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New York Der liberale Sonderling

03.02.2008 ·  Rudy Giulianis Scheitern im Rennen um die amerikanische Präsidentschaftskandidatur zeigt: Auf nationaler Ebene haben es New Yorker Politiker schwer. Das weiß auch Hillary Clinton. Und Michael Bloomberg ist gewarnt.

Von Roland Lindner, New York
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Conswalia Green steckt noch mitten im Kulturschock. Vor ein paar Monaten ist die 36 Jahre alte Verwaltungsangestellte wieder in ihre Heimatstadt Wilmington im Bundesstaat North Carolina gezogen. Vorher hat sie neun Jahre lang in New York gelebt. „Es ist eine völlig andere Welt. Ich kann es manchmal nicht fassen, wie konservativ die Menschen hier sind.“ Konservativ, das heißt in North Carolina vor allem: tiefreligiös. „Wenn ich das Radio anmache, ist fast immer irgendeine Show mit religiösen Inhalten dran. Das gibt es in New York einfach nicht.“

Conswalia Green hat sich bei ihrem Umzug aber auch für ein besonders krasses Gegenstück zu New York entschieden: North Carolina wird den Südstaaten der Vereinigten Staaten zugerechnet, und die gelten als überdurchschnittlich konservativ. New York wiederum ist als die liberale Bastion des Landes schlechthin bekannt. Die Weltstadt wird daher nicht nur von den Südstaaten, sondern auch von anderen Teilen Amerikas mit Argwohn und einer gehörigen Portion Distanz beäugt.

Das Bild von New York als liberalem Sonderling ist auf nationaler politischer Ebene nicht gerade von Vorteil. New York hat als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum zwar eine gewaltige Bedeutung für die Vereinigten Staaten. Dennoch hat es für Außenstehende oft den Anschein, als spielten die Stadt und der gleichnamige umgebende Bundesstaat in der amerikanischen Politik nur eine untergeordnete Rolle. Der bislang letzte amerikanische Präsident, der aus New York kam, war Franklin D. Roosevelt. Dessen Amtszeit endete im Jahr 1945.

Giuliani musste seine Ambitionen begraben

In dieser Woche ist der frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani in den Vorwahlen in Florida katastrophal gescheitert. Giuliani musste seine Ambitionen begraben, Kandidat der Republikanischen Partei bei den Präsidentenwahlen im November zu werden. Es ist ein Absturz für den Mann, der im Jahr 2001 mit seinem zupackenden Handeln nach den Terroranschlägen in New York zu einem Nationalhelden wurde. John Mollenkopf, Professor für Politikwissenschaften an der City University of New York, führt Giulianis Debakel zum Teil auf seine New Yorker Identität zurück: „Für mich war Giuliani immer ein unplausibler republikanischer Kandidat.“

Zwar hat Giuliani etwa in der Terrorbekämpfung die aggressive Linie der Republikaner vertreten. Dafür hat er sich in gesellschaftlichen Brennpunktthemen wie Abtreibung oder Immigration in der Vergangenheit mit eher liberalen Positionen hervorgetan, die die meisten anderen New Yorker teilen. Im Wahlkampf hat er dann etwas krampfhaft versucht, seine Ansichten mit den konservativen Positionen der Republikaner vereinbar zu machen. Dabei war er wenig glaubwürdig.

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf geht traditionell an New York immer etwas vorbei. Das hat mit dem Wahlsystem zu tun: Jedem Bundesstaat ist eine bestimmte Anzahl von Wahlmännern zugeordnet, die nachher den Präsidenten bestimmen. In den meisten Bundesstaaten bekommt der Kandidat mit den meisten Wählerstimmen alle Wahlmänner zugeschlagen. Die Verteilung erfolgt also nicht proportional, und schon eine knappe Mehrheit entspricht einem vollständigen Sieg.

New York ist eine der begehrtesten Trophäen

New York ist sowohl als Bundesstaat und noch viel mehr als Stadt eine solide Hochburg der Demokraten: In der Wahl im Jahr 2004 gewann der insgesamt unterlegene demokratische Kandidat John Kerry den Bundesstaat New York mit 58 Prozent aller Stimmen klar gegen George W. Bush, in der Stadt New York erreichte er sogar fast 74 Prozent. New York ist zwar eine der begehrtesten Trophäen und stellt hinter Kalifornien und Texas die dritthöchste Zahl an Wahlmännern. Da die Machtverhältnisse aber klar verteilt erscheinen, konzentrieren die Parteien ihr Werben um Wähler lieber auf Bundesstaaten wie Florida oder Ohio, in denen der Ausgang offener ist.

Dieser Umstand macht die Stadt New York jedoch längst nicht irrelevant für den gesamten Wahlkampf. So kommt ein erheblicher Teil der Spenden für die Kandidaten aus der Stadt. Nach Angaben der Bundeswahlbehörde FEC sind bislang 49 Millionen Dollar aus dem Bundesstaat New York für die Kandidaten geflossen, der größte Teil davon dürfte auf New York City entfallen. Nur Kalifornien liegt mit 51 Millionen Dollar noch davor. Das heißt: Kandidaten müssen in New York nicht allzu viele Anstrengungen auf den Wählerfang verwenden, wohl aber dafür, Geldgeber für ihre Kampagnen aufzutreiben.

