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Obama und sein Vize Der Abstieg vom Olymp

25.08.2008 ·  Am Wochenende hat Barack Obama seinen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten benannt. Kommende Woche wird er sich selbst zum amerikanischen Präsidentschaftskandidaten ausrufen lassen. Sein Charisma hat ihn weit gebracht. Ist der Siegeszug jetzt vorüber?

Von Matthias Rüb
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Der Parteitag der Demokraten, eine recht schrille Krönungsmesse für den Präsidentschaftskandidaten, könnte für Barack Obama zu keinem besseren Zeitpunkt kommen. Der 47 Jahre alte Junior-Senator aus Chicago im Bundesstaat Illinois darf von dem gewaltigen Medienrummel, der die viertägige Veranstaltung in Denver von diesem Montag an begleiten wird, gewiss einen hübschen Auftrieb erwarten. Und den hat er auch bitter nötig.

Nötiger vielleicht als je zuvor in seiner erstaunlichen Kampagne für die Präsidentenwahlen am 4. November, die er an einem klirrend kalten Wintertag im Februar 2007 mit einer Rede vor dem Alten Kapitol in Springfield in Illinois offiziell begonnen hatte. Wie alles in Obamas Karriere war auch der Ort dieser Rede mit Bedacht gewählt: An gleicher Stelle hatte am 16. Juni 1858 ein aufstrebender Politiker von damals 49 Jahren namens Abraham Lincoln seine bald darauf berühmte Rede gehalten, in welcher er angesichts des Streits zwischen dem Norden und dem Süden um die Sklaverei die amerikanische Nation mit den Worten des Evangelisten Matthäus davor gewarnt hatte, dass "ein jegliches Haus, so es mit sich selbst uneins wird, nicht bestehen kann".

Er hat sich noch nie kleine Fußstapfen ausgesucht

Der Politiker Barack Obama hat sich noch nie kleine Fußstapfen ausgesucht, in welche er auf seinem historischen Gipfelsturm in Richtung Weißes Haus zu treten gedachte. Am Samstag kehrte Obama mit seinem frisch gekürten Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten, Senator Joseph Biden aus Delaware, zum ersten gemeinsamen Auftritt als Team nach Springfield vor das Alte Kapitol zurück: Der Geist Lincolns sollte auch über dem eher schlichten Akt der Vorstellung eines "running mate" schweben.

Und tatsächlich hat es Obama mit seiner politischen Predigt vom "Wandel, an den wir glauben können" und mit seinem Lincolnschen Versprechen, eine tief gespaltene Nation wieder zusammenzubringen, aus den Klauen der Washingtoner Machtpolitik zu befreien und schließlich in eine leuchtende Zukunft zu führen, sehr weit gebracht. So weit wie kein schwarzer Politiker vor ihm. Weiter auch als Hillary Clinton, die lange Zeit als unausweichliche Präsidentschaftskandidatin gegolten hatte, ehe sie sich nach einem episch langen Vorwahlkampf gegen Obama im Juni endlich geschlagen geben musste.

Der Vorsprung ist geschrumpft, die Demokraten haben Grund zur Sorge

Doch seither ist es nicht gut gelaufen für Obama. Der Vorsprung in den Umfragen auf den Herausforderer John McCain ist geschrumpft. Einige Meinungsforscher sehen den Republikaner gar schon in Führung - und das in einem Wahljahr, in dem von der Wirtschafts- und Energiekrise über die Kriegsmüdigkeit und die Staatsverschuldung bis zum Überdruss an einem historisch unpopulären Präsidenten alles buchstäblich nach dem von Obama gepredigten Wechsel zugunsten eines Demokraten im Weißen Haus schreit.

Schon ist weithin vom Phänomen des "buyer's remorse" die Rede, von der "Reue des Käufers", der sich vom schönen Schein eines Produkts hat blenden lassen und hernach feststellt, dass er auf minderwertige Qualität hereingefallen ist. Auch das Gespenst des "August Curse" geht um, wonach ein im Frühsommer schon sicher geglaubter Sieg im verfluchten Wendemonat August aus den Händen gleitet - so wie es 1988 Michael Dukakis gegen George Bush den Älteren und vor vier Jahren John Kerry gegen den Jüngeren widerfahren war.

Die Strategen der Demokraten haben Grund zur Sorge, denn die letzten vier Wochen haben Obama nicht recht vorangebracht. Die Auslandsreise von Ende Juli und zumal die Rede vor verzückten Deutschen an der Siegessäule in Berlin hat ihm offenbar eher geschadet als genützt, nicht zuletzt weil es die immer aggressivere Wahlkampfmaschine McCains verstanden hat, Obama als substanzlose Berühmtheit ohne die nötigen Führungsqualitäten hinzustellen. Gerade in besonders umkämpften Staaten wie Ohio, Michigan, Florida oder auch Virginia und bei den vermutlich wahlentscheidenden Wählern der politischen Mitte konnte McCain in den vergangenen Wochen zulegen.

