Matthias Rüb, WashingtonDer Brauch, dass amerikanische Präsidenten sich zu ihrer Amtseinführung mit einer „Inaugural Address“ ans Volk und auch an die Welt wenden, ist so alt wie das Amt selbst. George Washington hielt am 30. April 1789, kurz nachdem er seinen Amtseid abgelegt hatte, die erste Präsidentenrede - auf dem Balkon der „Federal Hall“ in New York.
Diese Rede gab einen Ton vor, der in fast allen Ansprachen amerikanischer Präsidenten zur Amtseinführung wie auch in deren Reden an die Nation zu Krisen- und Kriegszeiten Widerhall findet: Sie beziehen sich auf einen Schöpfergott. Washington spricht vom „Allmächtigen Wesen“ und vom „Großen Autor“, dessen „unsichtbare Hand“ in allem Weltenwandel und zumal in der zu Washingtons Zeiten erst 13 Jahre alten Geschichte Amerikas zu erkennen sei: „Kein anderes Volk ist so tief verpflichtet wie jenes der Vereinigten Staaten, die unsichtbare Hand anzuerkennen und zu bewundern, welche das Geschick des Menschen bestimmt.“ Es sei auch deshalb die Aufgabe des amerikanischen Volkes, dem der himmlische Schöpfer „dieses Experiment anvertraut“ habe, „das heilige Feuer der Freiheit zu bewahren“.
Der ewige Streit um den Schwur auf die Bibel
Der Streit darüber, ob Washington selbst den Amtseid schon auf eine Bibel geschworen und zum Abschluss der Eidesformel die - im Verfassungstext des Amtseids gar nicht vorgesehenen - Worte „So wahr mit Gotte helfe“ gesprochen habe, ist akademisch. Er wird aber unverdrossen weitergeführt, und alle vier Jahre wieder bringt ein wackerer Kämpfer für das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat oder ein Eiferer für den Atheismus eine Klage vors Oberste Gericht, wonach ein Präsident einzig auf die Verfassung und nicht auf die Bibel zu schwören und am Tag der Vereidigung über Gott zu schweigen habe.
Verbürgt ist, dass die meisten Präsidenten ihren Amtseid abgelegt haben, während ihre linke Hand auf einer Bibel ruhte. Verbürgt ist zudem, dass seit Franklin D. Roosevelt, der von 1933 bis 1945 im Weißen Haus herrschte, alle Präsidenten auf eine Bibel schworen, „die Verfassung der Vereinigten Staaten zu bewahren, zu beschützen und zu verteidigen“. Sie schworen auch, dass sie für diese Aufgabe die Hilfe Gottes erbaten.
Obama will sich selbst übertreffen
Auch Barack Obama wird an diesem Dienstag seinen Amtseid ablegen und seine linke Hand auf eine Bibel legen - auf jene Abraham Lincolns. Und er wird „So help me God“ sagen, ehe er unmittelbar nach dem Amtseid seine „Inaugural Address“ geben wird. An dieser hat er, gemeinsam mit seinem Berater David Axelrod und seinem Chef-Redenschreiber Jon Favreau, seit Wochen gefeilt. Weil Obama noch nie vor großen Aufgaben zurückgeschreckt ist, wird er versuchen, eine Rede für die Jahrzehnte zu halten. Obama sei „ein Redner, der Politiker ist, nicht ein Politiker, der Reden halten muss“, sagt der Präsidentenhistoriker Wayne Fields. Deshalb sei die eigentliche Herausforderung für Obama, sich selbst zu übertreffen.
Präsidentenreden zur Amtseinführung waren nicht immer denkwürdig. Die meisten gerieten zu Recht rasch in Vergessenheit. Stets jedoch, seit der Amtsübergabe von George Washington auf John Adams im Jahre 1797, war die Vereidigung des neuen Präsidenten die Feier des heiligen Prinzips der friedlichen Machtübergabe in einer freiheitlichen Gesellschaft. In dieser Zeremonie, über die Jahrhunderte hinweg mit Pomp und Paraden und Salutschüssen überschmückt, wird die Sehnsucht nach dem demokratischen Wandel mit jener nach der Kontinuität der Republik versöhnt. Der alte Präsident und der neue sollen sich die Hand reichen - selbst wenn sie sich am liebsten an die Gurgel gingen.
