08.01.2008 · Im kleinen Bundesstaat New Hampshire haben die Vorwahlen begonnen. Bei den Demokraten führt in Umfragen Barack Obama vor Hillary Clinton, bei den Republikanern liegt John McCain vor Mitt Romney. Freiwillige Kampagnenhelfer sind mit größtem Eifer im Einsatz.
Von Matthias Rüb, LaconiaAllen und Kathie McQuarrie sind sehr zufrieden und auch ein bisschen müde. Sie waren den ganzen Tag unterwegs, mehr als acht Stunden lang, haben an gut drei Dutzend Türen geklingelt und mit potentiellen Wählern der Demokraten gesprochen. Sie haben sie zu überzeugen versucht, an diesem Dienstag bei den Vorwahlen in New Hampshire für Barack Obama zu stimmen.
Allen und Kathie McQuarrie gehören zum Heer der enthusiastischen Unterstützer des 46 Jahre alten Senators aus Illinois. Dem schier unermüdlichen Einsatz der Freiwilligen im eiseskalten Iowa hat der Kandidat es zu verdanken, dass Obama beim dortigen „Caucus“ einen so überzeugenden Sieg erringen konnte. In Iowa fuhren sie mit ihren Mietwagen, vollgestopft mit Plakaten, Wahlwerbung, Erfrischungsgetränken und Keksen, meilenweit auf schnurgeraden Straßen und entlang an schneebedeckten Mais- und Sojafeldern von Farm zu Farm und von Kleinstadt zu Kleinstadt. Und so machen es die Freiwilligen Obamas jetzt hier im Herzen von New Hampshire in Neuengland, wo die Entfernungen gottlob nicht so groß sind wie in Iowa.
Mit großem Einsatz
Die McQuarries bezahlen ihre Übernachtung im Hotel hier in Laconia aus eigener Tasche. Wenigstens liegt die Stadt 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Concord überaus malerisch am Lake Winnipesaukee - ganz in der Nähe verbrachte der französische Präsident Nicolas Sarkozy im vergangenen Jahr seinen Sommerurlaub. Auch ihre Anreise aus Pennsylvania, wo sie wohnen, den Mietwagen und das Benzin bezahlen sie selbst. Wenn die gewaltigen Kosten eines Präsidentenwahlkampfes in den Vereinigten Staaten beziffert werden - in diesem Jahr ist von weit mehr als einer Milliarde Dollar die Rede - , dann ist der von ungezählten Freiwilligen und Kampagnenhelfern erbrachte Einsatz noch gar nicht mitgerechnet.
New Hampshire - „Wählt, wen ihr wollt - nur nicht Hillary“
Es sind in den Vereinigten Staaten weniger Bürger als in den meisten europäischen Staaten, die sich mit der Abgabe ihrer Stimme am politischen Prozess beteiligen; bei der Präsidentenwahl von 2004 wurde eine Wahlbeteiligung von gerade einmal 56,7 Prozent ermittelt, und das war schon so viel wie seit gut drei Jahrzehnten nicht mehr. Wer aber mitmacht, tut es meist mit großem Einsatz und mit großem Anspruch. Und in New Hampshire, wo nur 1,3 Millionen Menschen leben, sind die als notorisch eigenwillig bekannten Wähler von der Zuwendung der Kandidaten zum Auftakt eines Präsidentenwahljahres so verwöhnt, dass sie einige von ihnen mindestens einmal persönlich erlebt haben wollen, ehe sie sich für einen entscheiden.
Allen und Kathie McQuarrie wollen unentschlossenen Wählern Entscheidungshilfe leisten - für Obama, versteht sich. Nach der jüngsten Umfrage vom Wochenende hat der seinen wochenlangen Rückstand auf die frühere First Lady Hillary Clinton gutgemacht und lag am Vorabend der „Primary“ mit 39 Prozent Zustimmung zehn Prozentpunkte vor der Senatorin aus New York. Auf dem dritten Rang folgt bei den Demokraten von New Hampshire der frühere Senator aus North Carolina, John Edwards, der in Iowa am vergangenen Donnerstag auf den zweien Rang gekommen war.
