08.10.2008 · Einen echten Sieger gab es nicht - und das ist schlecht für John McCain. Galt das zweite Fernsehduell gegen Barack Obama doch als wichtige Chance für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten, den Trend noch zu seinen Gunsten umzukehren.
Von Matthias Rüb, NashvilleWeil es keinen klaren Sieger gegeben hat, muss John McCain als der Verlierer gelten. Und weil die zweite Fernsehdebatte anscheinend zu keinem klaren Stimmungsumschwung geführt hat, durfte sich Barack Obama als Sieger fühlen. Ob McCain im dritten und letzten Aufeinandertreffen im Fernsehen mit Obama am kommenden Mittwoch das Ruder noch entscheidend herumreißen kann, ist sehr fraglich.
Genau betrachtet war das zweite Fernsehduell ein Abbild des ersten, obwohl das Format anders war: Nicht der Moderator - nach dem Nachrichtenveteran Jim Lehrer vom öffentlich-rechtlichen Sender PBS beim ersten Rededuelle war es dieses Mal der Nachrichtenveteran Tom Brokaw vom Fernsehsender NBC - stellte in der Nacht zum Mittwoch in der Aula der Belmont Universität in Nashville im Bundesstaat Tennessee die Fragen. Vielmehr verlas Brokaw lediglich die Fragen oder erteilte den Zuschauern im Saal das Wort.
Repräsentative Frage - einstudierte Kernsätze
Diese waren vom Meinungsforschungsinstitut Gallup unter lauter unentschlossenen Wählern ausgesucht worden. Jeweils ein Drittel war noch ganz und gar unentschlieden, ein Drittel neigte Obama und ein weiteres Drittel McCain zu. Weitere Fragen suchten Brokaw und die Kommission für Präsidentendebatten, die seit Jahr und Tag die Fernsehduelle oder Redegefechte der Kandidaten ausrichtet, aus Abertausenden von E-Mails aus, die von potentiellen Wählern an die Kommission geschickt worden waren.
Dennoch hielten sich beide Kandidaten an ihre beim ausführlichen Probieren an den Tagen vor der Debatte einstudierten Kernsätze, an die sie sich auch hielten, wenn sie etwas ganz anderes gefragt wurden. Der Unterschied war bloß ein kosmetischer: die beiden Kandidaten durften diesmal bei der nach Art eines Bürgerforums abgehaltenen Debatte von ihren Hockern aufstehen und auf die Zuschauer zugehen. Beim ersten Aufeinandertreffen mussten sie noch hinter ihren Stehpulten bleiben. Weder bei der Beantwortung der Sachfragen noch bei der Körpersprache gaben sich die beiden Kandidaten in Nashville signifikant anders als bei der ersten Debatte in Oxford im Bundesstaat Mississippi.
Krachende Gegensätze
Es ist kein Zufall, dass zwei Drittel der auf eineinhalb Stunden angesetzten Fernsehdebatte Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik gewidmet waren, während die Außen- und Sicherheitspolitik nur in der letzten halben Stunde verhandelt wurde. Bei beiden Themenbereichen trafen die Meinungen des Demokraten Obama und des Republikaners McCain krachend aufeinander.
Vor allem aber machte McCain mit seinen Angriffen auf Obama den meisten Lärm, während Obama ruhiger und gar präsidialer wirkte als sein immerhin 25 Jahre älterer Herausforderer. Obama bekräftigte seinen Vorwurf, dass die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise das Ergebnis von „acht Jahren verfehlter Politik“ unter dem republikanischen Präsidenten George W. Bush sei, die McCain mit seiner Forderung nach Deregulierung der Finanz- und Kapitalmärkte von Beginn an unterstützt und befördert habe.
McCain stellte sich dagegen als den ultimativen Außenseiter von Washington dar, der seit Jahren eine strenge Kontrolle der inzwischen wegen Zahlungsunfähigkeit verstaatlichten Hypothekenfinanzierer „Freddie Mac“ und „Fannie Mae“ gefordert habe. Tatsächlich erhielt Obama - wie McCain ihm vorwarf - von den beiden Washingtoner Finanzimperien Millionen von Wahlkampfspenden, doch ebenso wahr war auch der Gegenvorwurf Obamas, dass ein wichtiger Berater McCains lange Jahr als Lobbyist für „Freddie Mac“ tätig war.
McCain mit eigenem Rettungsplan für Hausbesitzer
McCain schlug als wichtigsten Schritt zur Stabilisierung der Finanzmärkte und zur Wiederbelebung der Wirtschaft vor, dass der Staat die „faulen“ Hypotheken von Millionen zahlungsunfähiger Hausbesitzerr aufkaufe, deren Häuser wegen des Preisverfalls auf dem Immobilienmarkt heute weniger wert sind als sie ihren Banken schulden; sodann sollten die vor Zwangsversteigerungen geretteten Hausbesitzer neue Kredite zu verbesserten Konditionen aushandeln.