Das heilige amerikanische Prinzip der Freiheit
Ein weiteres heiliges Prinzip ist die Beschwörung des amerikanischen Gründungsmythos schlechthin, der Freiheit als dem Grundpfeiler der amerikanischen Zivilreligion. Aus der Frühzeit der Union stammt die bis heute wirkmächtige Ideologie, dass Amerika den „Wilden Westen“ und später ganze Weltgegenden nicht erobert habe, sondern den Menschen und Staaten zurief: „Schließt euch unserem gottgefälligen Experiment der Freiheit an, ihr werdet davon profitieren!“ In allen Ursprungsdokumenten der Vereinigten Staaten ist von der Freiheit als einer göttlichen Gabe die Rede. In der Unabhängigkeitserklärung von 1776 heißt es, dass alle Menschen „von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt“ seien und dass zu diesen Rechten „Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit“ gehörten.
In der Präambel der Verfassung von 1787, in der zwar im Ganzen der Gottesbezug bewusst fortgelassen ist, wird deren vornehmster Zweck als jener beschrieben, „die Segnungen der Freiheit“ für die Gegenwart und für alle Zukunft zu bewahren. In der „Bill of Rights“, den ersten zehn Verfassungszusätzen von 1791, wird das allgemeine Gottesgeschenk der Freiheit in einzelnen Rechtstiteln durchbuchstabiert - als Recht zur freien Religionsausübung, zur freien Rede und zu einer freien Presse sowie als das Recht, sich frei und friedlich zu versammeln.
Wo Religion und Freiheit gleich geschrieben werden
Dass das Recht zur freien Religionsausübung im ersten Verfassungszusatz als erstes genannt wird, ist kein Zufall. Als die puritanischen Pilgerväter mit ihren Schiffen an der Küste Neuenglands landeten, erhofften sie sich in der Neuen Welt die Freiheit der Religion mindestens ebenso sehr wie bessere Lebensverhältnisse, Freiheit von geistlicher Bedrückung mindestens ebenso sehr wie Freiheit von materieller Not. Und Freiheit der Religion verstanden sie eben nicht im Sinne von Freiheit von der Religion, sondern als Freiheit für die Religion. Religion und Freiheit sind in Amerika seitdem Zwillingsgeschwister.
Alexis de Tocqueville schreibt in „Über die Demokratie in Amerika“ von 1835: „Bei uns (in Frankreich) habe ich den Geist der Religion und den Geist der Freiheit immer nur in unterschiedliche Richtung sich bewegen sehen.“ In Amerika dagegen seien Religion und Freiheit „aufs engste miteinander verbunden: Sie regieren gemeinsam auf dem gleichen Boden“. Der revolutionäre Freiheitsfuror der bürgerlichen Bewegungen Europas richtete sich gegen die Aristokratie und gegen den mit dieser verbündeten Klerus. Der revolutionäre Freiheitsfuror der bürgerlichen Bewegungen in Amerika wurde dagegen von aus Europa verjagten christlichen „Underdogs“ getragen. Selbst Thomas Jefferson, der vielleicht am weltlichsten orientierte Politiker aller Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, war der Überzeugung, dass „keine Nation jemals ohne Religion existiert hat oder regiert wurde - noch dass dies einmal der Fall sein wird“. Sein Motto lautete: „Rebellion gegen Tyrannen ist Gehorsamkeit gegen Gott“, denn nach seiner Überzeugung ist es ein und derselbe Gott, „der uns das Leben gegeben hat und zur gleichen Zeit die Freiheit“.