Hässliche Angriffe und hässliche Gegenangriffe

Doch kann Obamas Rechnung auf das Weiße Haus natürlich noch aufgehen: In der Wahlnacht am 4. November gelten Umfragen vom August nichts mehr. Auch hat Obama während der Vorwahlen, als Hillary Clinton ihm mit scharfen Angriffen auf seine Kompetenz und Konsistenz lange die Nominierung verweigerte, bewiesen, dass er Krisen überstehen und Gegenangriffe führen kann. Das hat Obama - nach dem Geschmack mancher demokratischer Wahlkampfstrategen reichlich spät - jetzt auch gegen die teils unfaire, in jedem Fall aber effektive Wahlwerbestrategie McCains getan.

Seit McCain, der in zweiter Ehe mit der millionenschweren Erbin des größten Spirituosenvertriebs in Arizona verheiratet ist, in einem Interview nicht auf Anhieb die Zahl der Häuser und Wohnungen nennen konnte, die er und seine Frau Cindy besitzen, hämmern Obama und sein Team auf McCain ein: Als einen abgehobenen Superreichen zeichnen sie ihn, der den Kontakt zur Wirklichkeit der Mehrheit der Amerikaner verloren habe. In einem Wahlwerbespot Obamas wird die Zahl der Häuser und Wohnungen der McCains mit mindestens sieben, deren Wert mit gut 13 Millionen Dollar angegeben. "Wenn jemand nicht einmal weiß, wie viele Häuser er besitzt, überrascht es auch nicht, dass er die Wirtschaft für gesund hält", sagt Obama: Es gebe "eine Kluft zwischen McCains Welt und dem, was normale Leute hier in Amerika täglich erleben".

Manches spricht dafür, dass es von den Wählern nicht als Widerspruch aufgefasst wird, wenn Obama an seiner frohen Botschaft von Wandel und Hoffnung festhält und zugleich hässliche Angriffe McCains mit hässlichen Gegenangriffen vergilt. Es mag zudem ein gutes Omen für Obama am Vorabend des Parteitages von Denver sein, dass sein kometenhafter Aufstieg vor ziemlich genau vier Jahren begann: mit seiner fulminanten Rede beim Wahlparteitag der Demokraten 2004 im Bostoner "Fleet Center", bei welchem seinerzeit John Kerry gekürt wurde. Jeder spürte es damals: Dieser Kerl, der damals noch nicht einmal in den Senat in Washington gewählt war, hatte das Zeug zu einer Führungspersönlichkeit vom Schlage eines Bill Clinton, vielleicht sogar eines John F. Kennedy.

Ein Schlüsseltext zum Verständnis des Kandidaten

Die Rede von 2004, mit fast unheimlichem Selbstbewusstsein und fast hoffärtiger Gewissheit um deren Wirkung vorgetragen, ist bis heute der Schlüsseltext zum Verständnis Obamas - zum Verständnis seiner Stärken wie seiner Schwächen. Es gelang ihm damals, die Demokraten anzufeuern und zugleich den Republikanern die Hand der Versöhnung entgegenzustrecken: "Es gibt nicht das Amerika der Schwarzen und der Weißen und der Latinos und der Asiaten, das Amerika der Linken und der Rechten", sondern es seien eben die "Vereinigten Staaten von Amerika", wo man gemeinsam zu glauben wage, dass "die besseren Tage noch vor uns liegen".

Es sind solche Sätze von fast banaler Klarheit und Wahrheit, mit welchen Obama bei seinen gekonnt vorgetragenen Reden den Weg direkt ins Herz vieler Amerikaner fand. Doch gerade solche Sätze findet er oft nicht in der freien Rede in Debatten mit Rivalen, kaum je in Interviews und auch nicht im Gespräch mit "einfachen Leuten", zu denen er bis heute keinen rechten menschlichen Kontakt herzustellen vermochte, sofern sie nicht sehr jung sind. Deshalb bietet er eine so breite Angriffsfläche für den Vorwurf, er sei elitär und überehrgeizig, dazu ein Opportunist mit wolkigen Vorstellungen, der nicht das Zeug zum Oberkommandierenden habe.

Charisma kann ja so flüchtig sein

Dass sich Obama seit seiner ersten Sternstunde die faszinierende Strahlkraft seiner Person bewahren konnte, ist keine geringe Leistung; denn Charisma kann flüchtig sein. Wenn Obama am Donnerstag die Ernennung zum Präsidentschaftskandidaten offiziell angenommen und im Stadion "Invesco Field" vor bis zu 70.000 Menschen eine gewiss mitreißende Rede gehalten haben wird, muss er ganz rasch vom Olymp zu Denver in die Ebenen von Ohio und Michigan, Iowa und Florida, Nevada und Virginia herabsteigen. Denn dort schüttelt John McCain Hände, klopft auf Schultern, herzt Babys und sagt zum millionsten Mal zu aller Welt "My friends!"

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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