Das mag als konkreter Vorschlag populär sein, widerspricht aber der von McCain auch in Nashville immer wieder bekräftigten Grundüberzeugung, wonach der Staat nicht als Akteur in der Wirtschaft auftreten, sondern sich mittels niedriger Steuern und Bürokratieabbau auf möglichst wenig Wesentliches beschränken solle.
Buffet als Finanzminister?
Wenig überzeugend war die Antwort beider Kandidaten, wen sie im Falle eines Wahlsieges als Nachfolger des gegenwärtigen Amtsinhabers Henry Paulson zum Finanzminister ernennen würden: Beide nannten das milliardenschwere Investmentgenie Warren Buffett, der aber immerhin schon 78 Jahre alt ist und bisher mit Washington und dem Regieren nichts zu tun haben wollte.
Der Tiefpunkt für McCain im ersten Abschnitt der Debatte war seine saloppe Zusicherung, man könne die Reform der staatlichen Rentenversicherung, die Energiewende und die Ausweitung der Krankenversicherung auf die meisten der gegenwärtig 47 Millionen Unversicherten „zur gleichen Zeit erreichen“, weil „wir Amerikaner sind“; eine Prioritätenliste müsse man deshalb nicht aufstellen. Dem setzte Obama entgegen, dass die Überwindung der Abhängigkeit von importierten Energieträgern an erster Stelle stehen müsse, weil dies zugleich eine Frage der nationalen Sicherheit sei.
McCain versicherte, er wolle für niemanden die Steuern erhöhen, weil dies zumal kleinen und mittleren Unternehmen schaden und zu weiteren Arbeitsplatzverlusten führen werde. Obama wies wie gehabt den Vorwurf McCains zurück, er plane die Erhöhung der Steuern für 60 Prozent der Kleinunternehmer; vielmehr würden während seiner Präsidentschaft 95 Prozent der Amerikaner einen Steuernachlass erhalten, nur Jahreseinkommen über 250.000 Dollar würden „aus Gründen der Fairness“ höher besteuert.
Während McCain Obama als eine Art sozialistischen Umverteiler hinstellte, beschrieb Obama McCain als Erfüllungsgehilfen der Großkapitalisten der Öl- und Gasindustrie, denen er weitere Steuergeschenke machen wollte. Bei dem verschärften Schlagabtausch wirkte Obama aber wesentlich ruhiger, auch höflicher, während McCain seinen Herausforder einmal als „diesen da“ beschrieb und dessen Mitstreiter als „Kumpane“ bezeichnete.
McCain kann auch bei außenpolitischen Fragen nicht glänzen
Auch im zweiten, außenpolitischen Teil der Debatte, der sich zeitlich auf das letzte Drittel beschränkte, vermochte sich McCain nicht entscheidend gegen Obama durchzusetzen. Es gelang Obama im Gegenteil der vielleicht beste Konterangriff des Abends, als er den Vorwurf McCains, er, Obama, verstehe manches nicht in der Außen- und Sicherheitspolitik, rundweg bejahte: Zum Beispiel verstehe er ganz und gar nicht, warum man in den Irak habe einmarschieren müssen, wo doch das Regime unter Saddam Hussein nichts mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem Terrornetz Al Qaida zu tun gehabt habe.
Erst diese selbstverschuldete Ablenkung vom eigentlichen Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan und auch in Pakistan habe es Al Qaida und den Taliban ermöglicht, sich in dem unwegsamen Grenzgebiet zu sammeln und zu regruppieren. „Wir müssen den Irakkrieg beenden, damit wir unsere Arbeit in Afghanistan erledigen können“, sagte Obama - und er weiß mit dieser Ansicht zwei Drittel der Amerikaner hinter sich, die zwar die verbesserte Sicherheitslage im Irak als wichtigen Fortschritt anerkennen, aber dennoch den Irak-Krieg als Fehler betrachten.
Gegen dieses Argument wirkte die Beschwörung McCains, Amerika sei „eine Kraft des Guten in der Welt“ seltsam blass - so wahr sie auch nach Überzeugung fast aller Amerikaner sein mag. Und so volkstümlich und authentisch sich McCain auch geben mochte, so oft er sich auch mit seiner liebsten Grußformel „Meine Freunde“ ans Publikum im Saal und an den Bildschirmen wenden mochte, er schien dennoch nicht den rechten Zugang zu finden zu den Menschen „draußen im Lande“ und zu deren Sorgen. Es war der auch in Nashville wie stets etwas abgehoben, fast akademisch wirkende Obama, der sich als „Mann des Volkes“ präsentierte.
McCain wirkte schmierig ...
bernd ullrich (demokrat2)
- 08.10.2008, 12:06 Uhr
54% zu 30% unklar?
Tim Hanson (tbhanson)
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Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
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Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 08.10.2008, 16:09 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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