Rudy Giuliani war nicht der einzige New Yorker Präsidentschaftskandidat. Auch Hillary Clinton, Kandidatin für die Demokratische Partei, ist im Bundesstaat New York zu Hause, auch wenn sie ursprünglich aus der Nähe von Chicago stammt. Als möglichen weiteren Aspiranten gibt es noch den derzeitigen New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, der mit dem Gedanken spielt, als parteiloser Kandidat in das Rennen einzugreifen. Der Andrang von Bewerbern aus der Region weckte zwischenzeitlich in New York schon Phantasien, dass sich bei der Präsidentenwahl am Ende tatsächlich drei einheimische Kandidaten gegenüberstehen könnten.

Clinton - eine allzu liberale Nordstaatlerin?

Das Boulevardblatt „New York Post“ titelte vor einigen Monaten voller Vorfreude: „Ein Schlagabtausch unter New Yorkern für die Schlüssel zum Weißen Haus – kann uns etwas Besseres passieren?“ Das war, als Giuliani und Hillary Clinton noch als die klaren Favoriten ihrer Parteien galten. Auch Hillary Clinton hat keinen unangefochtenen Favoritenstatus mehr und muss sich mittlerweile ein hartes Rennen um die Kandidatur der Demokraten mit Barack Obama liefern.

Für Hillary Clinton ist als Bewerberin der liberaleren Demokraten die New Yorker Herkunft nicht annähernd ein so großes Handicap wie für Giuliani. Aber es macht ihre Kandidatur nach Meinung von John Mollenkopf auch nicht leichter: „Man muss nur in die Geschichte zurückblicken. Alle erfolgreichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in der jüngeren Vergangenheit waren aus den Südstaaten.“ Tatsächlich war der bislang letzte demokratische Präsident, der nicht aus einem südlichen Bundesstaat kam, John F. Kennedy aus Massachusetts. Mollenkopf rät Clinton daher: „Sie muss aufpassen, dass sie nicht als allzu liberale Nordstaatlerin wahrgenommen wird.“ Zumindest bei den Vorwahlen sieht sich Clinton nach dem Ausscheiden von John Edwards keinem Rivalen aus den Südstaaten mehr gegenüber. Obama ist im nördlich gelegenen Illinois zu Hause.

New York verblüfft

Michael Bloomberg dürfte der Absturz von Rudy Giuliani zu denken gegeben haben. Der New Yorker Bürgermeister lässt die Öffentlichkeit seit Monaten rätseln, ob er in das Präsidentschaftsrennen eingreift. Im vergangenen Jahr ist er aus der Republikanischen Partei ausgetreten und machte damit den Weg frei für eine unabhängige Kandidatur. Erst kürzlich wurde bekannt, dass er eine Wähleranalyse in Auftrag gegeben hat, um seine Chancen auszuloten. „Bloomberg tritt nur an, wenn er glaubt, auch gewinnen zu können“, meint Mollenkopf. Das aber sei unwahrscheinlich, denn für die breite Masse der Amerikaner sei Bloomberg keine Identifikationsfigur: „Er ist New Yorker, er ist Multi-Milliardär, und seine sozialpolitischen Einstellungen sind noch einmal liberaler als die von Giuliani.“

So sehr New York auch einen Ruf als Hochburg der Demokraten hat: Ganz so einfach sind die Machtverhältnisse nicht, und die Stadt steckt voller Widersprüche. So hat New York zwar als Künstler- und Intellektuellenmetropole ein großes Publikum, das traditionell den Demokraten nahesteht. Andererseits ist New York mit seinen vielen Banken und der Wall Street aber auch die Finanzhauptstadt der Welt und ein Symbol für den Kapitalismus, was ein freundliches Umfeld für die Republikaner sein sollte. Von Wall-Street-Banken sind indes mehr Wahlkampfspenden an Hillary Clinton geflossen als an jeden republikanischen Kandidaten.

New York verblüfft auch mit Blick auf die Wahl seiner Bürgermeister: Seit dem Jahr 1994, als Rudy Giuliani erstmals Bürgermeister wurde, hat kein Demokrat mehr die Stadt geführt. Professor Mollenkopf führt das auf schwache oder zu polarisierende Kandidaten aus den Reihen der Demokratischen Partei in den vergangenen Jahren zurück. Andere meinen, ein republikanischer Bürgermeister könne eine Machtbalance zu den Demokraten zu schaffen, die ansonsten die Stadtverwaltung dominieren. „Viele Menschen erwarten von Demokraten grundsätzlich, dass sie Steuern erhöhen, und das macht ihnen Angst. Deshalb sorgen sie für ein Gegengewicht“, sagt die ehemalige New Yorkerin Conswalia Green. Die Demokratin Anne Edris, die eine Pension im East Village betreibt, gibt zu, dass sie in der vorigen Bürgermeisterwahl im Jahr 2005 von ihrer gewohnten Linie abgewichen ist und sich für Bloomberg entschieden hat: „Es gibt viel, was ich an ihm nicht mag. Aber er ist ein guter Geschäftsmann, und das kann die Stadt gebrauchen.“

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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