Frei von Not und Furcht
In Krisen- und Kriegszeiten pflegen amerikanische Präsidenten diesen missionarischen Freiheitsgeist zu beschwören. Abraham Lincoln bezeichnete in seiner Jahresbotschaft an den Kongress vom 1. Dezember 1862, in einer der dunkelsten Stunden der amerikanischen Geschichte während des Bürgerkriegs, die Vereinigten Staaten als „letzte beste Hoffnung der Erde“. Als Woodrow Wilson am 2. April 1917 den Kongress zu einer Sondersitzung einberief, um eine Kriegserklärung gegen Deutschland und mithin den Eintritt in den Ersten Weltkrieg zu erbitten, schloss er seinen Aufruf, die „Welt sicher für die Demokratie“ zu machen, mit den Worten: „Amerika hat das noble Vorrecht, sein Blut und seine Macht für die Prinzipien einzusetzen, denen es seine Geburt und sein Glück und den Frieden verdankt, den wir so hochschätzen. Mit Gottes Hilfe können wir nicht anders.“
Franklin D. Roosevelt, der Amerika durch die Zeit der Großen Depression und des Zweiten Weltkrieges führte, beschwor in seiner Rede zur Lage der Nation vom 6. Januar 1941 die berühmten „vier grundlegenden menschlichen Freiheiten“: Zu den klassischen Freiheiten der Rede und Meinungsäußerung sowie der Religionsausübung fügte er die Freiheit von Not und die Freiheit von Furcht hinzu. Alle diese Freiheiten sollten „überall auf der Welt“ gelten. Ein Jahr darauf - inzwischen waren die Vereinigten Staaten nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor vom Dezember 1941 in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen worden - wandte sich Roosevelt an den Kongress: „Wir kämpfen heute für Sicherheit, Fortschritt und Frieden, nicht nur um unserer selbst, sondern um aller Menschen willen, nicht nur für eine Generation, sondern für alle Generationen. Wir kämpfen, gleich unseren Vätern, um die Lehre aufrechtzuerhalten, dass vor Gott alle Menschen gleich sind.“
Verantwortung für die freie Welt
Harry Truman, der Roosevelt nach dessen Tod am 12. April 1945 im Präsidentenamt nachfolgte, schlug nach seiner Wahl für eine weitere Amtsperiode am 20. Januar 1949 den gleichen Ton an wie sein Vorgänger: „Wir glauben, dass alle Menschen das Recht auf die Freiheit des Denkens und des Redens haben. Wir glauben, dass alle Menschen als gleiche geschaffen sind, weil sie nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Unerschütterlich in unserem Glauben werden wir voranschreiten zu einer Welt, in der die Freiheit des Menschen gesichert ist.“
Dwight D. Eisenhower, der als Weltkriegsgeneral nicht zu Sentimentalitäten neigte, gab am 20. Januar 1953 in der Antrittsrede zu seiner ersten Amtszeit auf den Stufen des Kapitols eine Marschorder für den Kalten Krieg aus: „Wir spüren mit all unseren Sinnen, dass die Kräfte des Bösen und des Guten, geballt und bewaffnet, einander gegenüberstehen wie kaum je in der Geschichte zuvor. An diesem Augenblick in der Geschichte müssen wir, die wir frei sind, unseren Glauben aufs Neue bekennen. Dieser Glaube bestimmt unsere ganze Lebensauffassung. Er bekräftigt, jenseits aller Debatte, die Geschenke des Schöpfers, die des Menschen unveräußerliche Rechte sind und alle Menschen vor Ihm gleich machen. Um die Herausforderungen unserer Zeit zu bestehen, hat die Vorsehung unserem Land die Verantwortung auferlegt, die freie Welt zu führen.“
Vom „Reich“ zur „Achse des Bösen“
Natürlich berief sich auch John F. Kennedy, der Amerika durch die vielleicht heißeste Phase des Kalten Krieges führte, in seiner „Inaugural Address“ vom 20. Januar 1961 auf den Allmächtigen. „Der Mensch“, sagte Kennedy eingedenk des atomaren Wettrüstens mit der Sowjetunion, halte heute „die Macht in seinen sterblichen Händen, alle Formen der menschlichen Armut abzuschaffen - und alle Formen des menschlichen Lebens.“ Der Glaube, für den die Gründerväter gekämpft hätten, sei auf dem ganzen Erdenball heute noch leitend: „Der Glaube, dass die Rechte des Menschen nicht vom Großmut des Staates herrühren, sondern aus der Hand Gottes.“
In donnernder Rhetorik versprach der junge Präsident: „Wir werden jeden Preis zahlen, jede Last tragen, jede Not bestehen, jeden Freund unterstützen, jeden Feind zurückschlagen, um das Überleben und den Erfolg der Freiheit zu sichern.“ Es ist - oft bis hin zur Wortwahl - der gleiche „Sermon“, den demokratische wie republikanische Präsidenten durch die Jahrhunderte vortragen, wenn sie die göttliche Freiheits-Mission und die „große Strategie“ Amerikas beschwören. Ronald Reagans Warnung vor dem kommunistischen „Reich des Bösen“ ist ebenso Teil dieser Tradition wie George W. Bushs Verurteilung der „Achse des Bösen“ oder dessen Mantra, wonach „Freiheit nicht das Geschenk Amerikas an die Welt ist, sondern das Geschenk des Allmächtigen an jeden Mann und jede Frau auf dieser Welt“. Vieles spricht dafür, dass auch Barack Obama vom Geschenk der Freiheit und von Gott sprechen wird - nicht nur in der Schwurformel zum Schluss des Amtseides.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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