Im „multikulturellen Wirbel“
Dass sie sich für einen Demokraten entscheiden würden, war für die McQuarries keine Frage, denn seit je haben sie für die Partei mit dem Esel im Wappen gestimmt. Den Ausschlag für Obama habe ein Kommentar des aus Indien stammenden amerikanischen Publizisten Fareed Zakaria im Wochenmagazin „Newsweek“ gegeben, erzählt Kathie McQuarrie. Darin hatte Zakaria dargelegt, dass ein amerikanischer Präsident, der als Sohn erst eines kenianischen Vaters und später eines indonesischen Stiefvaters sowie einer amerikanischen Mutter aufgewachsen sei, dazu vier Jahr seiner Kindheit im muslimisch geprägten Indonesien verbracht habe und später im „multikulturellen Wirbel“ von Hawaii großgeworden sei, dem Land gerade jetzt bestens anstünde. „Unser Ansehen in der Welt ist vor allem wegen des Irak-Kriegs so zerrüttet, dass die Welt uns vielleicht wieder besser verstehen kann, wenn unser Präsident mehr wie die Welt aussieht und nicht nur wie das weiße Amerika“, sagt Kathie McQuarrie.
Dabei sind die McQuarries nicht gerade repräsentativ für die meist sehr jungen Obama-Aktivisten. Nach einem langen Berufsleben als Lehrer arbeiten sie, in Ehren ergraut, nur noch halbtags. Dass Amerikas Ansehen in der Welt so ramponiert sei, werde von den Wählern bei den Haustürgesprächen am häufigsten genannt, sofern es überhaupt um Außenpolitik gehe. Dass der Irak-Krieg schon verloren sei, glaubten aber bei weitem nicht alle.
Vor allem aber erwarteten die Leute von einem neuen Präsidenten, dass er die steigenden Kosten für ein Hochschulstudium in den Griff bekomme, dass er grundsätzlich mehr für die Bildung tue, dass er die Krise am Immobilien- und am Kreditmarkt beende und das Gesundheitswesen reformiere. Also werde der Wechsel-Enthusiasmus Obama an diesem Dienstag zum zweiten Sieg verhelfen, schließt Allen McQuarrie.
Für Giuliani würde sie niemals stimmen
Mit einem schwarzen Kandidaten oder gar Präsidenten hätte auch Valerie Hammond keine Probleme. „Alles, nur nicht Hillary“, lacht sie. Die bibelfeste Protestantin, die für die Werbung im örtlichen Mittelwellensender ihres Mannes zuständig ist und zweimal wöchentlich den Nachtdienst an der Rezeption eines Hotels übernimmt, wählt freilich seit jeher Republikaner. Das wird sie auch an diesem Dienstag tun und am 4. November, wenn es zur eigentlichen Entscheidung kommt, ob das Weiße Haus nach acht Jahren wieder an die Demokraten fällt.
„Ich glaube, Mitt Romney ist am ehesten in der Lage, einen Sieg der Demokraten zu verhindern“, sagt sie. Nur könne man bei ihm nicht so sicher sein, ob er es mit seinem politischen Einsatz gegen die Abtreibung und die Homosexuellenehe künftig wirklich ernst nehme, denn als Gouverneur von Massachusetts habe er eine deutlich liberalere Position eingenommen.
Den Baptistenprediger Huckabee, der nach den jüngsten Umfragen unter den republikanischen Wählern mit 14 Prozent Zustimmung auf dem dritten Rang hinter Senator John McCain aus Arizona (32 Prozent) und Romney (26 Prozent) liegt, kennt sie zu wenig, als dass sie ihm ihre Stimme geben würde. Für einen wie Rudy Giuliani, den früheren Bürgermeister von New York, der ja schon zum dritten Mal verheiratet sei und außer dem Kampf gegen den Terrorismus kein Thema zu bieten habe, würde sie niemals stimmen. Für Giuliani, der lange Zeit in New Hampshire zu den Spitzenreitern gehört hatte, wollen nach den letzten Umfragen nur noch etwa elf Prozent der republikanischen Wähler stimmen.
Wie in Iowa sind auch in New Hampshire 95 Prozent der Einwohner Weiße, es gibt gerade einmal 1,7 Prozent Latinos, 1,3 Prozent Asiaten und nur 0,7 Prozent Schwarze. Das Straßenbild in Laconia, ein in der Winterwunderlandschaft dieser Tage fast skandinavisch anmutendes Kreisstädtchen von gut 16.000 Einwohnern im Herzen New Hampshires, spiegelt diesen statistischen Befund. Man meint den eigenbrötlerischen Menschenschlag erkennen zu können, wenn auf manchem zugefrorenen See die Eisfischer ihrer Leidenschaft nachgehen sieht: Sie sitzen in einer Art Sicherheitsabstand voneinander entfernt, und gewiss sind sie fast so schweigsam wie die Fische, denen sie nachstellen. Aber an diesem Dienstag reden sie ein Wörtchen mit, wenn es um den nächsten Kandidaten fürs Weiße Haus geht.
Noch ist Hillary nicht verloren ... oder doch?
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 08.01.2008, 15:32 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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